Herzblutrendite reicht nicht

Die Art der Nachfolge kann für ein Unternehmen überlebenswichtig sein. Auch wenn für manchen Inhaber das Thema noch in weiter Ferne liegt, so kann es doch schnell akut werden. Eine gute Vorbereitung hilft.

Das Geschäft der Tischlerei Vater läuft gut. Der Betrieb liegt in einem Ort an der Spree, nahe Cottbus, und hat 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In fünfter Generation konzipiert und fertigt die Familie Vater hochwertige Einrichtungen für Büros, Hotels und Privathaushalte. Wird Sohn Hannes das Unternehmen leiten, wenn Ulrich Vater in den Ruhestand geht?

Excel statt Hobel?

Hannes Eltern hatten ihm eigentlich davon abgeraten, in den Handwerksberuf einzusteigen. Zuviel Arbeit, die vergleichsweise schlecht vergütet wird. Also begann Hannes zu studieren. In seinem Umfeld lernte er Studierende kennen, denen es ähnlich ging wie ihm, die wie er vor der Frage standen: Wie soll es nach dem Studium weitergehen? Familienbetrieb übernehmen oder einen besser bezahlten Job in einem großen Unternehmen annehmen? Weniger Handwerk, weniger Geschäfts- und Personalverantwortung; also lieber Excel und Geld statt Hobel, Familie, Tradition?

"70 Prozent der Klein- und Kleinstunternehmen in Deutschland sind aktuell gar nicht übergabewürdig."

Nachfolge, Teilhabe oder ganz verkaufen?

Hannes entschied sich zunächst, in den heimischen Betrieb zurückzukehren. Mit der Vorstellung, den Traditionsbetrieb aufzugeben oder zu verkaufen, konnte er sich nicht wirklich anfreunden. Er modernisierte die Website und stieß mithilfe des Förderprojektes _Gemeinsam digital eine Digitalisierungsmaßnahme an. Während sich der Senior mit Professionalität in Kundenwünsche vertieft, die mehr Arbeit, aber weniger Gewinn bedeuten, spielt für den Sohn die Wirtschaftlichkeit der Projekte eine größere Rolle. Zusammen halten sie die Fahne hoch. Doch wie lange noch? Trotz aller Leidenschaft für den Beruf steht für den Vater bald der Ruhestand an. Hannes bleiben nur noch wenige Jahre, die Entscheidung zu treffen, ob und mit wem er das Unternehmen weiterführen möchte.

Frühzeitig bilanzielle Maßnahmen ergreifen

In der Tischlerei sind Vater und Sohn voll in das Tagesgeschäft vertieft. „Dabei kann es überlebenswichtig für ein Unternehmen sein, sich über die Nachfolge frühzeitig Gedanken zu machen“, sagt der Unternehmensberater Marek Schwiesau aus Halle. „Es ist oftmals so: Entweder aus Krankheit oder weil sie sich aus anderen Gründen nicht mehr in der Lage fühlen, das Unternehmen weiterzuführen, wollen sie recht plötzlich abgeben, und dann pressiert es. Häufig sind die Eigentümer dann bereits über 70.“
Dabei sollte man drei bis fünf Jahre vor der geplanten Übergabe alle notwendigen bilanziellen Maßnahmen ergreifen, um das Unternehmen verkaufsreif zu machen. Die Bank bewertet das Unternehmen anhand der Zahlen der letzten drei Geschäftsjahre, inklusive der Vorjahreswerte.
Selbst wenn das Unternehmen intern übergeben wird, brauchen Übernehmende einen tragfähigen Betrieb. Das bedeutet, wenn es keinen üblichen Unternehmerlohn erwirtschaften kann, ist die Attraktivität selbst für die intern Nachfolgenden fraglich. „70 Prozent der Unternehmen sind aktuell gar nicht übergabewürdig. Sie sind vielleicht übergabereif, weil der Unternehmer das Alter hat. Aber übergabewürdig sind sie nicht“, sagt Schwiesau. Es muss vor der geplanten Nachfolge darum gehen, bestimmte wertschöpfende Prozesse zu optimieren.

Nicht im, sondern für das Unternehmen arbeiten

Deshalb empfiehlt Schwiesau, sich mit dem eigenen Unternehmen auseinanderzusetzen, sich aus dem operativen Tagesgeschäft auch mal zurückzuziehen. Er berichtet, wie der Geschäftsführer eines Metallbaubetriebes zum Erstgespräch mit verschmutzten Armen kam: „Ich musste mich ja noch um die Lehrlinge kümmern“, sagte dieser. „Dann haben wir uns die Zahlen angeschaut, und ich fragte ihn, wer sich denn um den Vertrieb kümmert. Es stellte sich heraus, dass er mehr im Unternehmen gearbeitet hat und nicht am Unternehmen.“

Schwiesau konnte das Blatt für den Metallbaubetrieb noch wenden, die Nachfolge rechtzeitig begleiten. Der Betrieb bekam einen besseren Überblick und Kontrolle über bestimmte Ziele und Maßnahmen, die für eine bessere Bilanz nötig waren.

Wert des Unternehmens realistisch einschätzen

Für die Übergabe oder den Verkauf des Unternehmens muss ein Preis ermittelt werden. Viele Unternehmen suchen dafür ihren Steuerberater auf. Das Steuerbüro zieht dabei oft den vereinfachten Ertragswert heran. Laut Schwiesau stimmt dieser Wert aber meist nicht mit dem auf dem Markt zu erzielenden Preis überein. Besser sei es, unterschiedliche Kalkulationsmethoden heranzuziehen, um den Preis realistischer einzuschätzen. Dann gelte es, den Preis und den Wert zu harmonisieren: „Beziehen Sie die Herzblutrendite nicht mit in den Preis ein“, empfiehlt er.
Der persönliche Wert für die Unternehmerinnen und Unternehmer, die den Betrieb aus der Taufe gehoben haben, ist natürlich hoch. Dieser Wert spielt aber für die Bank und den Käufer keine Rolle: „Das, wofür die Leute bezahlen, ist ein vernünftig geführtes und rentables Unternehmen.“

Kommunikation ist alles

Unternehmensberater Schwiesau hat ebenfalls mithilfe von _Gemeinsam digital einen Teil seiner Abläufe digitalisiert. Durch einen geschützten, einfach zu handhabenden Datenraum können sich die am Nachfolgeprozess Beteiligten jetzt leichter Dokumente und Verantwortlichkeiten austauschen. „Denn“, so sagt Schwiesau, „auch wenn nicht alle technikaffin sind, eine lückenlose und zeitnahe Kommunikation gerade zwischen beteiligtem Berater, Rechtsanwalt und Notar ist enorm wichtig. So kommt es nicht zu unnötigem Zeitverlust im Nachfolgeprozess.“

Gut zu wissen

 

Marie Landsberg
Referentin Förderprojekte, BVMW
Im Projekt _Gemeinsam digital, Mittelstand-4.0
Kompetenzzentrum Berlin aus der Förderinitiative Mittelstand-digital des BMWi

marie.landsberg@bvmw.de