Und wir dachten, gereist wird immer ...

Ganz gleich, ob Anschläge, Naturkatastrophen oder politische Unruhen – die Buchungszahlen der Destinationen wechselten bisher einfach je nach aktueller Lage. Es schien sicher: Der deutsche Urlauber vergisst schnell, die Branche ist resilient.

Das turbulente Reisejahr 2019 – mit Germania- und Thomas-Cook-Insolvenz – bescherte der Branche noch ein versöhnliches Ende. Ein starkes Last-Minute-Geschäft im Herbst sowie neue Rekordzahlen bei Fernreisen und Hochsee-Kreuzfahrten führten zu einem Umsatzwachstum von zwei Prozent. Beim Neujahrsempfang des Branchenblatts fvw erklärte die Herausgeberin des Fachmagazins, Marliese Kalthoff, noch nichts ahnend: „Die Zukunft steht für 2020 weit offen. Und es liegt an uns allen, ob die Zwanziger golden, bunt oder grau werden.“ Dass sie jedoch rabenschwarz werden würden, darauf war keiner gefasst.

Corona: Chronologie und Folgen


Einige Experten der Branche wurden bereits im Januar nervös, als der erste bestätigte Covid-19-Fall in Deutschland publik wurde, und die Lufthansa alle Flüge nach China einstellte. Die Bilder der Diamond Princess im Hafen von Yokohama, in der 3.700 Passagiere eine unfreiwillige Quarantäne verbrachten, waren erst der Beginn des Schreckens.
Die Absage der weltgrößten Tourismusmesse ITB am 28. Februar 2020 wurde oft noch als überzogen kritisiert. Doch es folgte das größte wirtschaftliche Desaster seit Bestehen der Branche.

Erste Buchungen wurden bereits Ende Februar storniert, und der bis dahin vorläufige Höhepunkt der Tragödie war die Schließung der europäischen Grenzen am 13. März. Damit wurde der gesamten Tourismusbranche die Geschäftsgrundlage entzogen. Reisebüros und Veranstalter arbeiteten gemeinsam, um 250.000 im Ausland gestrandete Urlauber zu informieren und mit dem Auswärtigen Amt und den Flugcarriern die größte Rückholaktion in der deutschen Geschichte zu organisieren.

Bereits im März betrug der Umsatzrückgang bis zu 75 Prozent, und im April sahen sich schon zwei von drei Unternehmen unmittelbar von einer Insolvenz bedroht. Aufgrund der massenhaften Stornierungen und den damit verbundenen Provisionsrückzahlungen fehlten neben den aktuellen Einnahmen aus März, April und Mai außerdem die Einnahmen für die bereits erbrachte Arbeit aus den vergangenen Monaten. Dazu kommt der außerordentliche Liquiditätsbedarf, denn Kunden haben einen rechtlichen Anspruch auf die Erstattung
des gezahlten Reisepreises. Dieser Liquiditätsabfluss – es geht hier um ein Volumen von sechs Milliarden Euro – hat bereits für dramatische Folgen gesorgt. Insider der Branche gehen davon aus, dass bis zum Ende des Jahres 2020 die Hälfte aller deutschen Reisebüros sowie ein Viertel der Reiseveranstalter vom Markt verschwunden sein werden. Seit März sind die Einnahmen in diesen beiden wichtigsten Branchensparten fast null, und dementsprechend die ihrer Dienstleister. Über eine Million Arbeitsplätze sind somit in Gefahr
geraten.

Die Lösungen und Hilfen der Politik

Die Ankündigung eines Notkredits in Milliardenhöhe an den TUI Konzern konnte die Entlassung von 8.000 Mitarbeitern nicht verhindern. Auch im Mittelstand kämpfen die zumeist klassischen Familienunternehmen oft vergebens, denn die Maßnahmen der Bundesregierung zur Rettung der deutschen Wirtschaft passen für die touristischen Firmen nicht.
Die Gutscheinlösung für bereits gebuchte Reisen – eine der ersten geforderten Hilfsmaßnahmen – war rechtlich nicht durchsetzbar. Das Kurzarbeitergeld haben zwei Drittel der Branche zwar beantragt, doch gerade zu Beginn der Krise gab es aufgrund der Rückhol- und Stornierungswelle sogar deutlich mehr Arbeit. Steuer- oder Mietstundungen
verschieben das Problem nur nach hinten. Die Soforthilfen wurden zwar von mehr als 80 Prozent der Unternehmen beantragt, jedoch reichten diese bei weitem nicht aus, um die Verluste auszugleichen. Von den KfW-Darlehen können viele Unternehmen aus der Reise-, Veranstaltungs- und Hotelbranche ebenfalls nicht profitieren. Denn Darlehen aus dem KfW-Topf dürfe nur erhalten, wer diese auch binnen fünf Jahren zurückzahlen könne, stellte Sparkassenpräsident Helmut Schleweis fest.
Das zuletzt angekündigte branchenübergreifende Konjunkturpaket wird vor allem wegen der kurzen Laufzeit und der Deckelung der Mittel kritisiert. Auch die temporäre Mehrwertsteuersenkung wird den Massenexitus touristischer Unternehmen nicht aufhalten. Denn bei allen Hilfen des Staates fehlt weiterhin die Lösung für die Kundengeldrückzahlungen der in der Coronakrise stornierten Reisen.
Und auch nach dem Ende der Einschränkungen kann der in der Krise entgangene Umsatz – anders als bei vielen Produktionsunternehmen – nicht nachgeholt werden.

Gut zu wissen

 

  • Durch die Coronakrise droht die Hälfte der deutschen Reisebüros zu verschwinden
  • Der Liquiditätsabfluss aus der Branche beträgt sechs Milliarden Euro
  • Es fehlt eine staatliche Lösung für die Kundengeldrückzahlungen

 

 

Daniela Gerdes
Leiterin HR und Marketing Traso GmbH
Gründungsmitglied der
BVMW Kommission Tourismus
BVMW-Mitglied


www.traso.de

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