Arbeitszeiterfassung: Wieviel Kontrolle muss sein?

Viele Mitarbeiter erfüllen ihr Pensum in flexiblen Zeiträumen. Aber wird ihre Arbeitszeit gerecht erfasst? Eine aktuelle Überlegung über Vertrauen in der modernen Arbeitswelt.

Im Mai hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg entschieden: Alle Unternehmen sollen verpflichtet werden, die tägliche gesamte Arbeitszeit ihrer Beschäftigten systematisch zu erfassen. Denn schon lange sind die Zeiten des quasi-verbeamteten Mitarbeiters, der seine Zeit von 7 bis 16 Uhr abzusitzen hatte, vorbei. Heute, im globalen Wettbewerb, gilt der Mitarbeiter, der pünktlich Feierabend macht, oft als unmotiviert. Denn neben der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit gelten Zielvorgaben. Erfüllt der Mitarbeiter diese Vorgaben nicht, ist das sein Problem. Arbeitsrechtler und Gewerkschaften begrüßen das Urteil. Kommt nun die Stechuhr wieder?

Vertrauen oder Kontrolle?

Fraglich ist: Schaden flexible, gleitende Arbeitszeiten, Kernzeiten und gelegentliches Home Office Angestellten und Betriebsklima? Viele Unternehmen und ihre Mitarbeiter sind mit der Vertrauensarbeitszeit bislang gut gefahren. Beschäftigte können aktuelle Zielvorgaben mit anderen Projekten koordinieren und die Arbeit flexibel ihren jeweiligen Lebensumständen anpassen. Wenn familiäre und andere außerberufliche Ereignisse es verlangen, können sie später kommen, früher gehen und eben zu Hause und am Wochenende nacharbeiten. Schließlich wird allenthalben die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben eingefordert. Wer diese Fähigkeiten zum Selbstmanagement mitbringt, fühlt sich vom Chef ernst genommen und wertgeschätzt und kann selbstbestimmt sein Pensum erfüllen. Umgekehrt erfordert das vom Vorgesetzten Führungsqualität, soziale Kompetenz und klare Kommunikation – alles Fähigkeiten, die dem Betriebsklima nur zuträglich sein können.

Unnötige Bürokratie

Mit der Umsetzung des Luxemburger Urteils hingegen würde ein weiteres Bürokratiemonster vor allem auf kleine und mittlere Unternehmen losgelassen. Denn das deutsche Arbeitszeitgesetz ist ohnehin arbeitnehmerfreundlich, die wesentlichen Vorgaben aus Luxemburg sind erfüllt. Natürlich wird aus bestimmten Branchen von Missbrauch berichtet. Somit ist die Idee, moderne flexible Arbeitszeiten auch zu erfassen, grundsätzlich eine gute. Aber die rigiden, minutengenauen Vorgaben aus Luxemburg samt den drakonischen Strafandrohungen bei Nichterfüllung sind arbeitgeberunfreundlich. Auch die technischen Möglichkeiten der Zeiterfassung sind vielfältig – vom klassischen Automaten bis zur App, mit der sich alle Beteiligten umständlich vertraut machen müssen. Und wer kontrolliert die Kontrolle? Behörden, Arbeitsinspektoren und Personalvertreter sollen Stichproben durchführen können – in Österreich, Italien und der Schweiz bereits Realität. Das sind bürokratische Hemmschuhe, die mit der Arbeitswelt 4.0 nichts zu tun haben.

 

Gut zu wissen

Europäischer Gerichtshof will alle Unternehmen verpflichten,  die Arbeitszeit ihrer Beschäftigten zu erfassen

Häufig gelten neben vertraglich vereinbarter Arbeitszeit Zielvorgaben

Vertrauensarbeitszeit erfordert vom Vorgesetzten Führungsqualität

Luxemburger Urteil wäre ein neues Bürokratiemonster

 

Bernd Ratmeyer Journalist
mittelstand@ bvmw.de