Medizin für den Mittelstand

Editorial – Magazin der Mittelstand

Deutschland kann aufatmen – zumindest auf den ersten Blick. Der Höhepunkt der Corona-Pandemie scheint überschritten. Vier von zehn Bundesbürgern genießen inzwischen (teilweisen) Impfschutz, schrittweise Lockerungen erlauben immer mehr Menschen die Rückkehr zum Leben vor Corona. Dies verdanken wir innovativer pharmazeutischer Forschung, vor allem aber dem aufopferungsvollen Einsatz der Ärzte und Pflegenden buchstäblich rund um die Uhr.

Schaut man genauer hin, werden die immensen Folgeschäden von Corona sichtbar. Für die Gesundheit der Menschen, für unsere Gesellschaft insgesamt. Niemand weiß, wie viele der Erkrankten Langzeitschäden davontragen werden. Dazu kommen die psychischen Belastungen in Familie und Beruf. Kinder und Jugendliche leiden unter dem chaotischen Schulbetrieb mit Wechselunterricht, Homeschooling oder komplettem Unterrichtsausfall. Eine ganze Schülergeneration nimmt irreversibel Schaden.

Corona hinterlässt auch im unternehmerischen Mittelstand tiefe Narben. Ganze Branchen, wie das Veranstaltungsgewerbe, die Hotellerie und Gastronomie, kämpfen um das Überleben. Im Einzelhandel allein droht 120.000 Geschäften das endgültige Aus. Die Konjunktur hellt zwar zunehmend auf. Es dürfte dennoch Jahre dauern, bis der Status quo ante erreicht ist. Damit einher geht ein massiver Einbruch bei der Beschäftigung. Im Vorjahr haben mehr als eine Million Menschen ihre Arbeit verloren; 2021 ist noch gar nicht einzuschätzen, wenn weitere Unternehmen ihre Tore schließen.

Die Wiedergenesung der Wirtschaft gelingt nur mit gesunden Unternehmen. Hier ist die Bundesregierung gefordert. Ihre Medikation beschränkt sich bislang in erster Linie auf Geldspritzen. Nach dem Motto „Viel hilft viel“ wurden hunderte Milliarden Euro mobilisiert, im Wesentlichen auf Pump. Die Neuverschuldung im Bundeshaushalt erreicht für das laufende Jahr den Rekordwert von 240 Milliarden Euro. So büßen künftige Generationen für Fehler und Versäumnisse der aktuellen Corona-Politik. Zudem sind zu wenig Mittel für Zukunftsinvestitionen in Innovation, Digitalisierung, Infrastruktur und Bildung vorgesehen.

Leider verfügt die Bundesregierung auch über keine Langzeittherapie für den Mittelstand. Deshalb hat unser Verband, Der Mittelstand. BVMW, eine Post-Corona-Agenda vorgelegt. Wir stellen sie Ihnen in dieser Ausgabe vor. Kernstück ist ein Transformationsfonds, der die Unternehmen bei der Digitalisierung, Dekarbonisierung und Qualifizierung ihrer Mitarbeiter unterstützt. Ebenso wichtig ist eine Entlastung bei Steuern und Abgaben. Es braucht, kurz gesagt, bessere Rahmenbedingungen für den Mittelstand. Denn unsere Wirtschaft muss international wettbewerbsfähig bleiben.

Heilung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: SPD, Grüne und Linke wollen nach der Bundestagswahl kräftig weiter an der Steuerschraube drehen. Das bürdet den Unternehmen zusätzliche Lasten auf. Beim Blick in die Wahlprogramme von Rot-Rot-Grün fühlt man sich an die medizinischen Behandlungsmethoden zu Zeiten Molierès erinnert. Die Ärzte verordneten damals im Wechsel Aderlasse, Schröpfkugeln und Brechmittel. Dies dürfte der Gesundheit der Patienten eher abträglich gewesen sein – Exitus nicht ausgeschlossen. Umso wichtiger ist jetzt ein radikaler Therapiewechsel der Politik. Nur mit der richtigen Medizin kann der Mittelstand nach Corona wieder gesund in die Zukunft gehen.