Haltet die Frauen!

Mutterschaft und Babypause sind für viele Frauen noch immer ein Karrierekiller. Die TV-Produzentin Tita von Hardenberg hat sich ausgiebig damit beschäftigt, hält Vorträge zum Thema und zeigt, dass es auch anders geht.

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Als Unternehmerin treibt mich eine Frage mehr und mehr um: Warum ist Mutterschaft im Jahr 2018 immer noch ein veritabler Karrierekiller? Es ist leider nicht zu leugnen, dass für viel zu viele gut ausgebildete Frauen die Babypause eine Zäsur bedeutet, die sie unaufholbar zurück wirft. Es ist schwer, sich nach der Elternzeit wieder in die alte Position zurück zu kämpfen. Und auch für die Unternehmen ist jede Babypause eine Herausforderung.

Ich bin dreifache Mutter und Unternehmerin und weiß nur zu gut, dass man nicht automatisch Freudensprünge macht, wenn wieder eine Mitarbeiterin schwanger wird. Ein weiteres Mal fällt eine eingespielte und wichtige Kraft weg. Und wenn sie zurückkommt, dann wahrscheinlich nur in Teilzeit. Als Mutter freue ich mich für sie, aber als Unternehmerin seufze ich, denn ich weiß, die Chance, dass ich meine Mitarbeiterin in absehbarer Zeit als volle Kraft wiederbekomme, ist gering.

Haben Frauen in Deutschland Kinder unter drei Jahren, gehen nur zehn Prozent von ihnen einer Erwerbstätigkeit in Vollzeit nach. Zum Vergleich: bei Vätern sind es 83 Prozent. Bei rund der Hälfte der jungen Familien arbeitet die Frau gar nicht und der Mann in Vollzeit. Nur zwei Prozent aller Männer bleiben zu Hause, während sie die Familie ernährt.

Immerhin drängen 70 Prozent aller Mütter wieder in den Beruf, wenn die Kinder im Kindergarten und in der Schule sind. Aber die meisten von ihnen nur für wenige Stunden. Sie landen in der berüchtigten Teilzeitfalle, in der es schwer ist, den Aufstieg in eine Führungsposition zu schaffen.

Wir wundern uns, warum unter den 636 Vorständen unserer börsennotierten Unternehmen ganze 50 Frauen zu finden sind. Aber wo sollen sie eigentlich herkommen, wenn es auch in den Ebenen darunter viel zu wenige Chefinnen gibt? Zu wenig Kandidatinnen mit Führungserfahrung, die in die Vorstände aufsteigen könnten? Was können wir als Unternehmer tun, um diese Kettenreaktion schon ganz am Anfang aufzuhalten? Wenn es gelingt, die jungen Frauen zu halten, sie zu ermutigen und sie zurückzuholen, profitiert davon die Wirtschaft. Viele Studien haben nachgewiesen, dass sich gemischte Führungsteams in vieler Hinsicht auszahlen. Und das Schöne ist, es spricht sich herum. Messbar mehr Firmen werben in ihren Stellenanzeigen mit Familienfreundlichkeit.

Ich habe fast zwei Jahrzehnte gebraucht, bis ich begriffen hatte, wieviel ich selbst als Chefin dafür tun kann, dass ich meine Mitarbeiterinnen nicht verliere. Es bringt schon viel, ein paar typische Muster unserer Arbeitswelt auf den Prüfstand zu stellen, dazu gehören die Präsenzkultur, Abendmeetings, Konferenzreisen und die ständige Erreichbarkeit. Viele Unternehmen denken um und schaffen familienfreundlichere Bedingungen. Schon aus rein wirtschaftlichen Gründen.

Was also können Arbeitgeber konkret tun, um auf die besondere Situation der jungen Mütter Rücksicht zu nehmen und ihnen die Rückkehr zu erleichtern? Ich habe in meiner TV- Produktionsfirma einiges probiert und auch einiges wieder verworfen. Am Ende haben sich fünf konkrete Maßnahmen herauskristallisiert, die funktionieren:

  1. Kontakt halten im Mutterschutz
    Viele Frauen haben Angst vor der Rückkehr, weil sie denken, sie hätten den Anschluss verloren. Hier kann es helfen, eine Mitarbeiterin zu bestimmen, die schon während des Babyjahrs Kontakt hält, die beispielsweis alle zwei Monate mit der jungen Mutter Mittagessen geht und sie darüber auf dem Laufenden hält, was in der Firma passiert. Wer mental drin bleibt, hat es leichter zurückzukommen.
     
  2. Rückkehrerinnen interessante Aufgaben geben
    Wer sich von seinem Baby trennt, bringt ein Opfer für den Beruf. Und das muss sich lohnen. Oft klagen Mütter, die in Teilzeit arbeiten darüber, dass sie mit Aufgaben abgespeist werden, die sie unterfordern. An diesem sensiblen Punkt fragen sie sich schnell, ob es sich lohnt, dafür zurückzukehren.
     
  3. Nicht von Null auf Hundert
    Wenn die Kollegin nach ihrer Elternzeit erstmal nur stundenweise zurückkommt, ist das schon mal ein Anfang. Hauptsache, sie ist da und kommt wieder auf den Geschmack. Selbst wenn die kurze Teilzeit für den Betrieb erstmal eine Belastung ist, es lohnt sich.
     
  4. Stundenzahl langsam steigern
    Sorgen Sie dafür, dass sich die Stundenzahl nach und nach wieder steigert auf mindestens 80 Prozent der Vollzeit. Permanente Kurzteilzeit ist wirklich eine Falle. Flexizeit kann gerade für junge Familien enorm hilfreich sein.
     
  5. Bewusste Ermutigung
    Frauen hinterfragen sich in der Regel stärker als Männer und trauen sich weniger zu. Von Vorgesetzten wird das gerne mit mangelndem Engagement verwechselt, oft ist es aber nur mangelndes Selbstvertrauen. Daher kann es Wunder wirken, die Mitarbeiterin einfach wissen zu lassen, dass man ihr viel zutraut. Auch hier ist es sehr unterstützend, ihr eine Mentorin zur Seite zu stellen.
     
  6. Weiterhin nach neuen Maßnahmen suchen
    Geben Sie nicht alles vor, sondern lassen Sie die Mütter und Väter selbst gestalten.

 

Meine ermutigende Erfahrung ist: Sind erstmal ein paar junge Mütter an Bord, wird alles einfacher. Dann verschwinden die überflüssigen familienfeindlichen Strukturen nach und nach ganz von allein. In einem Team, dem zwei, drei junge Mütter angehören, werden die Meetings nicht um 18.30 angesetzt. Es wird sich erst substantiell etwas ändern, wenn die, die es betrifft, die Arbeitsbedingungen selbst beeinflussen können.

Laut dem Väterreport der Bundesregierung aus dem Jahr 2016 teilen sich bisher gerade mal 14 Prozent aller Paare die Familienarbeit gerecht auf. Das ist deutlich zu wenig. Und solange nicht auch die Familien selbst ihre Arbeitszeiten und -Teilung überdenken, werden die Arbeitgeber das Problem nicht lösen können.

Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber er ist nicht so steil, wie er aussieht. Alles was wir erreichen müssen, ist eine kritische Masse von Frauen, die es vormachen und Firmen, die es ermöglichen. Und die kriegen wir, wenn jeder einzelne überlegt, wie er selbst anfangen kann, Teil dieser kritischen Masse zu werden.

 

Tita von Hardenberg
Geschäftsführende Gesellschafterin
Kobalt Productions GmbH