Klimawandel versus Konjunktur

Aufgrund der weltweiten Wirtschaftseinbrüche verzeichnen mittelständische Unternehmen im Moment extreme Umsatzeinbußen. Aber es gibt vereinzelt auch Lichtblicke: Die Umweltverschmutzung nimmt vierlerorts ab.

Das weltweite Wachstum der Treibhausgasemissionen wird durch den Einbruch der Weltwirtschaft infolge der Coronakrise erst mal gemindert. Angesichts des globalen Shutdowns liegen Verkehr und Industrieproduktion am Boden, und auch Investitionen in neue Kohlekraftwerke in Schwellenländern sind aufgeschoben worden.

Corona-Pandemie senkt weltweit CO2-Ausstoß

Seit Beginn der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus belegen Satellitenbilder der NASA einen starken Rückgang der Luftverschmutzung in China. Aufgrund des Shutdowns wird die Produktion zurückgefahren, und Fabriken müssen schließen. Zudem sind viel weniger Menschen in Fahrzeugen unterwegs. All dies bewirkt eine drastische Senkung des CO2 -Ausstoßes: Einer Schätzung des finnischen Center for Research on Energy and Clean Air zufolge sanken die chinesischen Treibhausgasemissionen um 200 Millionen Tonnen – also um 25 Prozent.

Laut der Europäischen Umweltagentur EUA sind auch in Italien Rückgänge des Gases NO2 zu verzeichnen. Dieses Gas entsteht bei der Verbrennung fossiler Stoffe wie Kohle und Öl beispielsweise im Verkehr und in der Produktion. Insbesondere in stark betroffenen italienischen Großstädten ist die Luftqualität besser geworden. In Mailand, einem der Epizentren der Coronavirus-Pandemie, sind die Stickstoffdioxid (NO2 )-Werte im Laufe eines Monats um fast 25 Prozent gesunken. In Bergamo ist die Luftverschmutzung um 35 Prozent zurückgegangen, und auch in Italiens Hauptstadt Rom sind die Konzentrationen um bis zu 35 Prozent niedriger als im gleichen VierWochen-Zeitraum des Jahres 2019. In den Kanälen der Tourismusmetropole Venedig ist das Wasser sogar so klar, dass man die Fische sehen kann.

Auch in Deutschland ist mit einem Rückgang der CO2 -Emmissionen zu rechnen. Die Industrie muss eine Zwangspause einlegen, der Handel steht still, und sowohl private als auch geschäftliche Reisen finden nicht mehr statt. Durch die drastischen Maßnahmen zur Einschränkung der Verbreitung des Virus sinkt auch der Strombedarf der deutschen Wirtschaft. So verbraucht knapp die Hälfte des deutschen Strombedarfs die Industrie mit circa 230 Terrawattstunden pro Jahr, gefolgt vom produzierenden und verarbeitenden Gewerbe, dem Handel und dem Dienstleistungssektor.

Der sinkende Strombedarf bewirkt ebenfalls positive Effekte für die Umwelt: Die Industrie würde nach einer ersten Hochrechnung des Thinktanks Agora Energiewende zehn bis 25 Millionen Tonnen weniger CO2 ausstoßen. Bezogen auf ganz Deutschland könnten allein durch die Corona-Maßnahmen 30 bis 100 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Deutschland würde damit sein Klimaziel deutlich übertreffen. Viele sehen daher die Krise als Chance, die Energiewende zu beschleunigen und die Investitionen zum Wiederaufbau der Wirtschaft nach der Coronakrise in den Klimaschutz zu lenken. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) setzen sich für ein Konjunkturpaket ein, das gezielt klimarelevante Branchen fördern soll.

Klimaschutz zugunsten der wirtschaftlichen Entwicklung vernachlässigen?

Doch es werden auch andere Stimmen laut. Der tschechische Ministerpräsident Andrej Babíš will den europäischen Green Deal ganz auflösen, sodass die Europäische Union sich nach der Krise ganz auf die Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise konzentrieren kann. Auch die polnische Regierung hat beschlossen, den Klimaschutz zugunsten der wirtschaftlichen Entwicklung vorübergehend hintanzustellen. Zunehmend fordert auch die Automobilindustrie mehr Flexibilität bei den Umweltauflagen und eine Lockerung der CO2 -Ziele für die Autobauer, sollte die Krise noch länger andauern.

"Um die deutsche Wirtschaft nicht unnötig zu belasten, müssen nach der ersten Pandemiewelle Produktion und Transport wieder hochgefahren werden."

Sollte die Europäische Union jedoch wie geplant ihr CO2 -Einsparziel für 2030 von 40 Prozent auf 50 oder 55 Prozent anheben, muss auch die Automobilindustrie mit strengeren Vorgaben rechnen.

Die Vorbereitungen für den europäischen Green Deal schreiten unterdessen ungeachtet der Coronakrise weiter voran. Beim Wiederaufbau der Wirtschaft soll der Green Deal eine zentrale Rolle einnehmen, was die Staats- und Regierungschefs sogar in ihrer Erklärung nach ihrem letzten Videogipfel so festgehalten haben. Die Coronakrise hat gezeigt, wie problematisch die Abhängigkeit von globalen Lieferketten ist. Die Kreislaufwirtschaft – also die Wiederverwertung von Produkten – soll aufgrund dessen für den Green Deal von zentraler Bedeutung sein.

Mittelstand von Umsatzeinbußen besonders betroffen

Der globale Shutdown geht einher mit einem drastischen Konjunkturabschwung: Vor allem der Mittelstand ist bereits jetzt extrem stark von Umsatzeinbußen betroffen. Eine Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen des BVMW verdeutlicht: Knapp 45 Prozent der Mittelständler rechnen sogar mit mehr als 60 Prozent Umsatzeinbußen.
Um die deutsche Wirtschaft nicht unnötig zu belasten, müssen nach der ersten Pandemiewelle Produktion und Transport wieder hochgefahren werden. Wichtig ist zudem, dass vonseiten der Bundesregierung unbürokratische und schnelle Hilfsmaßnahmen zur Entlastung der Wirtschaft bereitgestellt werden. Eine Abschaffung des Solidaritätszuschlags, Ausdehnung der Kurzarbeit und staatliche Maßnahmen zur Kreditsicherung sind hier erste wichtige Schritte.

Gut zu wissen

 

  • Ein Konjunkturpaket soll gezielt klimarelevante Branchen fördern

  • Tschechien und Polen wollen aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise den europäischen Green Deal ganz auflösen

  • In Brüssel laufen die Vorbereitungen für europäischen Green Deal trotz Coronakrise

Kilian Harbauer
BVMW Referent für Energie, Nachhaltigkeit, Mobilität und Logistik

kilian.harbauer@bvmw.de

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