Wie wir aus der Coronakrise herauskommen

Der Mittelstand ist von der Coronakrise stark betroffen – trotzdem begreifen viele die Pandemie als wirtschaftliche Chance. Warum das so ist, lesen Sie hier.

Die gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Erschütterungen durch die Corona-Pandemie sind erheblich und werden noch lange nachwirken. Berlin und Brüssel schnüren milliardenschwere Konjunkturpakete. Das ist als akute Maßnahme sinnvoll, doch stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit einer erneuten Geldschwemme und von extensiven Anleiheankäufen. Der deutsche Mittelstand indes hat in den vergangenen Monaten kreativ und ideenreich auf den Lockdown reagiert. Unterbrochene Lieferketten, behördliche Vorgaben, eingeschränkter Kundenverkehr und -kontakt erforderten kluge, vorausschauende Strategien zur Krisenbewältigung.

Diversifizierung als Weg aus der Krise

Laut KfW beweisen knapp 60 Prozent der mittelständischen Unternehmen Findigkeit und Flexibilität bei der Anpassung ihrer Produkt- und Dienstleistungspaletten, betrieblichen Abläufen sowie interner und externer Kommunikation. Denn kleine Unternehmen können sich schneller anpassen, ohne tiefgreifend in den Ablauf einer Produktionsstraße oder eines Maschinenparks eingreifen zu müssen.


Die Bandbreite ist erstaunlich. Neben Änderungen in Sortiment und Angebot justieren Unternehmer ihr Kerngeschäft neu: Messebauer stellen Schutzscheiben her, statt Bekleidung werden Masken genäht, aus Spirituosen entstehen Desinfektionsmittel. Dies ist zukunftsweisend. Wer mittelfristig diversifiziert, stellt sich krisenfest auf. Einseitige Geschäftsmodelle erweisen sich als fragil, während Risikostreuung Vorteile schafft. Wer mehr als eine Geschäftsidee verfolgt, seine Dienstleistungs- und Produktangebote breit streut und einen größeren Kundenkreis akquiriert, ist nicht mehr nur auf eine Lieferkette angewiesen und kann auf regionale Lockdowns flexibler reagieren. Unternehmen mit diversifiziertem Produktportfolio profitieren. Während etwa Vorkomponenten für produzierende Branchen im Regal liegen, können Konsumgüter umso mehr nachgefragt werden.

Digitalisierung – jetzt erst recht

Der Lockdown trifft vor allem Mittelständler im Handel hart. Kleine Unternehmen sind nun gezwungen, ihre Vertriebs- und Kommunikationswege zu digitalisieren. Produkte werden online beworben und vertrieben, Dienstleistungen gegebenenfalls per Life-Chat realisiert.
Die Erfahrungsberichte unserer Mitgliedsunternehmen zeigen, wie kreativ gerade Mittelständler ihren Kundenstamm halten und neue Vertriebswege gehen. Klar ist: Nichts ersetzt den direkten Kundenkontakt. Doch die forcierte Digitalisierung darf nicht rückgängig gemacht werden. Sie hilft allen Unternehmen, zukunfts- und wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Zwang zum Homeoffice hat branchenunabhängig gezeigt: In vielen KMU überwiegt der Enthusiasmus über eine neue, funktionierende Arbeits- und Kommunikationsform die Sorgen um die Effizienzverluste. Trotz und vielleicht gerade durch die digitale Vernetzung sind ganz neue Teambindungen und Teamfähigkeiten entstanden. Wir lernen daraus, auch und gerade in der Post-Corona-Zeit werden jene Unternehmen stärker sein, die jetzt ihre digitale Transformation eingeleitet haben und weiter daran arbeiten.

Größere Unabhängigkeit durch Regionalisierung

In der Krise hat sich vor allem die Anfälligkeit globaler Lieferketten gezeigt. Krisenfest zu sein heißt für Unternehmen in der Zukunft auch: größere Unabhängigkeit von ausländischer Produktion. In der Folge werden sich auch heimische Produkte und Produktionsprozesse nachhaltig verändern. Additive Fertigungen und 3D-Druck können deutsche Unternehmen unabhängiger von Vorprodukten aus dem Ausland machen. Sie holen sich gleichsam ihre Wertschöpfungs- und Lieferketten wieder zurück. Unternehmerische Krisenresilienz bedeutet auch den Wandel von einer bis dato alternativlosen Globalisierung zu einer behutsamen „Glokalisierung“, also der Stärkung regionaler und lokaler Wertschöpfung.
Vorerst sind das Perspektiven, die gleichsam aus der Not geboren sind. Die Pandemie wird noch lange nachwirken. Aber dass sich die deutsche Wirtschaft absehbar schnell erholen wird, ist wesentlich dem Mittelstand zu verdanken.

Gut zu wissen

 

  • Diversifizierung: Ausweitung des Leistungsprogramms eines Unternehmens auf neue Produkte und neue Märkte. Diversifikation ist ein Mittel der Wachstums- und Risikopolitik des Unternehmens

  • Glokalisierung: Die Idee, dass eine weltumspannende Wirtschaft mit globalen Warenströmen nie unabhängig von den Auswirkungen auf die regionalen und lokalen Standorte und dortigen Wertschöpfungsund Lieferketten betrachtet werden kann

  • Homeoffice: Laut einer Befragung der Stellenbörse Stepstone sind 83 Prozent aller Unternehmer mit der Mitarbeitereffizienz im Homeoffice zufrieden. Unter den Mitarbeitern äußern sich 77 Prozent zufrieden

  • Video- und Telefonkonferenzen sorgten für erheblichen Datentransport in den deutschen Netzen. Seit Anfang März stieg das Datenvolumen auf bis zu 125 Prozent des Normalniveaus. Seit Ende Mai normalisiert sich der Datenverkehr

Markus Jerger
BVMW Bundesgeschäftsführer

mittelstand@bvmw.de

 

 

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