Wachstumsmarkt Afrika

Zwei Milliarden Menschen werden in zwanzig Jahren auf unserem südlichen Nachbarkontinent leben. Die Kaufkraft wird dann immer noch viel geringer sein als in Europa... Aber sie wird wachsen. Was kann der Mittelstand tun, was die Politik?

Zwei Milliarden Menschen werden in zwanzig Jahren auf unserem südlichen Nachbarkontinent leben. Die Kaufkraft wird dann immer noch viel geringer sein als in Europa, Nordamerika oder Asien. Aber sie wird wachsen. Was kann der Mittelstand tun, was die Politik?

Wenn es nicht gelingt, eine Art nachhaltiger Industrialisierung zu starten und Afrika auf einen selbst tragenden Wachstumspfad zu bringen, wird es in Europa eng werden. Denn gerade den besser Ausgebildeten ist es nicht zu verdenken, wenn sie bei der Suche nach adäquaten Arbeitsplätzen nach Europa kommen. Kaum anderswo als in Afrika ist die Perspektivlosigkeit immer noch so groß, dass selbst studierte Frauen und Männer lieber einen Job als Taxifahrer in Paris, London oder Berlin hätten als den schlecht bezahlten und unsicheren in ihrem Heimatland.

Wissen, was gebraucht wird

Damit weniger Menschen ihre Herkunftsländer verlassen wollen, braucht Afrika nicht mehr Entwicklungszusammenarbeit, sondern wirtschaftliche Entwicklung und Wachstum. Das geht nur mit Privatunternehmen und einer mittelständischen Wirtschaft. Doch sind die Rahmenbedingungen nicht zu unsicher? Wo sind verlässliche Partner? Wie lange braucht man, um eine Finanzierung zu bekommen, und bekommt man sie überhaupt? Hat man für solch einen Markt die richtigen Produkte? Natürlich sind Anlagen und Geräte aus Deutschland für Brauereien, Baustellen und Bergbau hoch willkommen. Aber in kaum einem afrikanischen Land werden auch Konsumgüter jenseits verarbeiteter Agrarprodukte und Rohstoffe hergestellt, weder für Afrika noch für den Weltmarkt.

Ein breites Feld für den Mittelstand

Welche Produkte brauchen Menschen, die weniger als fünf Dollar am Tag zur Verfügung haben? Es geht um neue Produkte für Massenmärkte. Wir kennen bisher weder die Produkte noch die Märkte. Es gibt jenseits von intelligenten Apps für Smartphones die wirklich notwendigen kleinen Dinge, vielleicht sogar für den täglichen Bedarf. Aber sie müssen auf Afrika, die jeweilige Kultur und die gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst, robust und bezahlbar sein. In Deutschland sprechen wir von frugalen Innovationen. Gemeint sind keine simplen, sondern an konkrete Bedürfnisse angepasste, intelligente Lösungen. Hier täte sich bei der Produktentwicklung ein breites Feld für Mittelständler, Forschungseinrichtungen und auch für die afrikanische Diaspora in Deutschland auf. Denn welche existenziellen Bedürfnisse Menschen in Afrika, welche Fragen und Probleme sie wirklich haben und was ihnen Lösungen wert wären, wissen diejenigen am besten, die dort gelebt und über ihre Familien noch heute einen direkten Zugang zu ihren Herkunftsregionen haben.

EU-Regionalbeihilfen für Afrika?

Die Europäische Union sollte europäischen Unternehmen, die in afrikanischen Ländern investieren, Beihilfen wie bei Investitionen in benachteiligten Regionen der EU-Mitgliedsstaaten zahlen. Solche „Regionalbeihilfen“ sollen die wirtschaftliche Entwicklung und die Schaffung von Arbeitsplätzen fördern. Aber warum nur in der EU, wenn das Überleben Europas heute weniger von einer nachholenden wirtschaftlichen Entwicklung in Bulgarien oder Litauen als vielmehr von der Schaffung von Millionen neuer Jobs in afrikanischen Ländern abhängt? Es ist geradezu absurd, dass Europa eine geopolitische Rolle spielen will, aber seine finanziellen Mittel nicht entsprechend den politischen Prioritäten einsetzt. Angela Merkel hat schon 2016 in Addis Abeba gesagt: Das Wohl Afrikas liegt im Interesse Deutschlands und Europas. Wenn wir nur zehn Prozent der Mittel aus den europäischen Strukturfonds für Afrika einsetzen würden, wäre das schon doppelt so viel wie die gesamten Mittel aus dem EU-Entwicklungsfonds.

Rückwirkung für Europa

Diese Mittel kämen allen europäischen Unternehmen zugute, nicht einer von manchen kritisch gesehenen Entwicklungshilfeindustrie. Das Beihilferecht der EU ist auch den Mittelstandsunternehmen gut bekannt und weniger bürokratisch als die meisten Mittelstandsfonds

für Afrika. Diese können nur für afrikanische Unternehmen zahlen, also solche, die viele deutsche Mittelständler erst gründen müssten. Wenn Politik und Wirtschaft gemeinsam argumentieren und Interesse zeigen, dann scheint mehr möglich als das ideenlose Weiter so. Es wäre auch besser, Ländern wie Polen und Ungarn, anstatt sie zu bestrafen, ein Angebot zu machen, das in ihrem Interesse wäre: nicht Migranten nach Europa locken und sie dort verteilen, sondern auch polnische und ungarische Unternehmen ermutigen, Arbeitsplätze in Afrika zu schaffen und Migration intelligent zu steuern. Wenn es gut geht, dann ist Afrika in den nächsten drei Jahrzehnten der größte Wachstumsmarkt der Welt. Wirtschaft wie Politik in Europa haben ein essenzielles Interesse, dass es so kommt, weil beide mehr als andere in der Welt davon profitieren könnten.

 

Autor: Günter Nooke, Persönlicher Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung www.bmz.de/de