Cyberwehr – Pilotprojekt in Baden-Württemberg

Im baden-württembergischen Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration werden erstmals alle Digitalisierungsvorhaben der Landesregierung gebündelt. Wir sprachen mit Thomas Strobl, stv. Ministerpräsident und Digitalisierungsminister.

DER Mittelstand.: Warum haben Sie eine Cyberwehr ins Leben gerufen?

Thomas Strobl: Die Gefahr durch Cyberattacken nimmt zu – auch unser Landeskriminalamt mit seiner Zentralen Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) und das Landesamt für Verfassungsschutz verzeichnen einen Anstieg der Cyberangriffe. 2018 haben 800 Betroffene Kontakt mit dem LKA aufgenommen – das sind fast doppelt so viele wie 2017. Und der Trend setzt sich fort. Wirtschaftsspionage ist dabei ein zentrales Problem, und auch vor ihr müssen wir unsere Unternehmen schützen. Gerade in Baden-Württemberg, wo wir herausragendes Know-how auf Weltniveau besitzen, ist das Thema Cybersicherheit deshalb hochbrisant und ein zentraler Pfeiler unserer Digitalisierungsstrategie. Und die Cyberwehr ist eine unserer zentralen Maßnahmen in diesem Bereich.

Nehmen viele Unternehmen das Thema Sicherheit noch zu sehr auf die leichte Schulter, auch weil ihnen das Know-how fehlt?

Das notwendige Know-how aufzubauen, ist eine Herausforderung. Die entsprechenden Köpfe sind begehrt. Ganz allgemein kann man sagen: Je größer das Unternehmen ist, desto mehr wird bereits für den Schutz gegen Cyberattacken getan. Aber gerade kleineren Unternehmen ist oftmals nicht bewusst, wie groß auch das Risiko eines Angriffs für sie ist. Cybersicherheit muss daher zur Chefsache werden. Baden-Württemberg ist Innovationsregion Nummer 1 in Europa, nirgendwo sonst sind so viele Hidden Champions beheimatet. Gleichzeitig sind wir das Land der KMU – und gerade sie sind gegen Cyberangriffe noch nicht ausreichend gewappnet.

Was bieten Sie speziell für unsere KMU?

Hier kommt unsere Cyberwehr ins Spiel. Mit ihr haben wir eine bundesweit einmalige Anlaufstelle für kleinere und mittlere Unternehmen geschaffen. Sie bietet bei einem Angriff schnelle und praktische Hilfe. Die Cyberwehr hilft bei der Wiederherstellung von Daten und beim Schutz der IT-Systeme, während sich die Polizei bei einer Cyberattacke um die Strafverfolgung kümmert, sprich: Sie ermittelt Täter und gibt Hinweise zum Schutz vor Cyberangriffen. Mit der Cyberwehr Baden-Württemberg und der ZAC sind wir das erste Bundesland mit einem solchen ganzheitlichen Ansatz.

Wie viele Unternehmen können bereits davon profitieren?

Im August 2018 als Pilotprojekt gestartet, steht die Cyberwehr zurzeit rund 11.000 Unternehmen im Großraum Karlsruhe zur Verfügung. Er gehört mit mehr als 1.500 IT-Firmen, den dort angesiedelten Forschungseinrichtungen und Universitäten zu den drei Spitzenclustern in Europa. Die Cyberwehr funktioniert dann ähnlich wie eine Feuerwehr, die den Brand bei kleinen und mittleren Unternehmen nach einem Cyberangriff löscht. Überwiegend handelte es sich bisher um Erpressungsfälle, bei denen die Computer gesperrt wurden und Lösegeld gefordert wurde. In vielen Fällen konnte bereits die telefonische Ersthilfe den Schaden einschränken oder ausreichende Handlungsempfehlungen geben. Aber auch die Task-Force, ein Spezialistenteam der Cyberwehr, war schon mehrfach im Einsatz vor Ort, um den Schaden zu beheben. Und wie ich höre: Bislang konnte die Cyberwehr in allen Fällen Hilfe leisten. Das ist sensationell! Zukünftig soll sie Unternehmen Stück für Stück landesweit zur Verfügung stehen.

Das Interview führte Dr. Ulrich Köppen, BVMW- Pressesprecher Baden-Württemberg

Gut zu wissen

Der Schaden für die deutsche Wirtschaft durch Schädigung von IT-Systemen beträgt rund 6,5 Milliarden Euro pro Jahr. Nach einer aktuellen Studie von Bitkom waren in den beiden vergangenen Jahren bundesweit bereits sieben von zehn Industrieunternehmen von Sabotage betroffen.

Unternehmen im Raum Karlsruhe können sich an die Cyberwehr wenden. Sie ist erreichbar unter 0800-Cyberwehr (also: 0800 292379347) oder www.cyberwehr-bw.de. Die Cyberwehr ist an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr erreichbar und soll landesweit ausgebaut werden.

 

Thomas Strobl

stv. Ministerpräsident und Digitalisierungsminister