Von der Schwierigkeit loszulassen

Unternehmensnachfolge ist ein komplexes Thema und wird oft zu spät geplant. Wie ist die aktuelle Entwicklung, wer hilft und was gilt es zu beachten? Ein Überblick.

Der deutsche Mittelstand schafft Arbeitsplätze, Innovation, Wohlstand, bildet aus und trägt einen erheblichen Teil der Steuerlast. Doch zieht sich ein mittelständischer Unternehmer aus seinem Lebenswerk zurück, muss die Nachfolge geklärt werden – und der Erhalt der Arbeitsplätze. Schließlich machen die 3,5 Millionen Klein- und Mittelbetriebe 99,5 Prozent aller Unternehmen hierzulande aus und beschäftigen knapp 32 Millionen Menschen – im Jahr 2006 waren es noch 26,2 Millionen. Ein Thema also von hoher volkswirtschaftlicher Relevanz. Nach einer im Dezember 2019 veröffentlichten Studie des KfW Mittelstands Panels wollen rund 152.000 Inhaber von KMU bis Ende 2021 ihr Unternehmen in die Hände eines Nachfolgers legen. Das sind vier Prozent aller kleinen und mittleren Firmen; 2018 waren es noch sechs Prozent, es ist also eine leichte Entspannung zu verzeichnen. Vor zwei Jahren drohten 16 Prozent aller KMU, deren Chefs ausscheiden, die Schließung, immerhin 600.000 Betrieben. Denn in der Nachfolgegeneration macht sich eine zunehmende Unlust zur Übernahme breit, das klassische inhabergeführte Familienunternehmen ist in Gefahr, und die demographische Entwicklung ist ein weiterer negativer Faktor: Immer weniger Übernahmewillige treffen auf Nachfolgesuchende.

Wenn die Kinder nicht wollen – der Unternehmensverkauf

Doch es gibt Alternativen zur familiären Übernahme: ein externer Käufer. Zwar sinkt die Zahl der Gründer insgesamt, doch sind zunehmend mehr junge Unternehmer an einer Existenzgründung durch Übernahme bestehender Unternehmen interessiert. Jeder zweite Altinhaber eines mittelständischen Unternehmens kann sich die Übergabe an einen externen Käufer vorstellen: eben Existenzgründer, aber auch andere Unternehmer oder Finanzinvestoren – 2019 gab es so viele Übernahmen durch Mittelstands-Private-Equity wie nie zuvor mit einem Volumen von 5,4 Milliarden Euro.

"Jeder zweite Altinhaber eines mittelständischen Unternehmens kann sich die Übergabe an einen externen Käufer vorstellen."

Der Käufer freut sich dabei über zumeist funktionierende Strukturen, einen Mitarbeiter- und Kundenstamm, Lieferanten und ein bewährtes Geschäftsmodell. Der Althinhaber hingegen steht vor erheblichen Planungsunsicherheiten: Die Fallstricke beim externen Verkauf sind mannigfaltig, die rechtlichen Bedingungen komplex, die Transaktionskosten hoch. Und letztlich muss – neben der Einigung über den Kaufpreis – bei beiden Parteien die Chemie stimmen.

Partnerbörse und Staatshilfe

Wenn sich Liebespartner über Algorithmen finden, warum sollten Partnerbörsen nicht auch Käufer und Verkäufer vereinen? Auf dem freien Markt tummeln sich eine Vielzahl von Nachfolgebörsen und Unternehmensberatern, die den zu übergebenden Betrieb bewerten und potenzielle Nachfolger vermitteln. Doch das Angebot ist deutlich höher als die Nachfrage, das zeigt ein Blick auf Deutschlands größte Vermittlungsagentur, die staatliche Nachfolgebörse nexxt-change. Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie in Kooperation mit der KfW Bankengruppe, Handelskammern sowie Volksbanken und Sparkassen hilft nexxt-change seit 2006, Altinhaber und potenzielle Neueigentümer zusammenzubringen. Das Ministerium vermeldet bislang rund 16.000 Unternehmensnachfolgen, die nexxt-change initiiert hat. Doch es herrscht ein deutliches Ungleichgewicht: Derzeit stehen etwa 5.400 Verkaufsangebote nur knapp 1.600 Kaufgesuchen gegenüber. Also versucht der Staat, Unternehmer zu motivieren, rechtzeitig die Nachfolge zu planen: Die Initiative „Unternehmensnachfolge – aus der Praxis für die Praxis“ des BMWi will durch Beratung und Modellprojekte Stilllegungen oder dem Scheitern von Übergaben präventiv begegnen. Eigentümer werden geschult, beizeiten Wissen und Netzwerke für eine erfolgreiche Übergabe aufzubauen. Praxisnahe Unterstützung bietet der Expertenkreis Unternehmensnachfolge des BVMW. Die erfahrenen Expertinnen und Experten bündeln überregional alle für einen erfolgreichen und nachhaltigen Generationenübergang relevanten Aspekte.

Sicher sind nur die Steuern

Der Staat hilft bei der Nachfolgeregelung, weil er erkennt, dass der deutsche Mittelstand eine Säule der Volkswirtschaft ist. Zugleich sind KMU veritable Nettosteuerzahler – und das bekommen Alteigentümer und Nachfolger bei der Übernahme zu spüren: Egal, ob Nachfolge durch Vererbung, Schenkung, Verkauf oder Verpachtung, es fallen entsprechende Steuern an: Erbschaft- und Schenkungsteuer, Einkommensteuer sowie Grunderwerbsteuer. Das bedroht sowohl das Unternehmen unter der neuen Führung als auch die Altersvorsorge des scheidenden Chefs. Das deutsche Steuerrecht ist volatil, frühzeitig müssen sich Alt- und Neueigentümer mit den jeweils geltenden Gesetzen vertraut machen. Ein Steuerberater hilft, aber Experten warnen einmütig davor, Steuervermeidung um jeden Preis zu betreiben. So kann innerhalb der Familie eine frühzeitige Schenkung von Anteilen, gebunden an bestimme Auflagen, sinnvoll sein, birgt aber auch die Gefahr, vor der Übergabe zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen Erbe und Alteigentümer zu führen.

Die große Preisfrage

Sind weder Erbe noch Schenkung geplant, bleibt beim Verkauf die wesentliche Frage: Was darf der Alteigentümer für sein Lebenswerk erwarten? Die KfW Studie ermittelt für 2018 einen durchschnittlichen KMU-Wert von 372.000 Euro. Eine übliche Methode zu Wertermittlung ist der Umsatzmultiplikator: 2019 setzten Verkäufer im Mittelstand das 1,1-fache ihres Jahresumsatzes als Kaufpreis an, 2018 waren es noch 89 Prozent. Doch insgesamt erwarten Inhaber von kleinen und mittleren Unternehmen eher wenig für ihr Lebenswerk: Die Hälfte setzt einen Kaufpreis von 175.000 Euro an. Den statistischen Preisanstieg verursachen die großen KMU mit mehr als 50 Beschäftigten: 81 Prozent dieser Chefs rufen mindestens eine Million Euro auf.

Gut zu wissen

 

  • Der ganzheitliche, professionelle und zukunftsgerichtete Generationenübergang benötigt langfristigen Vorlauf. Der BVMW unterstützt mit seinem Expertenkreis bei der Nachfolge mit Beiträgen, Handreichungen und vielen hilfreichen Informationen sowie der Möglichkeit des Erstkontakts: https://bvmw.info/expertenkreis-nachfolge

  • Die BVMW Checkliste zum Thema Unternehmensnachfolge ist abrufbar unter: bvmw.info/checkliste-unternehmensnachfolge

  • Mit „nexxt-change“ stellt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie eine Unternehmensnachfolgebörse als Internetplattform zur Verfügung: www.nexxt-change.org

  • Das RKW Kompetenzzentrum ist ein gemeinnütziger Ratgeber für den deutschen Mittelstand und realisiert die BMWi-Initiative „Unternehmensnachfolge – aus der Praxis für die Praxis“ zur Unterstützung von KMU: https://bvmw.info/rkw-unternehmensnachfolge

Ansprechpartnerin:

Céline D. Nickol

celine.nickol@bvmw.de

 

 

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