Filmtipp: Ma Rainey’s Black Bottom

Die Netflix-Produktion Ma Rainey´s Black Bottom nimmt uns mit in die frühe Zeit des Jazz und Blues – und des Rassismus in den USA.

Singt um ihr Leben: Viola Davis als Ma Rainey.

Der titelgebende „Black Bottom“ meint: den Hintern. Präziser: Gertrude „Ma“ Raineys schwarzen Hintern, jenes in der Tat ausladende Körperteil, mit dem die Sängerin ganze Säle zum Kochen bringen kann. Überhaupt ist Ma Rainey eine imposante Gestalt, launisch, unberechenbar, kurzum: in den 1920er-Jahren eine der ersten schwarzen Diven, die mit ihrem Blues nicht nur die schwarze Community, sondern auch das weiße Publikum begeistert und die von Weißen dominierte Plattenindustrie.

Angry Black Woman

An dieser Gemengelage aus Kunst und Kommerz, Blues und Business setzt George C. Wolfes Film an. Wolfe präsentiert uns Ma (Viola Davis) als schwitzende, tickende Zeitbombe: An diesem heißen Sommertag des Jahres 1927 kommen sie und ihre Band im Chicagoer Studio an, um eine Platte mit ihren größten Hits aufzunehmen. Und Ma ist wütend - wütend, weil keine kalte Cola bereitsteht, wütend, weil sich ihr Trompeter Levee (Chadwick Boseman) verspätet, wütend, weil sie genau weiß, was sie wert ist und dieser Wert aber schlagartig in den Besitz der Plattenfirma übergehen wird. Dabei ist ihr Blues alles, was sie hat; sie weiß, dass sie ausgebeutet wird.
In aristotelischer Strenge erzählt Wolfe in formaler Reduktion von Raum und Zeit (es vergeht genau ein Tag), wie in der drückenden Hitze des Studios und des Probenkellers sich gleich mehrere nationale Traumata in grandiosen Dialoggewittern entladen: Ma Raineys Kampf als offen lesbische schwarze Künstlerin, als „Angry Black Woman“ gegen das weiße Musikestablishment und die Vereinnahmung ihrer Kunst durch die Weißen.

Starkes Kammerspiel

Und ihre Wut richtet sich zugleich gegen ihren eigenen Musiker, den rebellischen Levee, der sich an Mas junge Geliebte ranmacht und hinter ihrem Rücken dem Plattenlabel seine eigenen, gefälligeren Arrangements von Raineys Liedern verkaufen will. So kommt es auch im modrigen Probekeller zur Rassismusdebatte: Wie er, Levee, dazu käme, Mas Musik glattzubügeln und dem weißen Publikumsgeschmack anzubiedern, wollen die Kollegen wissen. Gute Frage, warum sollte ein Schwarzer Schwarzen in den Rücken fallen? In einem bewegenden Monolog erzählt Levee von seinem eigenen Kindheitstrauma aus dem rassistischen, brutalen Süden, und die so klare Gewichtung der Rassismusdebatte erhält plötzlich eine ganz andere Wendung.
Die Verdichtung auf starke Dialoge (der Film basiert auf dem Bühnenstück von August Wilson) und grandiose Schauspieler packt die große Welt des Blues und Jazz in ein kleines Kammerspiel. Gleichwohl ist Ma Rainey´s Black Bottom ein großer Film. Mit einer beeindruckenden, Oscar-verdächtigen Viola Davis – und mit hinreißendem Blues.

 

Ma Rainey´s Black Bottom
(Drama: USA 2020)
Regie: George C. Wolfe Buch: Ruben Santiago-Hudson Mit: Viola Davis, Chadwick Boseman, Colman Domingo
Netflix

Bernd Ratmeyer
Journalist
mittelstand@bvmw.de

 


Foto: © David Lee/netflix