Die Zukunft der Pflege – auch Arbeitgeber sind gefordert

Mit drei Gesetzen zur Stärkung der Pflege haben wir in der vergangenen Legislaturperiode wichtige Weichenstellungen vorgenommen und die Pflegeversicherung mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff auf das richtige Gleis gelenkt.

In dieser Legislaturperiode gilt es deshalb, die Spur zu halten und weitere Herausforderungen anzugehen.

Die zahlreichen Vereinbarungen zur Pflege im Koalitionsvertrag sind eine gute Basis, um die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung vor allem in der Altenpflege zügig zu verbessern. Die Zeit ist reif für höhere Gehälter und verbindliche Tarifverträge in der Pflege sowie für eine Angleichung der regionalen Unterschiede. Es kann nicht länger hingenommen werden, dass eine examinierte Pflegekraft in der Altenpflege im Schnitt nur 2.600 Euro verdient, während sie im Krankenhaus 3.200 Euro bekommt. Noch skandalöser ist es, wenn Pflegekräfte in Sachsen-Anhalt für die gleiche Arbeit fast 1.000 Euro weniger verdienen als ihre Kolleginnen in Baden-Württemberg. Um mehr Menschen für Berufe in der Pflege zu begeistern, braucht es neben einer fairen Bezahlung konkrete Maßnahmen zur Verbesserung des Arbeitsalltags. Hier ist aber nicht nur die Politik gefragt. Anbieter rund um die Pflege, wie Heimbetreiber und ambulante Dienste, können einen wichtigen Beitrag leisten, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und damit auch die Qualität der Pflege und die Attraktivität des Berufs zu steigern.

Neue Arbeitszeitmodelle gefragt

Angesichts der demografischen Entwicklung können wir es uns nicht länger leisten, dass so viele gut ausgebildete Fachkräfte den Beruf aus Überlastung und Unzufriedenheit verlassen – in der Altenpflege durchschnittlich nach gut acht, in der Krankenpflege nach knapp 14 Jahren. Drei von vier Pflegekräften arbeiten nur in Teilzeit – oft nicht einmal selbst gewählt. Darum sind Arbeitgeber gefordert, die Arbeitsorganisation zu modernisieren und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu entwickeln. Einrichtungsträger und ambulante Dienste sind gefragt, jenen, die Vollzeit arbeiten wollen, auch entsprechende Angebote zu machen. 

Und wäre nicht gerade vor dem Hintergrund der hohen physischen und psychischen Belastungen eine 35-Stunden-Woche in der Pflege angebracht? Das wäre ein Anreiz für viele Teilzeitkräfte, auf Vollzeit umzusteigen. Auch eine Abkehr von der Praxis geteilter Schichten erhöht die Attraktivität des Pflegeberufs. Dass dies möglich ist, beweisen gut geführte Einrichtungen seit langem. Als Pflegebeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion sehe ich immer wieder, wie sehr es an der Unternehmensleitung und der Führungskultur liegt, ob Pflegebetriebe gutes Personal gewinnen oder nicht. Denn trotz eines unbestrittenen Fachkräftemangels hat sich gezeigt: Wer für gute Bezahlung und verlässliche Arbeitsbedingungen sorgt, findet auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es gibt Pflegeheime und Dienste, die hier mit gutem Beispiel vorangehen und beispielsweise auch Angebote zur Gesundheitsförderung machen.

Nur wenn solche Beispiele Schule machen, können auch die politischen Maßnahmen fruchten, mit denen wir für genügend Nachwuchs auf dem Pflegearbeitsmarkt sorgen wollen: Die anstehende Umstellung der Pflegeausbildung hin zur Generalistik wird flankiert durch eine Ausbildungsoffensive Pflege. Familienministerin Franziska Giffey hat diese Offensive als erstes Ergebnis der Konzertierten Aktion Pflege bereits vorgestellt.

Vereinbarkeit von Pflege und Beruf braucht innovative Ansätze

Ein Großteil der Pflege findet in Deutschland immer noch zuhause statt. Mehr als drei Viertel aller pflegebedürftigen Menschen leben zuhause, davon wird ein Großteil teilweise oder auch ausschließlich von Angehörigen gepflegt. Pflegende Angehörige sind stark belastet, vor allem, wenn sie die Pflege mit dem Beruf vereinbaren müssen. Darauf müssen sich Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber aller Branchen einstellen. Gerade der Mittelstand ist auf seine erfahrenen Fachkräfte angewiesen. Darum lohnt es sich, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in besonderen Lebenslagen zu unterstützen, damit sie Berufstätigkeit und Pflege miteinander vereinbaren können. Das Instrument der Familienpflegezeit bietet dafür eine gesetzliche Grundlage. Auch über solche Rechtsansprüche hinaus können Unternehmen in Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmervertretern Konzepte für Beschäftigte entwickeln, die pflegebedürftige Angehörige haben. Dabei helfen flexible Arbeitszeitkonten. Auch können Unternehmen durch Beratung unterstützen. So werden sie attraktive Arbeitgeber, anstatt Fachkräfte zu verlieren, die wegen eines akuten Pflegefalls womöglich ihren Arbeitsplatz aufgeben möchten.

Eine würdevolle Pflege in unserer alternden Gesellschaft ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In der Politik werden wir konsequent weitere Schritte gehen, und es ist gut, wenn auch die mittelständische Wirtschaft ihren Teil zur Lösung der Probleme beiträgt.

Gut zu wissen:
Einen Wegweiser für Arbeitgeber zum Thema „Beruf und Pflegeverantwortung“ gibt es von der Initiative Gesundheit und Arbeit zum kostenlosen Download:
https://bvmw.info/iga-inf


Heike Baehrens
Pflegebeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion
www.heike-baehrens.de