Digitaler Wandel im Gesundheitswesen

Nur einmal angenommen: Was wäre, wenn Deutschland Digitalweltmeister würde? Das klingt für manche wahrscheinlich verrückt und nach vollkommener Selbstüberschätzung. Aber warum eigentlich, warum sollte Deutschland das nicht können?

menschenfigur auf stilisiertem digitalen hintergrund

Geht es um Innovation, sind wir besser als alle anderen: bei Forschungsausgaben, wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Patenten – im gesamten Prozess, von der Idee bis zum Produkt. Die deutschen Unternehmer sind risiko- und innovationsfreudig. Es ist eigentlich alles da.

Diese Ausgangslage sollten wir auch für die Digitalisierung nutzen. Unser Ziel muss es sein, bei Forschung und Datennutzung China und USA künftig nicht nur auf Augenhöhe zu begegnen, sondern mit unseren Qualitätsmaßstäben über andere noch hinauszuwachsen. Eine Datennutzung wie in China mit einem alles kontrollierenden Staat wollen wir nicht. Eine Datennutzung wie in den USA, mit enormer Macht der Privaten, auch nicht. Wir wollen Wertschöpfung, aber im Rahmen unserer Wertvorstellungen. Bei Digitalisierung und eHealth müssen wir selbst Standards setzen. Hierfür gilt es, unsere Kräfte stärker zu bündeln, etwa bei Forschungsförderung und Investitionen. Mit der KI-Strategie der Bundesregierung sind wir auf dem richtigen Weg, um Deutschland als Standort für die Entwicklung und Anwendung von KI-Technologien nach vorn zu bringen.

Vor allem aber brauchen wir gute Rahmenbedingungen, für Marktwirtschaft, in der sich Unternehmergeist entfalten kann. Bei der Digitalisierung sind das zum Beispiel die Funknetze: Wie schaffen wir es, in allen Landesteilen stabiles 5G-Netz hinzubekommen? Ein Netz, mit dem wir dann auch eHealth störungsfrei nutzen können! Es gibt wegweisende Projekte wie den Telenotarzt in Aachen, die wären in manchen Gegenden Deutschlands noch gar nicht machbar, mangels Mobilfunk!

Vom Patienten her denken

Gesundheit ist die größte Wirtschaftsbranche in Deutschland, Millionen von Menschen sind jeden Tag als Patienten damit in Kontakt. Was wir da verändern, hat Einfluss auf den Alltag von sehr vielen Menschen, schafft Akzeptanz. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens müssen wir daher vom Patienten her denken. Was erleichtert den Alltag von Patienten? Wie lassen sich ärztliche Diagnosen mit Hilfe eines Gegenchecks durch Datenauswertung absichern? Wie lässt sich die Versorgung auf dem Land verbessern, zum Beispiel mittels Fernbehandlung oder Videosprechstunden? Es mangelt in Deutschland nicht an tollen Ideen. Modellprojekte, Start-ups, erfolgreiche Kooperationen im Innovationsfonds – viele Beispiele beweisen das. Die Erwartungen sind entsprechend riesig. Eher zwergenhaft hingegen erscheint, wie eHealth bisher im Patientenalltag nutzbar ist.

Das ändern wir. Die digitale Infrastruktur für das Gesundheitswesen kommt. Rund 50.000 Arztpraxen sind inzwischen an die Telematikinfrastruktur angeschlossen. Auch die Altenpflege bringen wir ans Netz. Derzeit arbeiten wir die konkreten Regelungen zu Zugriff und Finanzierung aus.

Mit der elektronischen Gesundheitskarte werden ab der zweiten Jahreshälfte Notfalldaten und Medikationsplan zur Verfügung stehen, wenn der Patient das wünscht. Auch die elektronische Patientenakte kommt. Spätestens ab Anfang 2021 soll sie für alle gesetzlich Versicherten zur Verfügung stehen. Alle, die das wollen, können sie nutzen. Befüllt mit Daten von allen behandelnden Ärztinnen und Ärzten. Für den Patienten auf Wunsch auch per Smartphone zugänglich. Mit integrierten Anwendungen, die die Krankenkasse anbieten kann. Und alle Daten können bei einem Kassenwechsel problemlos mitgenommen werden.

Nutzen im Vordergrund

Das macht den Fortschritt greifbar: Unnötige Doppeluntersuchungen und Vielfachanamnesen entfallen. Ärztliche Entscheidungen werden für Patienten nachvollziehbarer. Evidenzbasierte Medizin bekommt größere Durchsetzungskraft. Und wichtig ist: Es entstehen mehr Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Behandlern und Patienten.

Ich bin sicher: wenn Ärzte und Patienten erst einmal konkret erfahren, welche Vorteile es für sie hat, dass die Kommunikation in der Versorgung einfacher wird, dass umständliche Papierprozeduren entfallen, dass wichtige Gesundheitsinformationen im richtigen Moment am richtigen Ort zur Verfügung stehen, dass man Zeit und Wege sparen kann – dann wird auch die Bereitschaft für weitere Veränderungen wachsen. Hier kann viel entstehen, wenn zugleich auch die Unternehmen in diesen Veränderungsprozess hineingehen – sich vom Denken in Produkten, Komponenten und Technologien ein Stück weit lösen und sich dem Nutzen zuwenden, der daraus geschaffen werden kann: für Patienten, für Ärzte, für die Gesundheitsversorgung.

 

Jens Spahn
Bundesminister für Gesundheit, MdB
www.bundesgesundheitsministerium.de