Bayerischer Mittelstand läuft bald mit Wasserstoff

Noch ist es nicht so weit, aber die ersten Schritte sind getan. Regionale Player aus dem Mittelstand könnten zukünftig dafür sorgen, dass Wasserstoff als Energieträger im Transport-Sektor eine Alternative zur E-Mobilität wird.

Foto/Copyright: Paul Nutzfahrzeuge GmbH v.l.n.r.: Josef Paul, Bernhard Wasner

Bayerischer Mittelstand läuft bald mit Wasserstoff

Noch ist es nicht so weit, aber die ersten Schritte sind getan. Regionale Player aus dem Mittelstand könnten zukünftig dafür sorgen, dass Wasserstoff als Energieträger im Transport-Sektor eine Alternative zur E-Mobilität wird.

Mitte Oktober 2021 vermeldete das Bayerische Wirtschaftsministerium einen erfreulichen Technologie-Schritt für den Wasserstoff-Standort Bayern:

Das Dreierbündnis „Next Mobility Accelerator“ mit den bayerischen Unternehmen MaierKorduletsch Gruppe und Paul Nutzfahrzeuge sowie der Shell Deutschland GmbH hatte in Hamburg den ersten mittelschweren Brennstoffzellen-Lkw aus bayerischer Produktion präsentiert.

Neben der Elektromobilität muss vor allem im Lastverkehr das Thema Wasserstoff aufgrund seiner Vorteile in diesem Bereich an Bedeutung gewinnen, aber gerade mittelständische Betriebe stehen hier vor zahlreichen Herausforderungen.

Deshalb wollte der BVMW in München von der Paul Nutzfahrzeuge GmbH, die den H2-LKW gebaut hat wissen, was die Hintergründe dieses beeindruckenden Innovations-Projektes sind.

Die beiden Geschäftsführer Josef Paul und Bernhard Wasner haben sich für unsere Fragen Zeit genommen.

BVMW München:  Welches war die Haupt-Motivation (der Treiber) für Sie als Mittelstands-Unternehmen, Kapazitäten in dieses innovative Thema zu investieren?

Josef Paul: Die Paul Gruppe hat ihren Blick seit je her auf technologischer Innovation. So sollte bereits vor ungefähr 10 Jahren der Schwerlastverkehr elektrifiziert werden und wir waren eines der Unternehmen, die zum Beispiel auf der A1 einen „E-Zug“ mit entwickelten und testeten. Damals ging es um E-LKWs an Oberleitungen. Ebenso entwickeln wir seit einigen Jahren ein Konzept des Mercedes Vario auf Elektro-Basis.

Bei der Wasserstoff-Technologie kommt im Gegensatz zur Elektromobilität eine weitere Komponente hinzu. Strom „gibt es überall“, Wasserstoff muss verteilt werden. So machen sich die Anbieter von E-Fahrzeugen wenig Gedanken darüber, wo die Fahrzeuge aufgeladen werden können. Wasserstoff-Antrieb kann sich dagegen ausschließlich durchsetzen, wenn es ausreichend Tankstellen dafür gibt.

So kam es Anfang 2020 bei einer Innovationsveranstaltung bei Paul zu Gesprächen mit Shell und MaierKorduletsch. Die einen können Wasserstoff liefern, es fehlen aber – Mangels Fahrzeugen und Tankstellen – die Abnehmer. Die anderen können die Tankstellen bauen. Und wir, Paul, können die Fahrzeuge bauen, die zunächst in einem regionalen Umkreis den Wasserstoff abnehmen können.

Mit zwei so kompetenten Partnern konnten wir eine langfristige Investition planen.

BVMW München: Aktuell ist „nur“ eine Kleinserie um die 100 Stück geplant – liegt es an den Produktionskapazitäten oder gibt es andere Gründe für die Begrenzung?  Und wo liegen die größten Hindernisse derzeit aus Ihrer Sicht für eine schnelle Skalierung von Wasserstoff-Antriebstechnologie für den Breitenmarkt?

Josef Paul: Wir könnten auch größere Mengen bauen. Der Flaschenhals und damit auch der Grund für die Begrenzung, trotz guter Nachfrage, ist eindeutig das Wasserstoff-Tankstellennetz.

Hier hat man das klassische „Henne-Ei- Problem“. Sind nicht ausreichend Wasserstoff-Tankstellen vorhanden, bleibt auch der Absatz von H2 Fahrzeugen gering. Damit bleibt der Preis für die Fahrzeuge und den Treibstoff hoch. Irgendjemand muss also damit anfangen, an einer dieser Stellschrauben zu drehen.

Die Technologie ist aus unserer Sicht gut ausgereift und sicher.

Ein weiteres Thema ist natürlich auch die Effizienz und tatsächliche Klimaneutralität. Derzeit ist der Wirkungsgrad von Wasserstoff- bzw. Brennstoffzellen-Technologie noch nicht optimal. Für den Transport muss hoch verdichtet werden, der Strom für die Herstellung muss aus erneuerbarer Energie kommen.

Da muss noch einiges passieren, allerdings gibt es auch in letzter Zeit massive Entwicklungs-Schübe, was z.B. die Beschichtung von Brennstoffzellen angeht. Und das Problem mit dem grünen Strom haben übrigens auch die Elektro-Fahrzeuge.

BVMW München: Welche Voraussetzungen (Finanzierung, Infrastruktur, gesetzliche Rahmenbedingungen, etc.) bräuchten Sie, um jetzt und in Zukunft größere Produktionszahlen erreichen zu können?

Bernhard Wasner: Es wäre zunächst hilfreich, wenn sich der Schwerpunkt von staatlichen Förderungen massiv verlagern würde. Gefördert wird derzeit insbesondere Forschung in neue Technologien. Bei der Elektromobilität ist das schon anders. Dort wird auch die Anschaffung von Lade-Infrastruktur und Speichertechnologien gefördert. Es sollte also auch bei Wasserstoff der Förderschwerpunkt auf die Skalierung der Technologie bzw. der Infrastruktur gelegt werden.

Ja, bei Wasserstoff-betriebenen Fahrzeugen gibt es zwar auch Förderungen, die bis zu 80 % der Mehrkosten gehen, diese sind aber sehr komplex in der Beantragung und auch nicht Planungssicher, sowohl für Betreiber als auch für Hersteller.

Und im Gegensatz zur E-Mobilität ist ein Förderantrag im Wasserstoff-Bereich ein Bürokratie-Monster. Die Anträge sind hoch komplex und die Bearbeitung ist sehr langsam.

So lässt sich für mittelständische Unternehmen kaum planen.

BVMW München: Paul Group als Spezial-Unternehmen – müssen Sie als Mittelständler nicht hier die Entwicklungs- und Prototypen-Arbeit anstelle von Mercedes und anderen großen Nutzfahrzeug-Herstellern machen?

Josef Paul:  Wir sind natürlich für Mercedes einer der größten Partner, was Spezialfahrzeugbau angeht. So sind wir sehr stark aufgestellt im Bereich „CTT“, also Daimler Custom Tailored Trucks.

Aber im Bereich des Wasserstoff-LKWs sind wir eigenständig aktiv. Das gibt uns die nötige Flexibilität, um zum Beispiel mit unseren Partnern Shell und MaierKorduletsch entsprechend schnell reagieren zu können.

Wir betrachten das recht pragmatisch: Wir sehen die Chancen eines Wasserstoff-LKW, trotz der relativ frühen Phase. Und deshalb machen wir etwas. Wir sehen unsere Fahrzeuge deshalb nicht als Prototypen für große Hersteller, sondern als eigenständige Spezial-Fahrzeuge mit modernster Technologie.

BVMW München: Sehen Sie Potential für eine bundes- und Europa-weite Vermarktung Ihres Wasserstoff-LKW mit damit verbundenem Wachstum Ihres Unternehmens?

Josef Paul:  Schauen Sie, in Köln gibt es derzeit die europaweit größte Anlage für Elektrolyse von Wasserstoff, die etwa 10 MW an Leistung bereitstellen kann. Das reicht grade mal um 150 LKWs mit Wasserstoff-Antrieb zu betanken.

Ähnlich sieht es in praktisch allen anderen europäischen Ländern aus. Das Zukunftsthema Wasserstoff wird grade ein wenig verschlafen, während z.B. asiatische Hersteller schon seit Jahren extrem stark an der Technologie forschen.

Wir sehen deshalb das Potential tatsächlich im Aufbau regionaler Infrastrukturen aus Fahrzeugen, Tankstellen und Energie-Lieferanten bzw. Wasserstoff-Herstellern, die zunächst den regionalen Einsatz im LKW oder auch Transporter- und Bus-Bereich abdecken.

Mittel- und langfristig wird es dann eine Ausweitung ins Überregionale geben, wenn immer mehr regionale Strukturen zu einem idealerweise flächendeckenden Netz zusammenwachsen.

BVMW München: Das alles klingt nach einem langen Weg, gerade für Sie als mittelständischen Betrieb. Was könnte noch besser laufen und was treibt sie trotzdem an?

Bernhard Wasner:  Was besser laufen könnte, wäre eindeutig die Möglichkeit, vor allem einfach und schnell über Förderungen die Technologie zu skalieren. Es muss für Wasserstoff-Fahrzeuge und die Infrastruktur dazu genauso einfach sein, Förderung zu bekommen, wie es derzeit schon für Elektro-Pkws und Ladestationen ist.

Letztendlich hat es unsere Politik in der Hand, ob wir auch in Deutschland weiterhin Innovationstreiber sind und neue Technologien in den Markt bringen!

Mehr Fahrzeuge mit Wasserstoff-Antrieb und mehr Tankstellen dafür bedeuten weniger klassische Verbrenner, weniger Belastung des lokalen Stromnetzes, erheblich weniger CO2 Emissionen und damit gerade im Lastverkehr eine echte Zukunftsorientierung.

Was nämlich eher mal vergessen wird ist, dass wir die Entwicklungen im E-Mobilitäts- und Wasserstoff-Bereich nicht nur vorantreiben, weil dies aus unserer Sicht die Zukunftsmärkte sind.

Wir sehen uns als mittelständisches Familien-Unternehmen ganz klar auch dafür verantwortlich, dass die Welt in der wir leben auch für zukünftige Generationen noch lebenswert ist. Dazu ist es essentiell, in innovative Technologien und Konzepte zu investieren und alle möglichen Wege zu gehen, die hier erfolgversprechend sind.

BVMW München:  Hr. Paul, Hr. Wasner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Pressekontakt:

Martin Bauer
Leiter Marketing, Unternehmenskommunikation | Head of Marketing, Corporate Communication
Paul Nutzfahrzeuge GmbH

Josef-Paul-Straße 1 | 94474 Vilshofen an der Donau
Phone: +49 (0) 8541/9030-135 | Fax.: +49 (0) 8541/96746-535
eMail: m.bauer@paul.group | Website: www.paul-nutzfahrzeuge.de

Foto/Copyright: Paul Nutzfahrzeuge GmbH

v.l.n.r.: Josef Paul, Bernhard Wasner

Das Interview führte Wolfgang Thanner, Leiter des Kreisverbandes in der Wirtschaftsregion München, BVMW e.V.

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