Nachhaltigkeit ist mittelständisch

Umweltschutz und nachhaltiges Wirtschaften sind richtig und wichtig. Es ist eine der Herausforderungen unserer Zeit, mit den vorhandenen Ressourcen verantwortungsbewusst umzugehen.

Dazu hat die Politik unter anderem die Steuer nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG-Umlage) eingeführt. So soll der Ausbau der Erneuerbaren Energien mitfinanziert werden. Dies darf jedoch nicht auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen gehen.

Mein Unternehmen, die Westfälische Drahtindustrie GmbH (WDI), ist der einzige deutsche Freileitungsseilhersteller für Überlandtrassen. In unserem Unternehmen arbeiten 1.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 15 Standorten in ganz Deutschland. Wir produzieren Drähte für diverse Abnehmerbranchen. An zwei unserer Standorte stellen wir Freileitungsseile her, mit denen Strom von A nach B transportiert werden kann.


Die WDI zahlt Gehälter, Sozialabgaben, Steuern und Abgaben aller Art, die dem Gemeinwohl zugutekommen. Zusätzlich haben wir in den vergangenen Jahren 17 Millionen Euro EEG-Umlage bezahlt, trotz Teilbefreiung. Außerdem kaufen wir die verschiedensten Dinge wie Stahl, Gas, Hilfs- und Betriebsstoffe und Strom zu – um nur einige zu nennen. In diesem Jahr werden wir eine neue Halle bauen. Auf das Dach kommt eine Photovoltaikanlage. Diese wird sich jedoch erst in 20 Jahren amortisiert haben. Wir bauen sie trotzdem, denn wir möchten Vorbild sein und den Ausbau erneuerbarer Energien unterstützen. Wir investieren hier in Deutschland, die Aufträge für den Hallen-, Anlagen- und Tiefbau gehen an einheimische Unternehmen. Das heißt, von der WDI leben auch wieder andere Unternehmen, die ebenfalls Arbeitsplätze sichern, Sozialabgaben und Steuern zahlen und so weiter. Dieser Kreislauf hält unsere Wirtschaft am Laufen – es ist ein Geben und Nehmen. Die Voraussetzung dafür ist jedoch, dass wir Aufträge generieren. Gerne natürlich von Unternehmen, die Teil unseres Wirtschaftskreislaufes sind. Dann sind die Wege kurz. Das ist nachhaltig, gut für die Umwelt – und die Kaufkraft bleibt dort, wo sie erarbeitet wird, nämlich vor Ort.
Ein großer europäischer Energieversorger hat nun seinen Zweijahresbedarf an Freileitungen für den deutschen Markt mit einem großen Auftragsvolumen ausgeschrieben. Davon gingen vier Prozent an ein deutsches Unternehmen, die WDI, und drei Prozent an ein polnisches Unternehmen. Den Zuschlag für die restlichen 93 Prozent erhielten Unternehmen in Indien und Bahrain. Da fragt man sich, was dieser Energieversorger unter den Themen Wirtschaftskreislauf, Umweltschutz und Nachhaltigkeit versteht …
Es werden nun Tausende Tonnen Stahl und Aluminium in Indien und Bahrain zu Freileitungsseilen verarbeitet. Dass die Herstellungsbedingungen in diesen Billiglohn-Ländern weder menschen- noch umweltfreundlich sind, ist hinlänglich bekannt. Strenge Kontrollen wie im europäischen Markt sind nicht gegeben. CO2 -Steuer und EEGUmlage fallen in diesen Ländern natürlich auch nicht an. Kostenmäßige Chancengleichheit besteht zwischen Deutschland und Drittländern also nicht.

"Dass die Herstellungsbedingungen in Billiglohn-Ländern weder menschen- noch umweltfreundlich sind, ist hinlänglich bekannt."


Kritisch ist auch der Umgang mit der Energie zu sehen. In Deutschland setzen wir auf erneuerbare Energien – dazu dient auch die EEG-Umlage. In Drittländern wird darauf nicht geachtet. Die Energie stammt nach wie vor von fossilen Brennstoffen oder aus der Kernkraft. Bei dem Beispiel der Freileitungsseile wird Energie, die zur Produktion erforderlich ist, bei uns eingespart, aber in einem anderen Teil der Welt verbraucht. Und zwar unter sehr viel negativeren Bedingungen und mit einem höheren CO2 -Ausstoß.
Beim Transport der fertigen Drahtseile stellt sich ebenfalls die Frage nach dem Umweltschutz. Ist es wirklich umweltfreundlich, tonnenweise Seile mit dieselbetriebenen Containerschiffen Tausende von Kilometern von Südasien und dem Nahen Osten nach Nordeuropa zu verschiffen? Zum Vergleich: Der Anfahrtsweg der WDI-Freileitungsseile würde mit dem LKW maximal drei- bis vierhundert Kilometer von der Produktionsstätte bis zur Montage ausmachen.


Ein anderes Thema ist die Abhängigkeit. Gerade in den vergangenen Monaten haben wir schmerzlich erlebt, wie groß unsere wirtschaftliche Abhängigkeit von Drittländern bereits ist. Bei aller Faszination der Globalisierung stellt sich doch die Frage, ob es wirklich Sinn hat, die Kernkompetenz der europäischen Industrie zu vernachlässigen? Wenn europäische Unternehmen auf Sicht nicht mehr wettbewerbsfähig sind, fallen Produkte weg, und die Eigenversorgung ist nicht mehr gesichert. Kommt es bei der Auftragsvergabe wirklich auf den letzten Cent an?

Man muss in diesem Zusammenhang immer wieder darauf hinweisen: Der Mittelstand ist gut aufgestellt, vor allem, wenn es sich um familiengeführte Unternehmen handelt. Sie überbrücken auch schwierige Zeiten – wie wir sie gerade jetzt erleben. Anders als Investoren aus Drittländern, handeln mittelständische Unternehmen im besten Sinne „konservativ“. Das heißt, wir versuchen sehr vieles, bis wir Arbeitsplätze und Standorte wirklich aufgeben. Deshalb muss Deutschland wettbewerbsfähig bleiben, denn jeder Standort, der einmal geschlossen ist, bleibt verloren und das Produkt unter Umständen gleich mit.

„Wir sind Europa“ ist ein Bekenntnis, mit dem wir in den vergangen Jahrzehnten gut gefahren sind. Ein geeintes Europa hat uns Wohlstand, Sicherheit und Frieden ermöglicht. Das sollte man auch in den Unternehmenszentralen beherzigen – leben und leben lassen.

Gut zu wissen

Mit der EEG-Umlage wird der Ausbau der Erneuerbaren Energien finanziert. Betreiber von Erneuerbare Energien-Anlagen, die Strom in das Netz der öffentlichen Versorgung einspeisen, erhalten dafür eine festgelegte Vergütung. Die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) verkaufen den eingespeisten Strom an der Strombörse. Grundsätzlich müssen alle Stromverbraucher die EEG-Umlage bezahlen. Sie ist Teil des Strompreises.
Weitere Infos unter https://bvmw.info/bundesnetzagentur-eeg-umlage

 

Katja Pampus
Geschäftsführerin WDI – Westfälische Drahtindustrie GmbH
BVMW Vorstand

www.wdi.de

Heute schon wissen, was den Mittelstand morgen bewegt.


Jetzt Newsletter abonnieren!

Alle Newsletter
Mehr Infos ...