„Deutsche Märchen sind brutal!“

Erfolgsautor Wladimir Kaminer über Rotkäppchen und den Gestiefelten Kater, das Geheimnis des Geschichtenerzählens und die Bärte russischer Schriftsteller.

wladimier kaminer
Foto: © JUrban Zintel

DER Mittelstand.: Ihr aktuelles Buch trägt „Rotkäppchen“ im Titel. Ist das Ihr Lieblingsmärchen?

Wladimir Kaminer: Nein. Mein absoluter Favorit ist „Der gestiefelte Kater“ der Brüder Grimm, denn dieses Märchen bestätigt meine Lebenserfahrung: Es ist nicht wichtig, Immobilien, Statussymbole oder Geld zu haben, sondern soziale Kompetenzen. Sie wissen ja: Der erste Sohn des Müllers erbt die Mühle, der zweite einen Esel und der dritte einen Kater. Daraufhin wird der dritte von allen ausgelacht, aber im Laufe der Geschichte zeigt sich, dass der Kater der Schlüssel zum Glück ist und nicht das wertvollere Erbe der anderen Brüder.

Erinnern Sie sich, wann sie dieses Märchen zum ersten Mal gehört haben?

Das war im Kindergarten, und ich war begeistert! Vielleicht war es genau diese Geschichte, die mich inspiriert hat, selbst Geschichten zu erzählen. Denn zu dieser Zeit fing ich schon damit an.

Welche Unterschiede stellen Sie zwischen deutschen und russischen Märchen fest?

Die deutschen sind brutaler und pädagogisch- taktischer.

Wie kommen Sie darauf?

Sogar artige, brave Kinder werden bestraft, wenn sie nicht folgen, und gut erzogene Kinder werden durch den Fleischwolf gedreht, wenn sie nicht das tun, was im Sinne der Erwachsenen sinnvoll wäre. Es sind wirklich krasse Erzählungen!

Dabei halten wir doch meist die Russen für brutaler.

Aber es stimmt nicht, zumindest nicht im Märchenreich. In den russischen Geschichten ist es nämlich genau andersrum als in den deutschen: Dort ist immer der im Mittelpunkt, der faul ist, keinen Respekt hat und zum Beispiel anarchisch auf dem Ofen liegt. Aber zum Schluss zieht er ins Schloss ein, und die schöne Prinzessin bekommt natürlich auch er.

Was sagt das über die russische und deutsche Gesellschaft?

Die Deutschen bauen eine Pyramide immer vernünftig auf. Langsam, gut überlegt und Schicht für Schicht. Aber dann, irgendwann, bekommen sie schlechte Laune und fragen sich in einem zweifelnden Moment: Warum mache ich das eigentlich? Dann vernichten sie alles wieder und fangen von vorne an. In Russland dagegen denken die Menschen von Anfang an: Es macht doch keinen Sinn zu arbeiten. Lasst uns Spaß haben und feiern und trinken! Das ist so, wie eine Abkürzung des Weges zu nehmen, und damit macht man es sich natürlich viel einfacher.

Wie erlebten Sie die Deutschen, als Sie 1990 aus Russland kamen?

Alle waren gut drauf und hatten Bierflaschen in der Hand. Das lag daran, dass die deutsche Nationalmannschaft gerade Fußballweltmeister wurde. Davon abgesehen lernte ich die Menschen bald als ruhige, zurückhaltende Leute in einer eher spießigen Welt kennen, die nichts so leicht aus der Fassung bringen kann. Außer vielleicht Sieg oder Niederlage der eigenen Mannschaft. Oder die Angst vor Fremden.

Sie haben mittlerweile 28 Bücher geschrieben. Wie fühlt es sich an, auf so viele Erfolge und Geschichten zurückzublicken?

Meine Bücher sind wie die Geschichte meines Lebens, die immer weiter geschrieben wird. Das ist wie ein fließender Übergang, denn alle Bücher gehen ineinander über. Aufmerksame Leser werden die Verbindungen erkennen. Da ich auch viel über meine Kinder geschrieben habe, etwa über ihr Erwachsenwerden, fallen mir die Veränderungen nun besonders auf. Es ist wunderbar, auf all das zurückzublicken.

Wo finden Sie die besten Geschichten?

Leider bleibt das auch nach so vielen Büchern ein Geheimnis. Das Finden ist so etwas wie der Fluch dieses Berufes, denn es ist wie beim Pilze sammeln: Man kann ein sehr guter und erfahrener Sammler sein, sich fleißig bücken, unter jeden Baum schauen, die besten Stellen im Wald kennen – aber ob man die besten Pilze wirklich findet, steht in den Sternen. Ich habe gelernt, wie man Geschichten im Alltag erkennt, und ich weiß wie man sie aufschreibt. Ob sie dann allerdings wie die Pilze nach der Zubereitung auch tatsächlich schmecken, das kann ich nicht vorhersehen.

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Europa dürfte das allerdings schwieriger denn je werden. Wie haben Sie das letzte halbe Jahr ohne ihr Publikum ausgehalten?

Es war furchtbar! Und all die Online-Lesungen können daran nichts ändern – irgendwann hängen wir alle für ewig im Netz wie Zombies. Deswegen bin ich glücklich, dass es nun wieder einige wenige Lesungen gibt. Bei einer Lesereise geht es mir auch nie ums Vorlesen, sondern immer um eine Einladung zu einem Gespräch, einem Dialog, einem Austausch. Das ist sehr wichtig, vor allem jetzt, wo der Kulturhunger riesengroß ist. Ohne Kultur zu leben macht krank.

Das Interview führte Günter Keil.

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Mit seinem Debüt „Russendisko“ gelang Wladimir Kaminer vor 20 Jahren der Durchbruch. Dieser Band mit Kurzgeschichten verkaufte sich mehr als 1,3 Millionen Mal und wurde mit Matthias Schweighöfer verfilmt. Seitdem hat Kaminer 27 weitere Bücher veröffentlicht. Allein im deutschsprachigen Raum liegt die Gesamtauflage seiner Bücher und Hörbücher bei knapp vier Millionen. Der 53-Jährige lebt seit 1990 in Berlin. Sein aktuelles Buch „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“ (Wunderraum) ist eine Sammlung von Familiengeschichten und Anekdoten. Der gebürtige Moskauer ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.