Intelligent, aber ohne Moral

Menschen entscheiden oft irrational. Sie folgen ihrem Bauchgefühl. Ist es daher gerechtfertigt, an eine Künstliche Intelligenz (KI) strengere Maßstäbe als an Menschen anzulegen? Die Antwort lautet eindeutig: ja.

intelligent, aber ohne moral

Eine KI hat das Zeug, nicht nur im Einzelfall, sondern direkt tausendfach falsch zu liegen. Dabei sind die Voraussetzungen für eine rationale Entscheidung günstig: Eine KI hat keine Emotionen, kein Bewusstsein und kein Ego. Auf der Gegenseite stehen die Abwesenheit von Moral, Gewissen und Erziehung. Ethische Kategorien wie „gut“ oder „böse“ sind für einen Algorithmus ohne Bedeutung. Wieso ist dann die ethische Sicht auf KI überhaupt ein Thema?

Drei Gründe für eine KI-Ethik

Sie ist ein Thema, weil es durch den KI-Einsatz zu ungewollten Verzerrungen, mangelnder Nachvollziehbarkeit und bewusster Manipulation kommen kann. Verzerrungen entstehen, wenn im Training der KI unausgewogene Daten verwendet werden. Im Personalbereich ist dies sehr relevant. Mangelnde Nachvollziehbarkeit entsteht, wenn neuronale Netze mit vielen Inputs, mehreren Schichten und Aktivierungsfunktionen verwendet werden. Dann ist es wie beim Menschen: Es ist unbekannt, wie eine einzelne Gehirnzelle zum Denken als solchem beiträgt. Deshalb gelten komplexe neuronale Netze als „Black Box“. Menschen durch Algorithmen zu beeinflussen, ist im Marketing bereits gang und gäbe. Die Grenze zur Manipulation wird überschritten, wenn der Nutzer nicht erkennen kann, ob er mit einem Menschen oder einer Maschine kommuniziert.

Individualisierung und Skalierung

Bei allen drei Gründen gilt, dass sich die gesellschaftliche Gefahr nicht durch den einzelnen Vorfall, sondern durch die Verbindung von Individualisierung und Skalierung ergibt. Ein Chat-Bot kann zehntausend Menschen gleichzeitig indoktrinieren – mit individuellen, politischen Tipps von Hundebesitzer zu Hundebesitzer oder von Brillenträger zu Brillenträger. Genau das ist aber nicht gewünscht. Damit die KI-Systeme in unserem Sinne ethisch handeln, braucht es Wettbewerb, Technologie und Politik. Den Wettbewerb, weil er die Vielfalt an Lösungsansätzen und damit die menschliche Autonomie sichert. Die Technologie, weil KI auf KI aufpassen muss. Und Regulierung, weil vom Marktpreis nicht bewertet wird, ob ein KI-Anbieter seinen Ethik-Katalog als Feigenblatt für disruptive Geschäftsmodelle verwendet oder der Verantwortungsethik von traditionellen mittelständischen Unternehmern folgt.

 

Prof. Dr. Michael Vogelsang
Professor für Volkswirtschaft und quantitative Methoden, Hochschule Ruhr-West Mülheim a. d. R leitet den Forschungsschwerpunkt „KI aus ökonomischer Perspektive“
michael.vogelsang@bvmw.de

Gut zu wissen

Der BVMW engagiert sich für Sie beim Thema KI:

■ Die Mittelstandsoffensive KI diskutiert KI-Strategien mit Politikern und Unternehmern

■ Der Arbeitskreis KI tauscht sich zu technischen und wirtschaftlichen Fachthemen aus. Im zweiten Halbjahr 21 werden die KPIs für eine KI-Investition im Mittelpunkt stehen

■ Das vom BVMW geleitete Förderprojekt Mittelstand 4.0-Kompetentzentrum Berlin unterstützt Unternehmen praxisnah durch KI-Trainer, Workshops und Sprechstunden

■ Interessierte Unternehmerinnen und Unternehmer können sich gerne an Sebastian Krauß, sebastian.krauss@bvmw.dewenden