Filmtipp: Kreuzretter versus Rettungsbund

Die österreichische Satire zieht das Milieu der Sanitäter ganz ungehörig in den Schmutz – das allerdings macht großen Spaß.

komm süsser tod teaser
Foto: © Petro Domenigg / filmstills.at

Das Rettungswesen an und für sich ist in der Öffentlichkeit gut angesehen. Natürlich, jeder hofft, zügig gerettet zu werden, wenn es denn drauf ankommt. Wolfgang Murnbergers Film „Komm, süßer Tod“ wirft einen ganz anderen Blick auf die Helden in den Sankas, den Rettungswagen, den Ambulanzen. Denn dort tun sich Abgründe auf, zumindest in Wien. Die österreichische Produktion aus dem Jahr 2000 nach dem Roman von Wolf Haas mit dem Kabarettisten Josef Hader ist eine bitterböse Satire auf die Kommerzialisierung des Unternehmens „Notfallrettung“, auf ökonomische Zwänge, Marktwettbewerb und die charakterlichen

Abgründe jener dort Beschäftigten, einer Truppe von Rettungssanitätern, allesamt irgendwie unglücklich Gestrandete, mitunter gescheiterte Existenzen, denen man die eigene Rettung, geschweige denn das Leben, höchst ungern anvertrauen möchte.

Das Rettungswesen ist ein Mafiaunternehmen

Mittendrin in dieser Söldnertruppe für den guten Dienst an der Gemeinschaft: Ex-Polizist Simon Brenner (Josef Hader), der seit der Kündigung (Sex mit der Frau des Vorgesetzten) sein kleines Leben als Sanitäter fristet und sonst nur seine Ruhe will. Doch es gibt Ärger im Paradies der rettenden Engel: Brenners Arbeitgeber „Die Kreuzretter“ steht in heftiger Konkurrenz zum Mitbewerber „Rettungsbund“. Alle kämpfen um möglichst viele Patiententransporte, schließlich zahlt die öffentliche Hand pro gefahrenem Kilometer. Und wer zuerst rettet, verdient mehr. Die Konkurrenz knackt den Funkcode der Kreuzretter und schnappt ihnen die Aufträge vor der Nase weg. Brenners Chef Junior (Michael Schönborn) beauftragt ihn, den Ex-Bullen, beim Mitbewerber zu spionieren. Zugleich geschieht ein Doppelmord im Krankenhaus, spektakuläre Verbindungen zur Geschäftsführung tun sich auf, und dann wird Brenners unsympathischer Kollege Groß (Bernd Michael Lade) getötet. Brenner, der affektarme Konfliktvermeider, der verschlossene, maulfaule und etwas langsame Held, findet sich nun inmitten privater, geschäftlicher und krimineller Skandale wieder, die schließlich seinen Ermittlerehrgeiz wecken. Was er in 108 Minuten dicht erzähltem Filmplot herausfindet, ist wahrlich haarsträubend: Während vordergründig gerettet wird, kämpft man hinter den Kulissen mit harten Bandagen.

Kabarettist Hader als kaputter Held

Ziemlich atemlos begleiten wir Brenner und seinen treuen Kollegen Berti (Simon Schwarz), Klara (Barbara Rudnik) und Angelika (Nina Proll) dabei, wie sie sich durch die Machenschaften eines Milieus recherchieren, von dem man nur hoffen kann, dass es in der Wirklichkeit nicht so organisiert ist wie ein kasachischer Pornoring. Hader agiert grandios in der Tradition des depressiven „Film noir“: ein zynischer Säufer, der sich immer mal wieder mehr als nur eine blutige Nase holt, dabei aber konsequent einen höchst verlangsamten Wiener Schmäh pflegt: Dirty Harry auf Narkotika. In Österreich nennt man ihn schon den Alpen-Marlowe. In einer Zeit, in der auch in Deutschland das Gesundheitssystem ganz allgemein auf den Prüfstand gehört, ist „Komm, süßer Tod“ eine rabenschwarze, brüllend komische Abrechnung mit dem zynischen Geschäft, das mit Kranken und Alten gemacht wird.


Bernd Ratmeyer
Journalist
mittelstand@bvmw.de

KOMM, SÜSSER TOD

Satire (A 2000)
FSK 16

Regie: Wolfgang Murnberger
Buch: Wolf Haas, Josef Hader, Wolfgang Murnberger

Mit Josef Hader, Barbara Rudnik, Nina Proll, Simon Schwarz, Michael Schönborn

Erhältlich auf DVD, Blu-Ray und VoD