Stolperfalle Lieferkette

2023 tritt das Lieferkettengesetz, in Kraft. Damit kann die Missachtung örtlicher Gesetze zu Kinderarbeit, Menschenrechten oder Umweltschutz, egal wo auf der Welt, die Reputation und Bilanzen von Mittelständlern aus Deutschland nachhaltig schädigen.

Kleidungsfabrik, Südostasien

In einer global vernetzten Wirtschaft sind die Lieferketten für Produkte und Dienstleistungen über die gesamte Welt verknüpft und beginnen häufig in Schwellen- und Entwicklungsländern. Dabei kommen folgende Szenarien regelmäßig vor: Private Sicherheitsdienste drangsalieren die lokale Bevölkerung. Plantagen beziehen Arbeitskräfte über einen Vermittler und bezahlen schlechte Löhne für überdurchschnittlich lange Arbeitszeiten. Fabriken nehmen es mit den örtlichen Vorschriften für Umweltmanagement und Arbeitssicherheit nicht so genau und kehren entstandenen Schaden durch Schmiergelder unter den Teppich.

Bürgerkrieg im Handy

Viele Hersteller von Elektronikprodukten beziehen Koltan aus Uganda oder Ruanda; beides Länder, die in Bezug auf die Einhaltung von Menschenrechten als relativ sicher gelten. Wer aber die Grenzregionen dieser Länder zum Kongo besucht, sieht jede Menge Lkw, die mit Koltan aus dem großen Nachbarland beladen sind. Diese gehören chinesischen Händlern, die das Metall dort auch aus den Konfliktregionen einkaufen, wo es den immer wieder ausbrechenden Bürgerkrieg im Osten Kongos mitfinanziert. In Uganda wird es dann mit dem ‚sauberen‘ Koltan vermischt. Europäische Einkäufer glauben, mit ugandischem Metall alles richtig gemacht zu haben, stehen dabei aber unbewusst zwischen politischen Konfliktlinien.
Ab 2023 kann sich die Situation für viele deutsche Unternehmen massiv verschärfen: Das LkSG kann sie für soziale oder ökologische Missstände zur Rechenschaft ziehen. Dabei haben heute weit über 100.000 deutsche Mittelständler im Ausland investiert, davon knapp 30 Prozent in potenziellen Risikogebieten wie China, Afrika, Lateinamerika oder den asiatischen Schwellenländern. Obwohl China einer der wichtigsten Handelspartner Deutschlands ist, sind die Zustände, insbesondere bezogen auf Arbeitsrechte und Arbeitssicherheit, kaum besser oder sogar schlechter als in Afrika. Häufig trifft man in afrikanischen Ländern auf Gruppen chinesischer Arbeiter, die froh sind, eine Zeit lang dort arbeiten und die chinesischen Fabriken hinter sich lassen zu können.

„Dem Gesetz werden sich auch kleinere Firmen nur schwerlich entziehen können, zumindest, wenn sie größeren Unternehmen zuliefern.”

Kakao und Kinderarbeit

Das LkSG greift ab 2023 zwar erst für Unternehmen ab 3.000 Mitarbeitern und ab 2024 für Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitern. Allerdings werden sich auch kleinere Firmen dem Gesetz nur schwerlich entziehen können, zumindest, wenn sie größeren Unternehmen zu liefern. Es gilt als sicher, dass Großunternehmen ihre Verpflichtung an ihre jeweiligen Zulieferer weitergeben werden. Aufgrund ihrer risikobehafteten Lieferketten wären insbesondere mittelständische Unternehmen aus den Bereichen Elektronik, Nahrungs mittel, Metalle/ metallhaltige Komponenten, Maschinenbau und Textilien betroffen. Deutschland ist einer der größten Kakao-Importeure weltweit. Die Hauptlieferländer sind die Elfenbeinküste, Ghana und Nigeria. Es ist kaum davon auszugehen, dass NGOs dort keine Fälle von Kinderarbeit, schlechter Bezahlung oder negativer Umweltauswirkungen finden werden. Überall in Afrika sind Kinder gezwungen, mit ihrer Arbeit ihre Familien finanziell zu unterstützen. Hier eine Verbindung zu Exporten nach Deutschland zu konstruieren, ist recht einfach, selbst wenn dies faktisch nicht den Tatsachen entsprechen würde.

Neben den Haftungsrisiken existieren auch schwerwiegende Reputationsrisiken. So wurde beispielsweise durch die europäische Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) im September 2021 Strafanzeige gegen mehrere namhafte deutsche Unternehmen (u. a. Hugo Boss und Lidl) gestellt. Der Vorwurf: Sie beziehen Baumwolle und Baumwollprodukte aus China, die durch von Uiguren geleistete Zwangs arbeit hergestellt würde. Während die Beweislage noch dürftig ist, hat sich eine ganze Reihe europäischer Firmen dazu bekannt, sich aus der Region zurückzuziehen. Auch wenn die deutschen Firmen eine strenge Policy gegen Zwangsarbeit hatten, so ist das im Sumpf intransparenter Verstrickungen nicht ausreichend. Umso wichtiger ist die Anwesenheit und Kontrolle vor Ort.

Die Chancen einer rechtzeitigen Anpassung

So unangenehm die Aufgabe ist, die auf die Unternehmen zukommt, so unausweichlich ist sie. Schließlich werden sie ihre Lieferketten einer Art Inventur unterziehen müssen. So kann ein Zuliefereraudit mangelnde Qualitätskontrollsysteme aufdecken, die früher oder später zu unzureichenden und fehlerhaften Produkten führen könnten. Zusätzlich haben Unternehmen im Rahmen der Anpassung an das LkSG die Chance, eine starke Position in Zeiten erhöhter rechtlicher Anforderungen und ebensolcher Ansprüche der Konsumenten und der Öffentlichkeit aufzubauen. Zulieferer, die sich möglichst sozial und umweltkonform positionieren, nehmen ihren Kunden mögliche Sorgen ab und heben sich so gegenüber weniger konformen Wettbewerbern positiv hervor.

 

Gut zu wissen

 

  • Auch die EU arbeitet an einem Gesetzesentwurf zum Thema Sorgfaltspflicht entlang der Lieferketten. Es wird mit einer Einführung ab 2024 gerechnet
  • Unternehmen sollten sich rechtzeitig der Umsetzung widmen, da alle Parameter wie Risikoanalyse, Risikomanagement oder Beschwerdemechanismus bis Januar 2023 etabliert und funktionsfähig sein müssen
  • Dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) obliegt die behördliche Überwachung

Dr. Christoph U. Eichel
Vorsitzender der Geschäftsführung

Dr. André Ufer
Senior Advisor

Solitaire Advisory GmbH
BVMW-Mitglied

www.solitaireadvisory.com 

 


Foto: © HongKi von www.stock.adobe.com

 

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