GAIA-X – eine Dateninfrastruktur für Europa

In ihrer Rede zur Lage der EU rief Kommissionspräsidentin von der Leyen die Digitale Dekade aus. Hiernach sind digitale Innovationen ein zentraler Bestandteil von NextGenerationEU, dem europäischen Wiederaufbaufonds nach Überwinden der Coronakrise.

Ein wesentliches Element ist die geplante gemeinsame länderübergreifende Nutzung von Daten. Mit diesem Vorhaben rückt das deutsch-französische Projekt GAIA-X in den Fokus. Ziel dieser europäischen Dateninfrastruktur, die erstmals im Jahr 2019 von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier vorgestellt wurde, ist es, die EU-Mitgliedsstaaten, die Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürger in einem digitalen Ökosystem miteinander zu verbinden.

Datenökosysteme als Chance für mittelständische Unternehmen

Geplant ist ein Netzwerk aus europäischen Cloud-Anbietern, bei denen Unternehmen ihre Daten speichern, miteinander teilen und verarbeiten können. Diese IT-Infrastruktur für Software, Speicher und Rechenleistung, die von überall aus erreichbar und nutzbar sein soll, ist die Grundlage für zahlreiche Anwendungen. Insbesondere auch für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI), von der sich viele Branchen einen Innovationsschub versprechen.
Ein solches Datenökosystem bietet vor allem kleinen und mittleren Unternehmen eine Chance, da sie schnell und unkompliziert auf geteilte Ressourcen zugreifen und Daten mit Kooperationspartnern verknüpfen können. Hierdurch ergeben sich die notwendigen Datenmengen für datenbasierte Analysen. Mögliche Use Cases umfassen unter anderem Mobilität (beispielsweise digitales Parkraummanagement), den Öffentlicher Sektor (digitale Verwaltung), Industrie 4.0/KMU (Smart Manufacturing) sowie Smart Living (smarte Gebäudebewirtschaftung).


GAIA-X als Netzwerk bietet laut Wirtschaftsministerium aus drei Gründen einen Mehrwert. Erstens soll die Infrastruktur Innovationen fördern, die die Grundlage für neue Produkte liefern. So kann die weltweite Skalierung von europäischen Unternehmen und Geschäftsmodellen ermöglicht werden. Zweitens soll die europäische Datensouveränität gestärkt werden, denn die existierenden Cloud-Angebote werden aktuell von außereuropäischen Anbietern mit hoher Marktmacht und großen Kapitalreserven dominiert. Schließlich soll drittens durch GAIA-X die Datenverfügbarkeit erhöht und große europäische Datenbestände verfügbarer und nutzbarer werden.

"Ein solches Datenökosystem bietet vor allem kleinen und mittleren Unternehmen eine Chance, da sie schnell und unkompliziert auf geteilte Ressourcen zugreifen und Daten mit Kooperationspartnern verknüpfen können.

Fachpresse äußert sich gemischt


In der Fachpresse werden die Erfolgsaussichten des Projektes strittig diskutiert. Einerseits steht GAIA-X nicht in Konkurrenz zu bereits existierenden Angeboten, sondern ist vielmehr eine vernetzende Innovationsplattform bestehender Cloud-Anbieter. Es besteht daher kein direkter Anspruch, sich gegen Marktführer zu behaupten. Andererseits müssen Unternehmen in großer Zahl die auf GAIA-X angebotenen Dienste in Anspruch nehmen, damit das Projekt Erfolg hat.
Anders gesagt: Wenn das Projekt nicht im Mittelstand ankommt, ist es gescheitert. Immerhin steht es seit Beginn neuen Partnern auf Anbieter- und Anwenderseite gegenüber offen, seien es große Industrieunternehmen, KMU oder Startups. Spannend ist GAIA-X damit für alle Branchen.

Ein Blick in die Zukunft


In letzter Zeit nimmt das Projekt an Fahrt auf. Insgesamt 22 Unternehmen und Institutionen, je zur Hälfte aus Deutschland und Frankreich, haben im September die notariellen Unterlagen für die Gründungsorganisation unterzeichnet. Für Anfang 2021 ist die operative Umsetzung am Markt geplant. Zu Beginn wird erwartet, dass Staaten die Hauptauftraggeber sein werden, um das Projekt in Schwung zu bringen.


In diesem Kontext interessant: Vor kurzem haben die EU-Telekommunikationsminister eine Erklärung unterzeichnet, in der sie sich zum Aufbau einer europäischen Cloud-Infrastruktur bekennen und dafür auch eigene Gelder in Aussicht stellen – GAIA-X ist darin als einziges Referenzvorhaben genannt.
Ob sich das Vorzeigeprojekt auf dem freien Markt wirklich behaupten kann, wird sich aber wohl erst im Laufe des kommenden Jahres zeigen.

 

Gut zu wissen

 

  • Im April gaben bereits 43 Prozent der deutschen Mittelständler an, Cloud-Programme zu nutzen
  • Insgesamt sind bereits rund 300 Unternehmen und Organisationen in das Projekt eingebunden, vom Startup über den Mittelständler bis hin zum Großkonzern
  • Alle interessierten Unternehmen, die ihre domänenspezifischen und technischen Anforderungen einbringen möchten, können mit ihrem Beitrag technischer Expertise in den Arbeitsgruppen oder mit Einreichung neuer Use Cases mitwirken
  •  Kontakt: contact@data-infrastructure.eu