„Wer der Umwelt hilft, soll belohnt werden“

Eine Rückkehr zur Normalität wird es so bald nicht geben. Die Krise kann aber auch neue Chancen bieten. Im Interview plädiert BVMW Bundesgeschäftsführer Markus Jerger für ein Umdenken, mehr Nachhaltigkeit und dafür, den Mittelstand zu stärken.

Herr Jerger, wie erleben Sie die aktuelle Situation?
Markus Jerger: Wir erleben gerade historische Zeiten mit außergewöhnlichen Maßnahmen: Viele Menschen auf der ganzen Welt sind eingesperrt, und die Einsamkeit, die Isolation, der mangelnde Kontakt zu Menschen, Umgebung und Natur, bringen viele zur Verzweiflung und erhöhen die Lautstärke derjenigen, die eine „Rückkehr zur Normalität“ und „so wie vor Corona“ fordern. Die sogenannte Normalität, zu der wir zurückkehren möchten, ist jedoch genau der Grund, warum wir uns in dieser Krise befinden.

Gehen die Restriktionen zu weit?
Diese Frage ist sehr schwierig zu beantworten. In Deutschland stellen wir fest, dass das Virus nur für einen kleinen Prozentsatz der Bevölkerung mit hohen medizinischen Komplikationen einhergeht oder gar tödlich ist. Über andere europäische Länder, aber auch die USA, wird in den Nachrichten von dramatischen Situationen in den Krankenhäusern berichtet. Situationen, in denen Ärzte entscheiden müssen, welche Patienten noch Hilfe „verdient“ haben, und welche Patienten zum Wohle anderer aufgegeben werden. Ich bin froh, dass wir diese furchtbare Form der Triage in Deutschland nicht erleben müssen. Mein besonderer Dank gilt daher dem medizinischen Personal, das bundesweit hervorragende Arbeit leistet.

Für wie wahrscheinlich halten Sie eine Rückkehr zur Normalität?
In der Frühphase der Virusverbreitung in Deutschland wurden richtige politische Entscheidungen getroffen, die der Bevölkerung zugute kamen und die Zahl der parallel Infizierten niedrig gehalten haben. Diese Zahl ist die entscheidende Kennziffer, die zu beachten ist. Denn sie stellt fest, ob unser Gesundheitssystem überlastet ist oder nicht. Klar ist aber auch, dass ein gesellschaftlicher Lockdown, wie wir ihn derzeit erleben, wirtschaftlich nur für eine sehr begrenzte Zeit umsetzbar ist. Eine Normalität, wie vor Covid-19, kann und wird es, wie gesagt, vermutlich über viele Jahre hinaus nicht geben. Es wird eine andere Normalität sein, mit anderen sozialen Regeln. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir als Gesellschaft lernen werden, gut damit zu leben.

Kann diese Krise auch eine Chance sein?
Als Unternehmer weiß ich, jede Krise bietet Chancen. Man muss sie nur zu nutzen wissen. Derzeit produziert die Weltgemeinschaft in nicht-nachhaltigen Produktionsprozessen billige und oft auch nur von kurzer Dauer nützliche Güter – oftmals zu Lasten unserer Gesundheit und unserer Umwelt. Es sind Produkte und Waren, die wir übermäßig konsumieren, weil sie billig sind und weil wir den Sinn für das Wesentliche verloren haben. Und weil sie billig sind, landen diese Produkte oft schon nach Stunden oder Tagen wieder im Müll. Der deutsche Mittelstand darf dabei in vielerlei Hinsicht als positives Gegenbeispiel genannt werden. Er steht für Qualität und Nachhaltigkeit. Ich würde mir wünschen, dass der deutsche Verbraucher diese Vorteile wieder zu schätzen lernt.

Bedeutet das eine Abkehr von unserem bekannten Wirtschaftssystem?
Eine Abkehr keinesfalls. Aber vielleicht sollten wir als Gemeinschaft unser System hinterfragen, überdenken und etwas justieren. Sehen Sie, der Planet ist so verschmutzt, dass hierdurch jährlich weltweit fast fünf Millionen Todesfälle verursacht werden. Das sind vermutlich weit mehr, als die Coronakrise an Leben kosten wird. Derzeit investieren die Regierungen aller Länder hunderte Milliarden in die Bekämpfung der Corona-Pandemie – aber kaum etwas gegen die Umwelt- und Gesundheitszerstörung, kaum Fördergelder für nachhaltige Forschung und Entwicklung in Unternehmen, und immer noch schaffen es zu wenige Lösungen rund um nachhaltige Produktionen in den Markt. Kapitalmangel oder Bürokratie bremsen die Unternehmer aus.

Was heißt das konkret für Deutschland?
Die Politik sollte ein innovationsfreundliches wirtschaftliches Umfeld schaffen. Mutigen Unternehmern darf nicht mit einem Korsett aus Bürokratie, hohen Unternehmenssteuern und Gründerfeindlichkeit die Luft abgeschnürt werden. Ein Großteil der Innovationskraft Deutschlands liegt traditionsgemäß im Mittelstand. Um Ihre Frage nach der Normalität nochmals aufzugreifen: Wollen wir wirklich zu einer „Normalität“ zurückkehren, die uns direkt in die Gefangenschaft einer Umwelt-, Wirtschafts-, Klima- und Sozialkrise führt? Wohl kaum, und deshalb sollten wir, sobald der Sturm vorbei ist, Vorschläge, die zur Wiederbelebung der Wirtschaft kommen, um neue nachhaltige, rationale und räsonable Umweltschutz- und Gesundheitsstandards ergänzen. Die Politik muss hier mitwirken und Anreize, Fördergelder und Rahmenbedingungen schaffen, die die nachhaltige Umstellung von Produktion und Konsum erleichtern. Wer der Umwelt hilft, wird belohnt, wer der Umwelt schadet, richtigerweise bestraft.

Wie muss also die mittelfristige Zukunft gestaltet werden?
Maßnahmen, die so schnell wie möglich einen unkontrollierten Exit fordern, bringen uns nur zu der bekannten nicht-nachhaltigen Normalität zurück. Darüber hinaus führen sie uns mit dem Fuß auf dem Gaspedal direkt in den nächsten Abgrund – quasi von der Viruskrise zur Umwelt- und nächsten Überlebenskrise, ebenso wieder weltweit. Durch das Virus haben wir alle in sehr kurzer Zeit erleben müssen, wie verwundbar wir alle sind, gesundheitlich, wirtschaftlich und in freiheitlicher Sicht. Unsere heutigen Probleme stoppen nicht an einer Grenze. Ob Tschernobyl, Dieselskandal oder Covid-19, wir sitzen alle im selben Boot.
Lassen Sie uns gemeinsam einen neuen nachhaltigen Weg einschlagen, unsere Gesellschaft, Wirtschaft Gesundheit und Abhängigkeit von Lieferketten und Folgeschäden komplett überdenken, jetzt – denn dies ist wahrscheinlich der beste Zeitpunkt, oder vielleicht auch unsere letzte Chance.

 

Das Interview führte Kilian Harbauer, BVMW Referent für Energie, Nachhaltigkeit, Mobilität und Logistik.

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