Revolution im Untergrund

Wie funktioniert Rohr- und Kanaltechnik heute? Welche technischen Möglichkeiten gibt es bei Abwasser und Entsorgung? Dies erklärt Andrea Türpe-Gil, ...

bws kanal-türpe
Fotos: © Anja Jungnickel, freie Fotografin

.. geschäftsführende Gesellschafterin der Kanal-Türpe Döben GmbH & Co. KG und der Kanal-Türpe Umwelt GmbH & Co. KG.

Prof. Dr. Jo Groebel: Frau Türpe-Gil, Sie bewegen sich im Epizentrum von allem, was derzeit in der öffentlichen Debatte eine große Rolle spielt. Grundversorgung, Nachhaltigkeit und sauberes Wasser sind globale, aber ebenso regionale Themen von höchster Bedeutung. Seit 1990 ist das Unternehmen ein Meisterbetrieb für Rohrund Kanaltechnik, nicht zuletzt deren Inspektion und Reinigung. All dies auch im 24-Stunden-Notbereitschaftsdienst.

Andrea Türpe-Gil: Es begann zunächst mit einer Anlage in Grimma, später dann die Ausweitung nach Döbeln. Hier können wir jährlich 20.000 Tonnen flüssige Abfälle und vor allem Sonderabfälle umschlagen. Das betrifft die Industrie, das betrifft Öl- und Wassergemische aus Tankstellen und Speditionen, ebenso Emulsionen aus der maschinenverarbeitenden Industrie. Sie werden chemisch-physikalisch behandelt, das Öl wird vom Wasser getrennt, chemisch oder auch durch mechanische Absonderung, zum Beispiel wenn man es einige Zeit stehen lässt. Das übrig bleibende Wasser durchläuft dann biologische Prozesse der Klärung. Zum Schluss bleibt eine Art kleiner Presskuchen nicht mehr weiter abbaubaren Stoffes, der verbrannt wird. Unser Ziel ist es, künftig durch eine Mindestmenge von diesem Presskuchen mit vernünftiger Kosten-Nutzen-Relation ganz auf die Verbrennung verzichten zu können und eine weitere Resteverwertung
zu bewerkstelligen.

Wir sprechen damit von einem B2B-Unternehmen.

Es gibt zwei Firmen: die Kanal-Türpe Döben, die als Transporteur von flüssigen Abfällen und Sonderabfällen nicht zuletzt für die Rohrreinigung und die Kanalprüfung zuständig ist, und die Kanal-Türpe Umwelt. Letztere betreibt die Behandlungsanlage. Gleichzeitig ist die Kanal-Türpe Döben ihr größter Kunde, ebenso wie übrigens auch deren regionale Konkurrenten zum Kundenstamm der Umwelt-Firma gehören.

Bei Umweltschutz denkt man immer an Oberirdisches – Luft, Flüsse, Seen, Pflanzen. Ihr Metier ist unter der Erde.

Hier in Deutschland sind rund 60 Prozent der umweltrelevanten Verbindungen als Rohre, Leitungen und Kanäle unter der Erde undicht. Dann können Sie sich vorstellen, was alles im Untergrund und in der Natur landet, und wie wichtig Prüfung, Analyse und Reinigung sind. Zunehmend setzen wir auch auf Elektromobilität, um unsere Fahrzeuge nicht nur zur Reinigung und zum Umweltschutz einzusetzen, sondern auch selbst nachhaltig zu betreiben. Bei den großen LKWs spielt zudem aufgrund der bei Elektrizität noch notwendigen Riesenbatterien Wasserstoff eine wichtige Rolle.

Insgesamt äußerst faszinierend, was sich außerhalb unseres täglichen Wahrnehmungsraums alles unterirdisch abspielt. Wohl schon die alten Römer kannten Abwasseranlagen im Untergrund.

Es begann noch früher, die alten Ägypter legten bereits Abwasserkanäle unter der Erde an. All diese Hygienemaßnahmen korrelierten und korrelieren positiv mit der Entwicklung von Zivilisation, Kultur und Wissenschaft.

Dies sollte noch viel mehr im öffentlichen Bewusstsein verankert sein.

Aus genau diesem Grund haben wir in Leipzig einen Showroom, ein Schulungszentrum, gegründet, um jungen Menschen die Bedeutung dieser unterirdischen Welten und deren sorgsamer Pflege und Instandhaltung näherzubringen. Hier arbeiten wir mit Schulen und Kindergärten zusammen und nutzen es ebenso für die Ausbildung im eigenen Hause. Auch unsere Kunden können sich hier informieren über das, was wir tun. Was für Aufzüge selbstverständlich ist, die jährliche Wartung, müsste es ebenso für die unterirdischen Rohrleitungen sein. Nicht zuletzt für Hausverwaltungen und Wohnungsbetreiber. Besonders gut können wir all das mit Hilfe einer virtuellen Kanalreise demonstrieren, zu sehen auf einer digitalen Wand. Im Austausch mit
Großbritannien und hier vor Ort befassen wir uns zudem mit den neuesten Forschungen zu unserem Thema, damit wir die Zukunft mitgestalten können.

Für das Überleben der Menschen und der Natur ist ein Stoff die Grundlage aller Existenz, den wir bei uns als selbstverständlich erachten: das Wasser. Sie sorgen mit dafür, dass wir hier keinen Mangel erleiden müssen.

Durch Klärung schaffen wir aus dem Abwasser wieder das reine, trinkbare und umweltfreundliche Wasser, ganz richtig. Je schlechter der Ausgangsstoff, desto größer der Aufwand.

Generell spielt die Technik zur Analyse eine wichtige Rolle. Ihr „Kanal TV“ ist vermutlich kein Unterhaltungsprogramm, sondern bezieht sich auf die kameraunterstützte visuelle Kontrolle und Diagnose von Rohren und Kanälen?

Genau, kleine Roboter fahren durch die unterirdischen Leitungen und übermitteln Bilder in 4K-Auflösung. Nur in Ausnahmefällen, wenn einmal die Kamera festgefahren wurde, muss der Operator Hand anlegen und die Kamera aus dem Kanal befreien. Ansonsten sitzt der Operator vor zwei Bildschirmen in seinem Fahrzeug und steuert die Kamera mit einem Joystick durch den Kanal.

Und die Reinigung?

Erfolgt mit Wasserrückgewinnungsfahrzeugen. Dabei wird das Abwasser gereinigt und wieder sauber neu zur Reinigung verwendet, so dass die Ressource „Wasser“ geschont wird und das Fahrzeug nur einmal, zu Beginn, mit Wasser befüllt werden muss.

Diesen modernen Technologien gingen viele Phasen in der Familiengeschichte voraus. Die Türpes stammen aus dem Sächsischen, verließen die Region und kehrten 1990 wieder dahin zurück.

Meine Eltern und Großeltern wurden in Sachsen geboren, ich selbst in Heilbronn. Mein Großvater floh mit seinen Söhnen 1956 aus der DDR nach Baden-Württemberg, mein Vater ging dann weiter nach Franken. Sein Bruder blieb im Schwäbischen, ein Cousin lebt und arbeitet dort immer noch in der gleichen Branche, auch unter dem Namen Kanal-Türpe in einem eigenständigen Unternehmen.

Für den Mittelstand hat die Region einen gewissen Einfluss: Standortpolitik, Kundenbeziehungen, Arbeitsmarkt, Logistik, Kosten. Gilt das auch für Sie und Ihre Aktivitäten?

Ganz sicher sogar. Welche Auflagen wir beim Umweltschutz bekommen, ergibt sich aus der Lokal- und Regionalpolitik. Gerade wurde ich selbst in diesem Zusammenhang in die Vollversammlung der IHK zu Leipzig gewählt. Auch dort lässt sich für uns und allgemein industriepolitisch Vieles auf regionaler Ebene gestalten, nicht zuletzt, wenn es um die Unterstützung von Ausbildung und Innovation geht, aber ebenso bei der Debatte um Belastungen durch Auflagen und behördlich verordnete Kosten.

Bürokratie und finanzielle Belastungen für die kleinen und mittleren Unternehmen, das sind die Themen, gegen die der BVMW immer wieder angeht.

Definitiv, sein politischer Einfluss kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Nicht zuletzt als öffentliche Stimme verweist der Verband zudem auf all die kostensteigernden Unzumutbarkeiten. Vor Kurzem ging es zum Beispiel darum, dass Unternehmen die Kosten für die verpflichtenden Corona-Tests für die Mitarbeiter übernehmen sollten. Ein Volumen von bis zu Zigtausenden Euro pro Firma.

Was ist in Ihren großen Einsatzfahrzeugen alles an Technik zu finden?

Da müssen wir unterscheiden zwischen Fahrzeugen für den Kameraeinsatz, für Reinigung und für die Sanierung. Auf die Reinigungstechnik bin ich vorhin schon eingegangen. Das entsprechende Fahrzeug verfügt über die Technik für Kanalreinigung, das dazu verwendete Wasser kann vor Ort durch Filter gereinigt und dann sauber wieder verwendet werden. Das gibt es in mehreren Größen. Das größte Modell, das wir seit Kurzem haben, kann auf einer Brücke stehen, fährt dann die Reinigungstechnik aus, und alles wird fast automatisch erledigt.
Je nach aufgesetzter Düse können Wurzeln rausgeschnitten werden, Betonfragmente geborgen oder Verkalkung beseitigt werden. Allein der Wasserfluss wird dadurch wieder immens beschleunigt. Durch den Einsatz der Diagnosekameras kann zudem jede Art von Schaden wie Risse oder Einstürze zielgenau erfasst, dokumentiert und später behoben werden. All das ist auch Teil umfangreicherer Sanierungsarbeiten.

Zu Ihren Lieblingsthemen gehören Digitalisierung und Robotik.

Für Buchhaltung und Rechnungswesen gilt die digitale Welt sowieso. Inzwischen verfügt aber auch jede Einsatzkraft über Tablets für die Analyse vor Ort und die zentrale Datenzusammenführung, ebenso für die Kundenformulare und deren Ausfüllen. In der nächsthöheren Stufe werden sämtliche Einzelabläufe und die relevanten Werte erfasst, dokumentiert und weiterverarbeitet, für die Rechnungsstellung ebenso wie als Grundlage für weitere Arbeitsschritte.

Alle diese Reinigungsschritte wie im Haushalt auch unter Einsatz von chemischen Abflussreinigern?

Nein, vollkommen umweltfreundlich, immer rein mechanisch. Da hilft auch unsere Kooperation mit Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen zur digitalen Weiterentwicklung der Steuerungsprozesse. Künftig sitzen wir nur noch am Monitor und steuern unsere Roboter vor Ort in der Unterwelt. Das kann man in unserem Showroom live verfolgen. Die Faszination hat uns einen großen Zulauf an jobinteressierten Auszubildenden beschert. Wir sind keine "Schmuddelfirma", die mit Fäkalien hantiert, sondern ein Hightech-Unternehmen. Dem entspricht, dass es neben der Möglichkeit, einen Meister zu machen, das Studium als Umwelttechniker mit Bachelorabschluss gibt. Hierzu bieten wir innerbetriebliche Praktika an.

Verantwortung ist für Sie nicht nur eine innerbetriebliche Aufgabe, Sie sind in vielen gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen und mittelständischen Gremien aktiv. Wie beurteilen Sie hier den Stand der Digitalisierung?

Man kann in Deutschland nur von einer Katastrophe sprechen, wenn es um den Breitbandausbau geht. In Metropolen geht es, aber in ländlicheren Regionen schränkt dieser Mangel die Möglichkeiten für ein reibungsloses Funktionieren für ein mittelständisches Unternehmen massiv ein. Information, Kommunikation, inzwischen selbst Apparatesteuerung, sind immer noch nicht uneingeschränkt möglich. Darauf hat der BVMW immer wieder hingewiesen. Wir haben in Grimma sogar einen eigenen Funkmast aufgestellt.

Ein weiteres Thema für den Mittelstand sind die Nachfolgeregelungen, selbst in Familienunternehmen. Auch bei Ihnen?

Seit fünf Jahren sind meine Tochter und ihr Mann im Unternehmen. Die Nachfolge ist geklärt. Er hat bei uns seinen Meister gemacht. Übrigens sitzt meine Tochter gerade neben mir.

Dann wollen wir sie doch gleich mal fragen: Frau Kolb, wie wurde im Unternehmen aus Ihrer Sicht die Generationenfrage geregelt?

Jessica Kolb (Tochter von Andrea Türpe-Gil): Mir war es wichtig, nicht ausschließlich im eigenen Unternehmen gearbeitet zu haben, sondern auch andere Perspektiven und berufliche Umfelder kennenzulernen. Ich habe zum Beispiel Hotelmanagement in Salzburg studiert. Der Schritt von der Arbeit für andere in das eigene Familienunternehmen war für mich auch deshalb so reizvoll, da naturgemäß nirgendwo sonst Unabhängigkeit und Gestaltungsmöglichkeiten größer sind als im Betrieb, der zur Familie gehört.

Eine Herausforderung ist ja auch die Kombination aus Führungsposition, Familie und Kinderbetreuung.

Jessica Kolb: Auf jeden Fall, daher war unsere Ansiedlung hier vor Ort mit der ganzen Familie so wichtig. Hier stimmt für uns die Infrastruktur, für die Familie und das Unternehmen. Für meine Orientierung war es insgesamt wichtig, dass meine Mutter mich nicht gedrängt hat. Ich konnte meine eigenen Entscheidungen treffen.

All das spricht für das, nennen wir es so, mittelständische Unabhängigkeitsgen. Zurück zur unabhängigen aktuellen Chefin. Neben regionalen, nationalen und auch internationalen unternehmerischen Aktivitäten engagieren Sie sich auch für Kinder, besonders die von Peter Maffay mitgestaltete Tabaluga-Stiftung.

Wir unterstützen das gleichnamige Kinderheim in Leipzig. Übrigens entstand die Verbindung dazu und zu dessen Gründerin durch eine Begegnung mit ihr während einer BVMW-Veranstaltung. Zudem unterstützen wir passend zu unserem Metier die Initiative „Viva con Agua“ für hygienische Wasserversorgung in Ländern wie Nepal.

Das ideelle, familiäre und das berufliche Erbe sind also gesichert. Ich danke Ihnen sehr herzlich für das Gespräch.

Das Gespräch führte der Medienexperte Prof. Dr. Jo Groebel

Kanal-Türpe Döben GmbH & Co. KG
Kanal-Türpe Umwelt GmbH & Co. KG

Rechtsform: GmbH & Co. KG
Gründung: 1990
Sitz: Grimma (Sachsen)
Geschäftsführer: Andrea Türpe-Gil, Arndt Türpe
Mitarbeiter: 60
Umsatz: 4,8 Millionen
Branche: Dienstleistung – Instandhaltung und Sanierung abwassertechnischer Anlagen, Entsorgung flüssiger Abfälle- und Sonderabfälle, Industriereinigung
Webseite: www.kanal-tuerpe-sachsen.de