Kreislaufwirtschaft – Chance für den Mittelstand

Der Shutdown zur Bekämpfung des Coronavirus verursacht tiefe Verwerfungen in der Wirtschaft. Das Virus führt uns eindrücklich vor Augen, wie verletzlich unser Wirtschaftssystem in Krisensituationen ist.

Wir Politikerinnen und Politiker haben die Aufgabe, die Weichen so zu stellen, dass unsere Wirtschaft robuster aus dieser Phase herauskommt, als sie hineingegangen ist. Maßnahmen zur Förderung von Konjunktur und Investitionen, die nach den derzeitigen kurzfristigen Liquiditätsmaßnahmen sicher folgen werden, müssen also so ausgestaltet werden, dass sie die Wirtschaft krisenfester und nachhaltiger machen. Insgesamt befinden wir uns in einer Nachhaltigkeitskrise mit den Symptomen Klimakrise, Artensterben und Plastikvermüllung. Eng damit verbunden sind auch Finanzmarktkrisen und Gesundheitsgefahren.

Entkopplung des Ressourcenverbrauchs von ökonomischer Aktivität

Vor diesem Hintergrund müssen wir daran arbeiten, unser lineares Wirtschaften nach dem Prinzip „Nutzen, Wegwerfen, Verbrennen, Vergraben“ zu überwinden. Der weltweite Verbrauch an natürlichen Ressourcen wie Metallen, Sand und Kies, fossilen Rohstoffen, Biomasse, Wasser und Land hat sich seit den 1970er Jahren verdreifacht. Aber weniger als neun Prozent aller Rohstoffe werden auf irgendeine Art im Kreislauf geführt. Wir überlasten damit die planetaren Grenzen und bauen enorme Risiken auf. Eine Entkopplung des Ressourcenverbrauchs von ökonomischer Aktivität ist deshalb unerlässlich. Ein entscheidender Schlüssel dafür liegt in einer Kreislaufwirtschaft.
Eine Kreislaufwirtschaft im Wortsinn betrifft alle Wirtschaftsbranchen auf allen Stufen der Wertschöpfung: Produktentwicklung, Design, Finanzierung, Produktion, IT, Nutzung, Reparatur, Wiederverwendung und erst ganz am Ende das Recycling.

"Der Ausbau der Kreislaufwirtschaft macht uns unabhängiger von Rohstoffimporten und den damit verbundenen wirtschaftlichen und politischen Risiken."

Entscheidende Parameter sind die Vermeidung von Abfällen, das Design langlebiger, reparierbarer und recyclingfreundlicher Produkte und die Transparenz über verwendete Materialien. Eine Kreislaufwirtschaft erfordert deshalb auch einen neuen verlässlichen Rechtsrahmen – Stichworte sind Mindeststandards für Produkte, die auf den europäischen Markt gelangen, digitale Materialpässe und ein ambitioniertes Gewährleistungsrecht. Das bringt gerade für den deutschen Mittelstand mit seiner großen Innovationskraft und seiner Stärke im Anlagenbau zahlreiche Chancen.

Nutzen statt besitzen

In einer Kreislaufwirtschaft haben hochwertige Güter Vorrang vor Einwegschrott – ein echter Wettbewerbsvorteil für den deutschen Mittelstand, der den Anspruch hat, auf hochwertige Produkte zu setzen. Außerdem bietet eine Kreislaufwirtschaft die Chance, innovative Geschäftsmodelle nach dem Motto „nutzen statt besitzen“ zu entwickeln. Unternehmen können den Kund*innen das verkaufen, was diese eigentlich wollen: Statt eines Leuchtmittels oder eines Autos werden dann die Dienstleistungen Leuchtstunden oder Fahrkilometer verkauft. In solchen Geschäftsbeziehungen können die Hersteller Produkte passgenau, langlebig, wiederverwendbar und reparierbar gestalten. Zusätzlich entsteht auch eine dauerhafte Kundenbeziehung.
Deutschland hat von Natur aus nur wenige natürliche Rohstoffvorkommen. Der Ausbau der Kreislaufwirtschaft macht uns unabhängiger von Rohstoffimporten und den damit verbundenen wirtschaftlichen und politischen Risiken. Statt in immer neuen Minen und Steinbrüchen in fernen Ländern Raubbau an unserer Natur zu betreiben, erschließen wir künftig die riesigen anthropogenen Rohstofflager durch Urban Mining: Smartphones, Autos, Verpackungen und Gebäude werden von Anfang an so designt und produziert, dass sie aus trennbaren bekannten Materialien bestehen.
Eine Studie der Europäischen Kommission prognostiziert bis zu zwei Millionen zusätzliche Jobs durch die Implementierung ambitionierter Maßnahmen zur Steigerung der Ressourcenproduktivität. Dies liegt unter anderem daran, dass die Wiederaufbereitung von Produkten und Materialien nicht nur verhältnismäßig arbeitsintensiv, sondern häufig auch lokaler gebunden und somit vor Globalisierungsfolgen relativ geschützt ist.
Schließlich gilt in einer Kreislaufwirtschaft erst recht, was heute schon gelten sollte: Giftige Chemikalien haben keinen Platz mehr. Ansonsten besteht immer das Risiko, dass eine gefahrlose Weiternutzung von Produkten nicht möglich ist und sich Gifte in den Materialströmen anreichern. Einige Unternehmen haben bereits den Praxistest gemacht und festgestellt, dass ein Verzicht auf schädliche Materialien ein echter Kostensenker ist. Sie konnten beispielsweise auf teure Maßnahmen für den Arbeitsschutz und die Wasserreinigung verzichten.
Fazit: Der Umbau unserer linearen Wirtschaft zu einer konsequenten Kreislaufwirtschaft ist nicht der einzige, aber definitiv ein wichtiger Baustein, um das Ziel einer nachhaltigen, krisensicheren Wirtschaft und Gesellschaft zu erreichen. Von innovativen Produktdesignern bis hin zu technisch versierten Maschinen- und Anlagenbauer*innen gibt es in Deutschland zahlreiche Menschen, die diese Transformation mitgestalten wollen. Kommende Konjunktur- und Investitionsprogramme sollten deshalb die Förderung einer Kreislaufwirtschaft beinhalten.

Gut zu wissen

 

  • Eine Kreislaufwirtschaft kann zu mehr regionalen Arbeitsplätzen führen. Denn die Wiederaufbereitung von Produkten und Materialien ist nicht nur verhältnismäßig arbeitsintensiv, sondern auch häufig lokaler gebunden und somit vor Globalisierungsfolgen relativ geschützt.

  • Die EU-Kommission hat in ihrer ersten Kommunikation zum Green Deal die Mobilisierung der Industrie für eine saubere und kreislauforientierte Wirtschaft sowie das Ziel einer giftfreien Umwelt als zentrale Bausteine des Konzepts benannt und eine Roadmap für einen New Circular Economy Action Plan angekündigt. Darin soll auch ein Vorschlag zu einer nachhaltigen Produktpolitik enthalten sein.

 

 

Dr. Bettina Hoffmann MdB
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Sprecherin für Umweltpolitik
Sprecherin für Umweltgesundheit Obfrau im Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung

www.bettina-hoffmann.info

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