Testlauf für den Klimawandel

Die Corona-Pandemie zeigt die Schwachstellen einer globalisierten Wirtschaftsordnung auf. Spätestens jetzt kann die Politik den Klimawandel nicht mehr ignorieren, argumentiert Frank Schweikert, Mitgründer der Deutschen Meeresstiftung.

Der US-Ökonom Dennis L. Meadows hat 1972 mit seinem Bericht über die „Grenzen des Wachstums“ an den Club of Rome davor gewarnt, dass wir mit unserem auf grenzenloses Wachstum und Gewinnoptimierung getrimmten Wirtschaftssystem gegen die Wand fahren werden. Dies hat er 2004 noch einmal bekräftigt. Doch entgegen allen wissenschaftlichen Fakten entscheidet sich die deutsche Politik für die ungebremste Fortführung eines seit Jahren überholten Wirtschaftssystems. Und dies, obwohl nach einer Umfrage des Umweltbundesamtes (2019) zwei Drittel der Bevölkerung Umweltschutz klar priorisieren.

"Deutschland muss wieder zum Vorreiter werden und Mittelstand und Gesellschaft das Ruder gemeinsam durch reale Pioniertaten herumreißen."

Ein global verbreitetes Virus bringt uns nun auf den Boden der Tatsachen zurück und entblößt auf eindrucksvolle Weise unabhängig von Land, Regierungssystem, Partei, Religion und Kontostand die großen politischen und wirtschaftlichen Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte. Die Welt im Würgegriff des Menschen (Anthropozän) schaltet in den Pausenmodus. Aus Angst vor Hunderttausenden Toten und den Schwerstkranken, die unsere Intensivmedizin kollabieren lassen, verharren wir im Ausnahmezustand – wie zu schwersten Kriegszeiten. Die Coronakrise entzaubert alles erbarmungslos und zeigt uns, wie verletzlich wir sind.

Hausgemachte Probleme

Es wird ignoriert, dass bereits Zehntausende Menschen durch die Hitze und Luftverschmutzung des menschengemachten Klimawandels jährlich in Deutschland sterben, und 2018 die wirtschaftlichen Schäden in der Landwirtschaft durch Ernteausfälle bereits 700 Millionen Euro überstiegen (DWD). Mehr als sieben Millionen Menschen sterben global abseits der Wahrnehmung unserer Medien an Luftverschmutzung. Der Weltklimarat (IPCC) mahnt seit Jahrzehnten vor einer Überhitzung der Atmosphäre und deren massiven, unumkehrbaren Folgen. Aber medial manipuliert durch das Geld von Großkonzernen, die ihre Gewinne aus dem fossilen Zeitalter schöpfen, verfehlt auch das moderne Deutschland die gemeinsamen Ziele des Pariser Klimagipfels, obwohl deren Einhaltung sogar viel Geld sparen würde.
Bemerkenswerterweise bringt es Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) Anfang April mitten in der Coronakrise auf den Punkt: Der Mensch habe die Pandemie selbst verschuldet, da durch den fortschreitenden Klimawandel, die Missachtung von Naturschutz und die damit dramatisch abnehmende Artenvielfalt die Natur zum Befreiungsschlag gezwungen scheint. Deutlicher kann man den Bezug zwischen Corona-Pandemie und Klimawandel nicht herstellen. Die Corona-Pandemie scheint eine Generalprobe für den globalen Klimawandel im Zeitraffer.
Wenn wir weiter globale Warenströme mit fossiler Energie anheizen und das Jahrmillionen alte, bewährte, natürliche Kreislaufprinzip unseres Planeten ignorieren, dann schafft sich die Menschheit selbst ab, so titelt es Astrophysiker Harald Lesch in seinem „Spiegel“-Bestseller 2017. Und das, obwohl wir ganz anders könnten: Für einen Umstieg auf Erneuerbare Energien in Deutschland binnen kürzester Zeit fehlt es weder an Technologie noch an Geld.

Krise als Chance

Deutschland muss wieder zum Vorreiter werden und Mittelstand und Gesellschaft das Ruder gemeinsam durch reale Pioniertaten herumreißen. Jetzt wäre die richtige Zeit, mit großem Verantwortungsbewusstsein sowohl für Mensch, Umwelt als auch für unsere Kultur innovative Lösungen nachhaltig zu etablieren. Es ist ein Irrtum, dass immer mehr produziert werden muss, um unseren „Wohlstand“ zu halten – was auch immer wir heute darunter verstehen. Die bitteren Lehrstücke von knapper werdenden Medikamenten und fehlender Gesundheitsinfrastruktur sowie fehlenden Erntehelfern könnten durch eine sauber umgesetzte Kreislaufwirtschaft gelöst werden. Wir könnten ohne Plastik in unseren Ozeanen und unserer Umwelt leben, wenn es geeignete Designs, überschaubare Sorten und komplett recyclingfähige Produkte gäbe, anstatt die Müllströme unserer Wegwerfgesellschaft illegal in die ganze Welt zu verschiffen. Ohne Mehrkosten könnte unsere Landwirtschaft sofort auf natürliche Dünger umstellen, zur Rettung unserer Böden, Ozeane und unseres Trinkwassers, das das Elixier allen Lebens ist. Vielleicht sind jetzt die Zeiten vorbei, in denen wir vor kilometerlangen Regalen mit kunststoffverpackten globalisierten Nahrungsmitteln standen, die den Namen „Lebens“mittel schon lange nicht mehr verdient haben, in denen wir uns mit Billigprodukten aus China und Erntehelfern aus Osteuropa in die eigene Tasche lügen oder mit frisch gedrucktem Geld ein längst überholtes System retten wollen.
Wir müssen aus der Coronakrise lernen und sie als historische Chance begreifen, unser Wirtschaftssystem mit Weitblick umzugestalten, es nicht mehr vom Druck der Banken, Quartalsergebnisse oder Legislaturperioden jagen zu lassen. Dafür braucht es jetzt Unternehmerpersönlichkeiten, für die es ein persönlicher Ansporn ist, nach dem Beispiel unseres eigenen Planeten ein gut funktionierendes Kreislaufsystem zu schaffen – für sich und folgende Generationen. Vielleicht wäre jetzt die perfekte Zeit, um mit Teilen der Automobilindustrie mit der Renaissance der Solarindustrie einen neuen Zukunftsmarkt in Deutschland zu organisieren. Damit könnten wir mit gutem Beispiel zeigen, dass wir es in Deutschland ernst meinen mit der Erreichung der seit 2016 global geltenden 17 Ziele der Nachhaltigkeit der Vereinten Nationen. Für die Menschen und unseren Planeten.

Gut zu wissen

 

  • Der Bundesverband Meeresmüll ist eine nationale Koordinierungseinrichtung und entwickelte mit anderen NGO einen nationalen Plan zur Vermeidung von Meeresmüll.
    www.bundesverband-meeresmuell.de

  • Die Deutsche Gesellschaft für Meeresforschung ist seit 40 Jahren für die Belange der deutschen Meeresforscher aktiv. Sie veranstaltet das jährliche Meeresforum und die Jugendkonferenz YOUMARES.
    www.dg-meeresforschung.de

  • Die GlobalGreen InnoTech GmbH entwickelt zusammen mit 40 Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft 20 Innovationsprojekte zur Identifikation und Elimination von Kunststoffen in Gewässern.
    www.plamowa.net

Frank Schweikert
Mitgründer Deutsche Meeresstiftung, Gründungsmitglied und Vorstand des Bundesverbands Meeresmüll, stellvertretender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Meeresforschung e. V. und Geschäftsführer GlobalGreen InnoTech GmbH

www.meeresstiftung.de

Heute schon wissen, was den Mittelstand morgen bewegt.


Jetzt Newsletter abonnieren!

Alle Newsletter
Mehr Infos ...