Kultusministerkonferenz fehlt Mut zur Modernisierung

Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), Stefanie Hubig (Bildungsministerin Rheinland-Pfalz) nennt die Beschlüsse vom 15./16. Oktober 2020 "historisch". Die Bildungsallianz des Mittelstandes äußert scharfe Kritik.

Bild: Pixabay.com/de; Gerd Altmann, mathematics-757566_1280.jpg

50 Jahre alte Vereinbarung wurde ersetzt

Bisher war das sogenannte "Hamburger Abkommen", also das Abkommen zwischen den Ländern der Bundesrepublik auf dem Gebiete des Schulwesens vom 28.10.1964 in der Fassung 14.10.1971 die Grundlage für die Zusammenarbeit der Länder in Bildungsfragen. Dieses Abkommen wurde aktualisiert und erweitert, um neue Herausforderungen abdecken zu können. 

Nun erwartet man sich von einer "historischen Änderung", dass sie vor allem wesentliche Herausforderungen des Bildungswesens wie Digitalisierung, Finanzierung und die verbindliche Zusammenarbeit der Länder in Zukunftsfragen der Bildung regelt. Zudem ist eine bessere Flexibilität und Entscheidungsfreiheit der Schulen und Träger wie Kommunen notwendig, um auf aktuelle Herausforderungen z.B. in der Corona-Krise schnell reagieren zu können. 

Die neue Ländervereinbarung liest sich eher wie eine schöne Absichtserklärung. Detail-Regelungen fehlen in weiten Teilen:  https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2020/2020_10_15-Laendervereinbarung.pdf

Fokus auf einheitliche Abschlüsse?

So freut sich der Bildungssenator Hamburgs, Ties Rabe über die Regelungen zur besseren Vergleichbarkeit von Schulformen und Schulabschlüssen in der Pressemitteilung der KMK vom 15.10.2020

 „Ich freue mich besonders, dass die Ländervereinbarung unter anderem die bessere Vergleichbarkeit der Schulabschlüsse und Schulformen zwischen den Ländern regelt. So verabreden wir beispielsweise neue und wegweisende Schritte zur Angleichung des Abiturs. Ab 2023 sollen in allen Ländern 50 Prozent aller schriftlichen Abituraufgaben in den Kernfächern aus einem gemeinsamen, länderübergreifenden Aufgabenpool entnommen werden. Ab 2025 wird diese Regelung auch auf die naturwissenschaftlichen Fächer ausgeweitet. Zugleich sollen die Regelungen der Oberstufen angeglichen werden.[...]"

 

Der Kommentar von Jürgen Böhm, Bundesvorsitzender des Deutschen Realschullehrerverbands (VDR), zu angeglichenen und vereinheitlichten Abschlüssen hört sich wie folgt an:

„Eine bloße Vereinheitlichung und Angleichung der verschiedenen Schulabschlüsse über die 16 Bundesländer führt unweigerlich zu einem Qualitätsverlust“, stellt Jürgen Böhm, Bundesvorsitzender des Deutschen Realschullehrerverbands (VDR), klar und kommentiert damit den Vorstoß der Kultusministerkonferenz (KMK) bundesweit angeglichene und vereinheitlichte Abschlüsse schnell umsetzen zu wollen.

Die Bildungsallianz Mittelstand bringt die Kritik auf den Punkt

Die gemeinsame Presseerklärung von BVMW, Bildungsallianz Mittelstand und VdR vom 16.10.2020 sieht eher eine historische Chance verpasst: 

Kultusministerkonferenz fehlt Mut zur Modernisierung

Berlin – In einer gemeinsamen Presseerklärung äußern sich Mittelstandspräsident Mario Ohoven, der Bundesvorsitzende des Deutschen Realschullehrerverbandes, Jürgen Böhm, und der Generalsekretär der Bildungsallianz des Mittelstandes*, Patrick Meinhardt, zu den aktuellen Beschlüssen der Kultusministerkonferenz (KMK):

„Die Euphorie über die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz können wir nicht teilen. Die Tatsache, dass die KMK 50 Jahre gebraucht hat, um eine Ländervereinbarung neu zu formulieren, sagt schon alles und macht deutlich, dass die KMK nicht auf der Höhe der Zeit ist.

Der wichtigsten Aufgabe hat sich die KMK nicht gestellt: sich selbst zu modernisieren. Hierzu fällt in den 44 Artikeln kein Wort. Wir hätten klare Worte und mehr Mut zur höheren Eigenverantwortung und Gestaltungsfreiheit von Schulen, zur Stärkung der Beruflichen Bildung und zur Aufwertung von Haupt- und Realschulabschlüssen erwartet.

Ein gemeinsames Ziel ist es, die Vergleichbarkeit von allen Schulabschlüssen, nicht nur des Abiturs, sicherzustellen. Dies darf aber unter keinen Umständen dazu führen, dass es eine Vereinheitlichung auf einem abgesenkten Niveau gibt, nur damit alle 16 Bundesländer an Bord sind.

Für die Zukunft muss ausgeschlossen werden, dass Kultusminister politisch Noten verändern können, weil aus ihrer Sicht das Leistungsniveau ungerecht hoch ist. Hierzu hätten wir uns einen Artikel gewünscht.

Den beschrittenen Weg einer Ländervereinbarung halten wir für den falschen Weg. Richtig wäre ein Bildungsstaatsvertrag gewesen, in dem Verantwortlichkeiten, Ziele und auch Finanzen klar geregelt werden, und bei dem die Kommunen, die ein hohes Maß an Bildungsverantwortung tragen, eingebunden gewesen wären.“ 

Info: Die Bildungsallianz des Mittelstandes ist das größte Bildungsnetzwerk in Deutschland zwischen dem BVMW und 21 Bildungsverbänden, die für 380.000 Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher und Dozenten sprechen.