Eine deutsche Musiklegende: das Orchester Hugo Strasser

Beinahe 70 Jahre auf der Bühne, 20 Millionen verkaufte Tonträger, vier Auszeichnungen: Das Orchester Hugo Strasser ist das älteste Tanzorchester Europas und hat Musikgeschichte geschrieben.

orchester hugo strasser
Foto: © Orchester Hugo Strasser

Heute wird die Big Band von Heinrich Haas Senior geleitet. Ein Gespräch über Kunst und Kommerz, Verantwortung für Mitarbeiter und die Zukunft großer Orchester.

 

DER Mittelstand.: Herr Haas, wie muss man sich die Übergabe eines Orchesters vorstellen?

Heinrich Haas: Hugo Strasser hat meinen Sohn und mich nach Hause eingeladen. Dort hat er erstmal eine lange Liste auf ein Blatt Papier geschrieben, dann sagte er zu meinem Sohn: „Ich übergebe dir hiermit mein Orchester.“ Er hat sich vorher juristisch beraten lassen; formal war das eine Schenkung zu Lebzeiten: Das Orchester inklusive der Rechte am Namen, den Arrangements und dem Notenarchiv ging an meinen Sohn. Hugo war es wichtig, dass das Orchester nie in Vergessenheit gerät. Schließlich ist es das älteste Tanzorchester Europas, er hat es 1954 gegründet.

Wie kam es damals zur Gründung?

Musiker wie Hugo oder Max Greger kamen aus dem Krieg zurück, und erstmal war alles verboten. Auftritte gab es nur in Alliierten-Clubs, bezahlt wurde mit Kaffee, Zigaretten und Spirituosen. Später leitete Max Greger das erste eigene Orchester, Hugo spielte dort Altsaxophon. Nach einem Streit verkündete Hugo bei einer Probe: „Morgen gründe ich meine eigene Kapelle.“ Alle Musiker sind mit ihm gegangen.

Das Orchester hatte nie fest angestellte Mitarbeiter. Dennoch hat Hugo Strasser viel Verantwortung für seine Musiker gezeigt.

Das sind alles hervorragende Berufsmusiker, viele haben ihr Leben seit 30 Jahren der Musik verschrieben und sind heute noch dabei. Kurz vor seinem Tod wollte Hugo seine Musiker nicht plötzlich vor vollendete Tatsachen stellen. „Keiner soll unter die Räder kommen“, sagte er. Mein Sohn hat ihm das versprochen, und auch ich stehe dazu.

Wie ist die Marktlage für solch ein Orchester?

1960 bis 1990 war die wirtschaftlich erfolgreichste Ära, die Zeit der großen Tanzturniere. Das Orchester spielte an 180 Tagen im Jahr; die Musiker brauchten gar keine anderen Engagements. Regelmäßig brachte Hugo die „Tanzplatte des Jahres“ heraus. Ein deutscher Schokoladenhersteller sicherte sich die Rechte an einem unserer Hits, daraus wurde eine der bekanntesten Reklamemelodien. Auch das brachte Umsatz. In den 90er Jahren ließ der Erfolg nach, so ein großes Ensemble wurde unökonomisch. Nach der Übernahme hatten wir für 2017 nur einen Auftritt im Kalender.

Wie konnte Ihr Sohn mehr Engagements gewinnen?

Unsere Sekretärin, die aus der Werbe- und Agenturbranche kommt, hat alle Ballsäle, Veranstalter, Tanzschulen und Pressebälle abtelefoniert. 2018 spielten wir 14 Bälle, und danach kamen die Anfragen von selber; Unternehmen aus der Kfz-, Elektro- oder Werbebranche buchten uns. Mein Sohn hat in ein neues Logo, Outfit und neue Notenpulte investiert. Drei zusätzliche Musiker wurden aufgenommen, und mit zwei hervorragenden Sängern sind wir in der Lage, auch modernere Stilistiken zu spielen – natürlich immer tanzbar arrangiert.

Wie wollen Sie marktfähig bleiben?

Früher konnte Hugo Strasser seinen Musikern eine bestimmte Anzahl von Auftritten garantieren. Heute ist das nicht mehr möglich, und nun, während der Pandemie, haben wir keine Auftritte. Ohne Subventionen ist das schwierig. Aber wir betreiben aktiv Marketing und erstellen Inhalte für Medien wie YouTube, Facebook oder Instagram. Wir haben ein Konzert ohne Publikum aufgezeichnet, das wir jetzt auf diesen Kanälen als  Live-Stream veröffentlichen. Das spricht das jüngere Publikum an. Zugleich arbeiten wir an einer Schallplatte. Unsere älteren Fans besitzen Vinyl, bei den Jüngeren wird es wieder populär. Aber natürlich sind die Live-Auftritte unser Kerngeschäft.

Was hoffen Sie für die Zukunft?

Die Auftrittsmöglichkeiten für große Ensembles werden eher weniger. Aber durch Künstler wie Michael Bublé oder Robbie Williams ist handgemachte, swingende Tanzmusik wieder populär. Und das Orchester Hugo Strasser ist nicht irgendeine No-Name-Band, sondern ein Dienstleistungsunternehmen mit großem Namen, das gebucht wird, um den Menschen Freude zu machen. Das tun wir auf höchstem Niveau. Die Menschen spüren das und wollen uns immer wieder.

Das Interview führte Bernd Ratmeyer.

Visitenkarte

Hugo Strasser, eine der Legenden des deutschen Jazz und Swing, leitete die Big Band von 1954 bis 2015. Vor seinem Tod 2016 übergab er die Orchesterleitung an seinen Pianisten Heinrich Haas. Doch der junge Bandleader verstarb überraschend im April 2020. Seither leitet der Vater Heinrich Haas Senior die künstlerischen und geschäftlichen Belange des Ensembles.

BVMW-Mitglied
Link zur aktuellen Single: Respect – https://stp.ffm.to/respect!BVMW
www.orchesterhugostrasser.de