Vielfalt in der Bildung

In den vergangenen Jahren wurde in der oft kontroversen Diskussion um Erziehung und Bildung der Begriff der Werte stärker in den Mittelpunkt gerückt.

vielfalt in der bildung

Werte unterliegen gesellschaftlichen Entwicklungen und prägen den Normenkatalog unserer Gesellschaft. Sie erfuhren immer wieder Veränderungen und Umdeutungen.

Werte wie Freiheit der Entwicklung des Einzelnen, Leistungsbereitschaft, Fleiß und Gerechtigkeit waren in der Bildungsdiskussion immer wieder Uminterpretationen unterlegen und führten zu Strukturdebatten, die den Wert von Bildung in Deutschland nicht immer anhoben.

Vielfalt in der Bildung anerkennen

Werte können nicht permanent durch den Zeitgeist und schon gar nicht durch ideologisch angehauchte Utopien uminterpretiert werden. Es muss Schluss sein mit ständigen ideologiebelasteten oder vom Sparzwang getriebenen Schulstrukturreformen und Vereinheitlichungstendenzen, die letztlich der Bildung und unserem demokratischen Gemeinwesen schaden. Nicht jedes Kind kann und wird einen akademischen Weg einschlagen können. Das Märchen vom „Abitur für alle“ erweist sich als eine katastrophale Sackgasse, die uns in einen unverantwortbaren Fachkräftemangel schlittern lässt. Wer den Wert der Unterschiedlichkeit, der Vielfalt nicht erkennt, hat von den demokratischen Grundwerten der Aufklärung nicht viel verstanden. Welchen Wert haben erbrachte Leistungen und Schulabschlüsse? Wenn nur noch die Quote zählt, Einser-Abschluss-Schnitte zur Regel werden und die Politik sich mit formalen Abschlüssen ohne Leistungshintergrund brüstet, dann wird die Langzeitwirkung von Bildung und Werteerziehung verkannt. Wenn alle Abitur haben, hat keiner Abitur. Wir haben es verlernt, den Wert der beruflichen Bildung zu schätzen. Die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten wurden nicht nur unterschätzt, sondern gar geringgeschätzt und abgewertet. Schlimmer noch: Die einzigartige duale Berufsausbildung in Deutschland wurde im Zuge europäischer Vergleichbarkeitsstrategien unter Wert verkauft. Auch in Deutschland fehlte das Selbstbewusstsein, stattdessen erfolgte die Anlehnung an akademische Bezeichnungen wie Bachelor oder Master. Das Potenzial, mit dem sich aus qualitativer beruflicher Bildung, mit Motivation, Fleiß und Unternehmergeist Menschen entwickeln, die geschätzt und anerkannt werden, wurde und wird nicht mehr erkannt. Mehr Realität ist gefragt. Es muss um Inhalte gehen.

Bildungsinhalte

Wie kann ich als junger Mensch auf verschiedenen, anerkannten Wegen zu einem erfolgreichen, glücklichen und zufriedenen Leben finden? Welche Bildungsinhalte müssen in das moderne Bildungs- und Wertesystem Eingang finden? Neben demokratischen Werten spielen technische Entwicklungen, Digitalisierung und der Umgang damit eine entscheidende Rolle. Das Zeitalter der digitalen Aufklärung hat längst begonnen. Ökonomische Bildung darf nicht verteufelt werden, der gebildete Mensch des 21. Jahrhunderts muss wirtschaftliche Zusammenhänge erkennen und den Zusammenhang von Demokratie und Ökonomie nutzen. Ist das alles gerecht? Es gibt nichts Gerechteres als klare Leistungskriterien. Wer den Wert der Bildungsabschlüsse entwertet, schafft ein System der Vetternwirtschaft, Cliquen und Kumpaneien, die erst die soziale Ungerechtigkeit unterstreichen. Es darf keine Abwertung der Bildungswege und verschiedenen Abschlüsse geben. Jeder Schulabschluss muss mit Leistung hinterlegt sein und muss die Chance des Anschlusses und Vorankommens geben.

Förderung von Interkulturalität

Auch für Weltoffenheit, Toleranz und Interkulturalität in der Bildung braucht es ein zukunftsorientiertes Bildungsverständnis und vielfältige Formen des interkulturellen Austausches. Wir brauchen nicht nur Austauschprogramme für Studierende, sondern vielmehr auch für Auszubildende. Jeder Einzelne muss in einer pluralistischen Gesellschaft lernen, Verantwortung für die Gemeinschaft und für sich selbst zu übernehmen. Der Erwerb und die Beherrschung der deutschen Sprache ist dabei ein Schlüssel zu einer aktiven Teilnahme in der Gesellschaft. Ohne ausreichende Sprachkenntnisse ist es für die
Kinder von Migrationsfamilien der ersten Generation und für deren Eltern schwierig, die Ziele und demokratischen Werte unserer Gesellschaft zu erfassen, kennenzulernen und zu verstehen. Hier sind sowohl die Schulen, als auch die Unternehmen, Vereine und gemeinschaftlichen Institutionen in der Verantwortung. Aber auch die Familien selbst müssen ein entsprechendes Engagement mitbringen, um nicht nur passiver Bestandteil eines demokratischen, pluralistischen Systems zu werden.

Ständige Aushandlung nötig

Letztlich ist es unsere gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Wertediskussion offensiv zu führen, um eben nicht den Versprechungen und „Heilsbotschaften“ der Demokratiefeinde, Ideologen, religiösen Radikalen oder Autokraten zu erliegen. Werteerziehung bedeutet ständige inhaltliche, moralische Auseinandersetzung mit der Realität und den realen Verhältnissen in einer sich dynamisch entwickelnden Welt. Keine einfachen Antworten sind gefragt, kein Zurücklehnen in den „Sozialstaat“ hilft. Am Ende ist es das Individuum, der Einzelne, der gestärkt und mündig den gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen kann, seinen erfolgreichen Lebensweg beschreitet und sich frei von Bevormundung verwirklichen kann. Bildung hat nur Wert, wenn wir klare Werte vermitteln.

 

Jürgen Böhm
Bundesvorsitzender des Verbandes
Deutscher Realschullehrer (VDR)
Vorstand der Bildungsallianz des Mittelstands
www.vdr-bund.de

Gut zu wissen

■ Wenn es darum geht, Schülerinnen und Schüler an Werte und deren Bedeutsamkeit im täglichen Leben heranzuführen, spielen Lehrkräfte wie Eltern eine zentrale Rolle. Gerade junge Schülerinnen und Schüler richten sich in ihrem Verhalten gern nach dem, was sie von ihren Respektpersonen vorgelebt bekommen

■ Wichtig ist es, nicht nur über die Bedeutung von Werteerziehung zu sprechen, sondern gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern, Eltern, Kollegium und Schulleitung am Thema Werteerziehung zu arbeiten. Idealerweise sollte dies im Rahmen von gemeinsamen Projekten geschehen

Quelle: www.lehrerwelt.de