Bildungsmisere: Deutsche Unternehmen klagen über schlechte Bewerber

Mittelständische Unternehmen klagen über inkompetenten Nachwuchs – kaum Mathematik, schlechtes Deutsch, keine Arbeitshaltung. Ein Bildungsnotstand mit Ansage: Das deutsche Schulwesen krankt schon seit langem.

Im Jahr 1999 geht BVMW-Präsident Mario Ohoven noch mal zur Schule: Nicht um zu lernen, sondern um junge Menschen für Wirtschaft und Unternehmertum zu begeistern. Denn offensichtlich sind wesentliche Fragen der Berufswahl, Ausbildung und Alterssicherung keine Inhalte des Lehrplans. Ohovens Fazit: Die Lehrkräfte selber wissen kaum etwas über Ökonomie, die Lehrmittel sind veraltet, Klischees von ausbeuterischen Unternehmern bestimmen die Wahrnehmung von freier Marktwirtschaft. Also vermittelt Ohoven gemeinsam mit dem Wirtschaftssenat des BVMW Unternehmer an die Schulen, die Praktika anbieten, Patenschaften übernehmen und bei der Ausrüstung mit Computern helfen. Das Ziel: Lust auf Selbstständigkeit und Unternehmertum machen.

Endemische Wirtschaftslegasthenie

Heute, genau 20 Jahre später, beklagen Unternehmen nicht nur den Fachkräftemangel – sie haben es mit Auszubildenden und Bewerbern zu tun, denen elementare Fähigkeiten in den MINT-Bereichen und sogar der deutschen Sprache fehlen. Dazu kommt eine endemische Wirtschaftslegasthenie, sodass laut einer IHK-Studie ein Drittel der Lehrstellen nicht besetzt ist, ein Viertel der Azubis abbrechen und über 60 Prozent Nachhilfe in Deutsch und Mathematik benötigen. 38 Prozent der Hochschulabsolventen mit Master oder Bachelor werden von Firmen nach der Probezeit nicht übernommen. Ihnen fehlten die „sozialen Fähigkeiten", so die Klage der Unternehmen.

Das Problem ist nicht nur ein endemisches, sondern ein bildungshistorisches. Josef Kraus ist pensionierter Gymnasialdirektor und war von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Er hat in seiner Laufbahn in Bayern 2.000 Abiturzeugnisse ausgestellt und weiß, wovon er redet. Seine Beobachtung: Der Niedergang des deutschen Bildungswesens lässt sich die letzten 20, sogar 30 Jahre zurückverfolgen.

„Gymnasien und Hochschulen müssen ihre Zugangsanforderungen hochschrauben und auswählen."

Komplett am Markt vorbei

Kraus registriert in diesem Zeitraum eine wachsende Kluft zwischen Quantität und Qualität, zwischen erwünschter Quote und tatsächlichen Kompetenzen: „Der Verdoppelung der Abiturientenquote steht ein gleichzeitiges Sinken der Leistungsansprüche gegenüber. Das begann mit der Euphorie über die Gesamtschule vor allem in SPD-regierten Ländern und dem Trend zu immer höheren Abschlüssen." In der Folge wächst sich das Gymnasium zu Tode, andere Bildungswege werden ausgedünnt und verlieren an Attraktivität.

Die Geringschätzung der beruflichen Bildung hierzulande steht dabei in krassem Gegensatz zur weltweiten Wertschätzung der dualen Bildung als deutscher Exportschlager: „Der Bachelor-Abschluss nach den Bologna-Vorgaben macht die berufliche Bildung kaputt, während eine Inflation der Studiengänge stattfindet, vor allem im Bereich der Diskussionswissenschaften. Mittlerweile wird an 220 Lehrstühlen Genderforschung gelehrt. Da gehen Kohorten von den Unis ab, für die in Kommunen oder bei NGOs Jobs geschaffen werden – komplett am Markt und Bedarf vorbei." Andere Länder verzeichnen sogar noch höhere Abiturquoten, ganz nach den OECD-Vorgaben. „Doch die OECD begreift nicht, dass Deutschland, Österreich und die Schweiz niedrigere Abiturientenquoten, aber bessere Wirtschaftsdaten verzeichnen. Was bringt ein hochgelobtes Schulsystem in Finnland, das 22 Prozent jugendliche Arbeitslose produziert?"

Das Erbe von 1968

Woher kommt das alles? Josef Kraus macht zu einem großen Teil das Erbe der 68er verantwortlich. Deren Protagonisten – heute im Ruhestand – waren selbst Lehrer oder haben eine ganze Generation von Lehrern ausgebildet, inklusive Geisteshaltung: Leistungsdenken selektiere angeblich und sei deshalb faschistisch, Schule müsse einfach nur Spaß machen. So hat sich über zwei Generationen hinweg ein gestörtes Verhältnis zu Leistungsbereitschaft und Durchhaltevermögen entwickelt. Stattdessen bieten Lehrer „Freiarbeit" und „selbstbestimmtes Lernen" an.

Gegen diesen Egalisierungseifer, gegen ein „Abitur für alle" hilft nur Differenzieren, findet Kraus. „Wenn alle Abitur haben, hat keiner Abitur. Gymnasien und Hochschulen müssen ihre Zugangsanforderungen hochschrauben und auswählen. Dann bleiben mehr Schüler für andere Bildungswege und Schulformen übrig, die berufsbildend wirken." Schon früh sollten in der Bildungsberatung Eltern über die Möglichkeiten der dualen Ausbildung oder vollzeitschulischer Systeme informiert werden: „Seit Jahren fordere ich von den Kultusministern, dass sie vor dem Übergang zu weiterführenden Schulen auch Vertreter der Kammern und Berufsschulen bei der Elternberatung auftreten lassen."

Ein langer Weg

Die deutsche Bildungsmisere lässt sich nicht von heute auf morgen beheben. Josef Kraus rechnet mit einer Schülergeneration, mindestens. „Zudem können sie nicht in zehn bis fünfzehn Jahren 800.000 Lehrer ersetzen. Ganz zu schweigen von den Lehrplänen, die ein neutrales Bild der Wirtschaft vermitteln, die Chancen der beruflichen Selbstständigkeit betonen und bei jungen Menschen Risikobereitschaft fördern sollten." Ob eine mutmaßlich nach links rückende politische Elite mit ihrer kontinuierlichen Annäherung an grüne Inhalte sich nun plötzlich dafür einsetzen wird, dass, wie Josef Kraus es sich wünscht, wieder „Gedichte auswendig gelernt, Diktate geschrieben, ohne Taschenrechner gerechnet und korrekte Grammatik gelehrt wird", es darf bezweifelt werden.

Gut zu wissen

 

  • 38 Prozent der Hochschulabsolventen mit Master oder Bachelor werden nach der Probezeit nicht übernommen

  • Viele neue Studiengänge agieren am Markt vorbei

  • Gegen Egalisierungseifer hilft nur Differenzieren

 

Bernd Ratmeyer

Wissenschaftsjournalist und Lektor

mittelstand@bvmw.de