Chancenland Vietnam

Am 1. August 2020 trat das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Vietnam (EVFTA) in Kraft und wird in den nächsten Jahren für eine starke Dynamik in den Wirtschaftsbeziehungen sorgen. Wie können mittelständische Unternehmen diese Chance nutzen?

Vietnam ist für viele Deutsche ein beliebtes touristisches Ziel. Ist das südostasiatische Land aber auch ein attraktiver Markt für mittelständische Unternehmen? Die Fläche Vietnams ist ähnlich groß wie die Deutschlands. Im Zentrum Südostasiens gelegen, ist das Land mit seinen 97 Millionen Einwohnern ein Verkehrsknotenpunktzwischen dem Indischen und Pazifischen Ozean. Es verfügt über eine junge, dynamische und bildungsorientierte Bevölkerungund hat sich zu einem der wichtigsten Wirtschaftspartner
Deutschlands in Südostasien entwickelt.

Vietnam ist 1995 ASEAN beigetreten, 1998 APEC und seit 2007 WTO-Mitglied. Inzwischen hat Vietnam 13 Freihandelslabkommen abgeschlossen und verspricht sich vom Abkommen mit der EU, dass die Wirtschaft des Landes ein weiteres großes Stück vorankommt.


Eine besondere Partnerschaft


Aufgrund der Partnerschaft zwischen der ehemaligen DDR und der Sozialistischen Republik Vietnam trifft man vor Ort immer wieder auf einige der etwa 100.000 Gastarbeiter, die einmal in Deutschland gelebt haben und unsere Sprache sprechen. Hinzu kommt, dass 170.000 Vietnamesen in Deutschland leben. Solche Brücken finden sich in keinem anderen südostasiatischen Land.


Weitere Argumente sprechen für Vietnam: Unternehmen können zu 100 Prozent ausländischen Investoren gehören. Vietnams Bevölkerung wächst: Im Jahr 2050 wird sie 120 Millionen Menschen zählen. Besonders stark wächst die Mittelschicht, die derzeit noch 13 Prozent
der Bevölkerung ausmacht. In fünf Jahren wird ihr Anteil schon bei 26 Prozent liegen, was Vietnam zu einem immer interessanteren
Absatzmarkt macht. Vietnamesen gelten als „Preußen Südostasiens“, sind pflichtbewusst und bildungsorientiert.


Seit 2011 verbindet Deutschland und Vietnam eine strategische Partnerschaft.Die beiden Länder engagieren sich für eine regelbasierte
Ordnung, Respekt vor dem Völkerrecht, Multilateralismus, weltweite Handels- und Investitionsfreiheit sowie Umwelt- und Klimaschutz.


Wann, wenn nicht jetzt

 

Gute Rahmenbedingungen bieten internationalen Unternehmen in Vietnam attraktive Geschäftschancen. EVFTA ermöglicht, dass bis zum Ende einer Übergangszeit nahezu 99 Prozent aller Zölle wegfallen, 65 Prozent der Zölle von Waren aus der EU nach Vietnam werden sofort abgeschafft. Über einen Zeitraum von zehn Jahren laufen die restlichen Zölle schrittweise aus. Umgekehrt fallen 71 Prozent der Zölle von Waren aus Vietnam in die EU sofort weg, die restlichen folgen schrittweise über sieben Jahre.
Für die EU ist Vietnam nach Singapur das zweite südostasiatische Land, mit dem ein Freihandelsabkommen geschlossen wurde. Der EU und ihren Unternehmen bietet EVFTA die Möglichkeit, Handel und Einfluss in Südostasien auszuweiten.


Ausländische Direktinvestitionen in Vietnam steigen. Hauptländer sind Südkorea, Japan und Singapur. Deutschland nimmt nur etwa Rang 18 ein. Vietnam strebt ein ausgewogeneres Verhältnis ausländischer Investoren an. In enger Abstimmung mit der vietnamesischen Botschaft und dem Ministerium für Planung und Investitionen arbeitet der BVMW gerade daran, ein Help Desk zur Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen in Vietnam einzurichten.

Im Prozess der wirtschaftlichen Umstrukturierung des ehemaligen Agrarlandes steht Vietnam noch immer vor vielen Herausforderungen.
Zu nennen ist der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und einer adäquaten Logistikinfrastruktur. Deutschlands Stärke im Hinblick auf Industrie 4.0 und die Digitalisierung von Produktionsprozessen sowie Erneuerbare Energien zur nachhaltigeren Bedarfsdeckung des aufstrebenden Schwellenlandes wird in Vietnam sehr geschätzt. Auch unser duales Ausbildungssystem stößt auf starkes Interesse. Eine Zulieferindustrie, über die Deutschland in Gestalt unserer mittelständischen Wirtschaft verfügt, hat positive Aussichten, auch in Vietnam erfolgreich zu sein.


Zurzeit sind erst knapp 300 deutsche Unternehmen in Vietnam tätig. Geschäftschancen für deutsche Unternehmen bestehen vor allem
in den Bereichen Umwelttechnologie und Erneuerbare Energien, Logistik, dem Bildungssektor, der High-Tech-Industrie, Medizintechnik,
Lebensmittel- und getränkeverarbeitende Technologie, Bau- und Gebäudetechnik, Pharmazie sowie der Automobilindustrie.

Gut zu wissen

 

  • Das Durchschnittsalter der 97 Millionen Einwohner Vietnams liegt bei etwa 30 Jahren

  • 2015 erreichten vietnamesische Schüler in der PISA-Studie Platz 8 in den Naturwissenschaften

  • Die kommunistische Führung hat sich formell unter die Verfassung und das Gesetz gestellt, der private Sektor wird geschützt, die Pressefreiheit bleibt stark eingeschränkt

Ludwig Graf Westarp
BVMW Repräsentant Vietnam
www.skarosolutions.de

Geschäftsführerin SKARO VIETNAM
Services and Trading Ltd.
www.skaroservices.com

 

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