Russlands Attraktivität für Auslandsinvestoren

In Russland sind in den kommenden Jahren zahlreiche Infrastrukturmaßnahmen geplant. Viele Projekte konzentrieren sich dabei auf die beiden Metropolen Moskau und Sankt Petersburg.

Skyline von Moskau.

Aber auch der Ausbau des regionalen Flughafennetzes bietet Investoren aus dem Ausland Chancen.

Viele sind bereits einmal mit dem Siemens-Sapsan von Moskau nach St. Petersburg gefahren und haben in nur drei Stunden eine Strecke von knapp 700 Kilometern zurückgelegt.
Dagegen hatte die Autobahn zwischen den beiden Städten eine Fahrzeit von bis zu zehn Stunden zu bieten. Heute ist die Strecke vollständig befahrbar, eine Richtung dauert im konventionellen Pkw ungefähr sechs Stunden. Warum der Bau einer befahrbaren Strecke zwischen beiden Hauptstädten erst im zwanzigsten Putin-Jahr vollendet wurde, bleibt ein Geheimnis.

Erst in den letzten Jahren kommen einige wichtige Projekte in Bewegung, lange jedoch nicht alle, die nötig wären, um den riesigen Bedarf zu decken. Ausnahme sind hier Moskau und mit etwas Abstand Sankt Petersburg. Die Mautgebühr der 15-km-Teilstrecke der M11 vom Moskauer MKAD zum Flughafen Scheremetjewo ist für 150 Kilomenter derselben Trasse bis Twer ein gutes Geschäft für die beteiligten Unternehmen. Gute Geschäfte gibt es auch anderswo in Russland – hier eine Auswahl.


Straße: Anbindung an China wird verbessert


Was die Projekte auf der Straße angeht, so ist laut Germany Trade and Invest (GTAI) der Transportkorridor von Europa nach West-China sicherlich das zentrale Projekt der russischen Führung. Dieser soll Europa mit China über eine Autobahn mit einer Gesamtlänge von 8.500 Kilometern, davon 2.233 Kilometer auf dem Territorium der Russischen Föderation, verbinden. Im Rahmen des Projektes werden neue Straßen gebaut, sowie schon vorhandene modernisiert.
Erste Abschnitte werden bereits gebaut. Bis 2025 soll schließlich das gesamte Projekt vollendet werden. Es wird im Rahmen einer öffentlich- privaten Partnerschaft realisiert. Die Gesamtkosten werden auf 13,6 Milliarden Euro geschätzt, wovon etwa elf Milliarden Euro aus dem föderalen Haushalt kommen.


Metro: Ausbau in Moskau und Sankt Petersburg


Auch was Projekte unter der Erde angeht, so ist laut einer Analyse von GTAI in Russland eine rege Aktivität zu verzeichnen, obwohl sich die Bautätigkeiten überwiegend auf die beiden größten Städte des Landes konzentrierten. So hat die Moskauer Stadtregierung gemeinsam mit den Russischen Eisenbahnen (RZD) ein neues großes Verkehrsprojekt
geplant und setzt es bereits erfolgreich um: das neue S-Bahn-Netz „Moskowskije Zentralnye Diametry“ (MZD). Diese oberirdischen
Metro-Linien verbinden seit Kurzem die Moskauer Vorstädte miteinander und entlasten den Stadtverkehr sowie Schnellstraßen der Hauptstadt. Bis 2025 werden dabei neue S-Bahn-Linien in das System der Moskauer U-Bahn und der 2016 eröffneten Ring- S-Bahn integriert.

Neben Moskau ist nur in Sankt Petersburg eine gewisse Aktivität zu beobachten. Die dortige Stadtregierung plant bis 2032 die Eröffnung von 29 neuen Metro-Stationen. Die jährliche Investitionshöhe soll ab 2020 auf 30 Milliarden Rubel (410 Millionen Euro) ansteigen. Zudem will die Stadt mit einem Tochterunternehmen der Gazprombank eine Konzessionsvereinbarung über den Bau einer Schnellbahntrasse unterschreiben. Dabei werden unter anderem fünf Brücken und Hochstraßen, fünfzehn Haltestellen und ein Betriebshof entstehen. Die Projektinvestitionen belaufen sich auf 419 Millionen Euro. Die Inbetriebnahme ist für das Jahr 2024 geplant.


Luftverkehr: Moskau in der Pole Position


Laut der russischen Flugaufsichtsbehörde Rosaviatsia werden in den kommenden Jahren 66 Flughäfen saniert und erweitert, davon 41 im Fernen Osten und im Hohen Norden. Für diese Vorhaben müssen umgerechnet rund 2,5 Milliarden Euro investiert werden. Eine Führungsposition nimmt der Moskauer Airport Scheremetjewo ein, der in den vergangenen Jahren enorm schnell wuchs. 2019 wurden dort fast 50 Millionen Fluggäste abgefertigt. Damit schob sich Scheremetjewo auf Platz acht unter den passagierreichsten europäischen Flughäfen vor.
Seit Januar 2020 ist in Scheremetjewo das neue Terminal C1 in Betrieb. Damit sind die Abfertigungskapazitäten des Flughafens um 20 Millionen auf 80 Millionen Passagiere pro Jahr gestiegen. Bis 2026 soll ein zweiter Bauabschnitt als Terminal C2 in Betrieb gehen. Ziel ist es, in Scheremetjewo jährlich 100 Millionen Fluggäste abfertigen zu können. Auch für den Frachtverkehr will der Verkehrsknoten im Norden Moskaus neue Umschlagmöglichkeiten schaffen. Für das neue Terminal Moscow Cargo beginnen 2020 die Arbeiten am zweiten Bauabschnitt, die bis 2024 abgeschlossen sein sollen.


Billigflieger drängen nach Sankt Petersburg


Einen steilen Aufschwung könnte auch der Flughafen Sankt Petersburg-Pulkowo erfahren. Seit 1. Januar 2020 dürfen internationale Billigflieger den Airport ansteuern und von dort im Rahmen eines „Open Skies“-Abkommens in Drittländer fliegen. Das betrifft aktuell 30 europäische Staaten, darunter Deutschland. Interesse an solchen Flügen haben bereits Ryanair, EasyJet und Wizz Air bekundet.
Bis 2025 will Pulkowo seine Abfertigungszahlen um 75 Prozent auf jährlich 35 Millionen Reisende steigern. Zu den Aktionären des Betreibers Northern Capital Gateway Consortium gehört auch die deutsche Fraport AG. Das Konsortium projektiert einen zweiten Bauabschnitt für das Passagierterminal sowie neue Infrastruktur am Flughafen. Die Investitionssumme beträgt rund 400 Millionen Euro.


Viele Neubauprojekte in Sibirien


Auch viele Flughäfen in den Regionen verzeichnen laut GTAI hohe Zuwachsraten. In Russland allerdings sind die Sicherheitsvorschriften für Flughäfen sehr hoch. Das verursacht hohe Betriebskosten, die nicht im Verhältnis zu den Einnahmen stehen. Trotzdem sind diverse Standorte attraktiv für private Betreiber, wie das Beispiel Blagoweschtschensk zeigt. Der Flughafen am Amur nahe der Grenze zu China gehört der Gebietsverwaltung und soll für 30 Jahre via Konzession an einen privaten Betreiber übergeben werden. Ohnehin ist Sibirien ein regionaler Schwerpunkt der Investitionsvorhaben. Unter anderem sollen die Flughäfen Nowosibirsk-Tolmatschowo, Tomsk- Bogaschowo, Bratsk und Bodajbo (beide im Gebiet Irkutsk) für 430 Millionen Euro saniert und modernisiert werden. Die Standorte Barnaul und Kemerowo bekommen neue Start- und Landebahnen.
Solche Projekte werden helfen, dieses riesige Land „kleiner“ werden zu lassen. Es wird zusammenwachsen, der wirtschaftliche Nutzen wird auch wichtig für die gesellschaftliche Entwicklung sein. Der Bedarf ist weiterhin enorm, selbst die beschriebenen Projekte werden nur einen kleinen Teil abdecken können. Es bleibt spannend im flächengrößten Staat der Erde.


Hannes Postel
Managing Director, Hausman & Partners
www.hausman-partners.com
Die Langfassung des Textes erschien
im Außenwirtschaftsmagazin
OstContact, Ausgabe 5/20

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