Liquiditätsspritze mit Nebenwirkungen

Die Konjunktur schwächelt, die Politik will helfen – durch radikale Niedrig- und Nullzinspolitik. Das hält Unternehmen am Leben, die eigentlich schon tot sind: Zombiefirmen.

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Gefahr für die deutsche Wirtschaft droht aus vielen Richtungen: Zollstreitigkeiten verunsichern den Welthandel, der Brexit bedroht die Binnenwirtschaft der EU, Mobilitätswende und Dieseldrama sorgen für Entlassungen und Kurzarbeit bei Autobauern und den mittelständisch geprägten Zulieferern. Die Europäische Zentralbank reagiert wie alle Notenbanken zu allen Krisenzeiten mit einem eigentlich probaten Mittel: Liquiditätsspritzen, Fiat-Geld und radikale Zinssenkungen. Alles in der Hoffnung, Investitionen und Konjunktur anzukurbeln.

Zinssenkungen sind keine Lösung

Doch die angestrebte Lösung des Problems kann selbst zu einem Problem werden. Schon seit der großen Krise 2008 pflegt die EZB eine Politik der Null- und Negativzinsen. Was unter Draghi begann, wird sich wohl unter Christine Lagarde fortsetzen. Auch in der Phase wirtschaftlicher Erholung nach 2008 klammerte man sich an Niedrigzinsen, und nun, angesichts neuer Krisen, sieht man sich in seinem Kurs bestätigt.

"Die Schuldeneuphorie breitet sich vom Finanzsektor auf die Realwirtschaft aus, Zombieunternehmen halten ihre Arbeitskräfte und Marktanteile, was zu einer Überlastung des jeweiligen Branchensektors führt."


Unternehmen, Investoren und Banken verzichten auf Eigenkapital und machen stattdessen mit Freuden Schulden – es kostet ja kaum etwas. Eine gefährliche negative Rückkopplung: Die Schuldeneuphorie breitet sich vom Finanzsektor auf die Realwirtschaft aus, die Krisenanfälligkeit der deutschen (und europäischen) Volkswirtschaft steigt, die EZB muss weiter intervenieren – wieder mit Zinssenkungen, um Gläubiger und Schuldner zu schützen.
Doch dieser Schutz ist keiner. Dass einige Unternehmen am Markt verbleiben, verdanken sie eben nicht ihrer Konkurrenzfähigkeit, sondern billigen Schulden, die ihre faktische Insolvenz vertuschen. Es sind klassische Zombieunternehmen, die lediglich das Geld für die (niedrigen) Zinszahlungen erwirtschaften, jedoch nur geringen Umsatz und keinen Profit. Das birgt Gefahren für die gesamte Wirtschaft, denn der Kreditfluss zu eigentlich zahlungsunfähigen Kreditnehmern unterdrückt den marktwirtschaftlichen Selektionsprozess: Insolvenz wird verhindert, Zombieunternehmen halten ihre Arbeitskräfte und Marktanteile, was zu einer Überlastung des jeweiligen Branchensektors führt. Die dort heimischen gesunden Unternehmen leiden unter der Dominanz der unproduktiven Konkurrenz; ihre Gewinne, Arbeitsplätze und ihr Marktzugang sind bedroht. Der Markt wird verzerrt, sinkende Produktivität und ein verlangsamtes Wirtschaftswachstum sind die Folgen.

Nullzinspolitik verunsichert Unternehmen

Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), betonte anlässlich der Vorstellung des S-Mittelstands-Fitnessindex‘ im September 2019, dass deutsche Mittelständler aufgrund ihres Eigenkapitals investierten – nicht wegen, sondern trotz der lockeren Geldpolitik: „Die Nullzinspolitik der EZB führt zu keinen zusätzlichen Investitionen. Diese Geldpolitik führt zu mehr Unsicherheit in den Unternehmen, und Unsicherheit ist und bleibt für den Mittelstand das größte Investitionshemmnis.“ Zugleich macht er Hoffnung: „Im deutschen Mittelstand gibt es keine bedeutende Zahl von Zombieunternehmen.”

Man kann nur hoffen, dass Schleweis Recht hat. Eine Erhebung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (Bank of International Settlement, BIS) verzeichnet in Europa neun Prozent größerer Unternehmen, die Zombiekriterien erfüllen. Das erscheint wenig, doch die BIS erfasst nur börsennotierte Unternehmen. Im gesamten OECD- Raum jedoch wird die Wirtschaft, ähnlich wie in Deutschland, von 90 Prozent KMU getragen. Die EZB schätzt, dass im Euroraum 30 Prozent der KMU defizitär wirtschaften.
Eine Zinserhöhung würde den Markt natürlich bereinigen, doch auch Staaten profitieren ja von Nullzinsen. Schon ein stabiles Zinsniveau wird zum Problem für die Staatsverschuldung, ganz zu schweigen von regulären Zinsen. Auf lange Sicht werden Notenbanken die Zinsen auf Null halten, weil sie sie schlicht nicht erhöhen können. So wird der Anschein von Solvenz aufrechterhalten, auf wirtschaftlicher wie auf nationalstaatlicher Ebene. Platzt diese Blase, dürften die Folgen dramatisch sein.

Bernd Ratmeyer
Journalist
mittelstand@bvmw.de

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