Corona und die psychischen Folgen

Prof. Dr. Marcus Stück, Stressforscher und wissenschaftlicher Leiter der DPFA-Akademie für Arbeitsgesundheit, gibt Tipps, wie Mittelständler ihre Belegschaft psychisch gesund halten und so erfolgreich durch die Coronakrise kommen.

DER Mittelstand.: Prof. Stück, was bedeutet die Coronakrise für mittelständische Unternehmen, jenseits von Kurzarbeit, unterbrochenen Lieferketten und Umsatzeinbrüchen?


Prof. Dr. Marcus Stück: Die Pandemie ist eine Identitätskrise, persönlich für den Einzelnen, der mit Corona einen Kontakt- und Kontrollverlust erlebt, aber auch kollektiv für die Gesellschaft, weil sich neue Werte wie gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit etablieren. Für Unternehmen hat diese Krise daher Chancen und Risiken. Doch um gestärkt aus dieser Sondersituation zu kommen, bedarf es gesunder Mitarbeiter.


Wie können Arbeitgeber ihre Belegschaft gesund halten?


Unsere Befragung „Corona und Psyche“, die unmittelbar zum ersten Lockdown im März 2020 gestartet ist, zeigt, dass die Pandemie Ängste auslöst, die ein Teil der Befragten reflektiert sowie verarbeitet und somit auch gesund bleibt. Der andere Teil will diese Sorgen jedoch nicht an sich heranlassen, sondern sucht mitunter externe Schuldige für sein Unwohlsein. Letztere befinden sich seit dem Frühjahr 2020 in einer ständigen Stresssituation, können schlechter abschalten und haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit krank zu werden.


Welche Krankheitsbilder sehen Sie durch Corona?


Psychische Erschöpfungszustände sind das eine. Körperlich wird aufgrund der Dauerangespanntheit das Immunsystem destabilisiert. Auch Rückenschmerzen, Verspannungen in Schulter und Nacken sowie Magen-Darm-Probleme sind Anzeichen für eine sogenannte Hypersensibilität.

Was können Chefs tun? Massagen finanzieren?


Ich plädiere für körperbezogene Entspannungsmethoden wie Yoga, Tai Chi oder Qigong. Wem das zu esoterisch ist, der sollte als Geschäftsführung zumindest Dialogräume für die Belegschaft anbieten.
Insbesondere der oben skizzierte Personenkreis, der sich durch die Krise ständig bedroht sieht und die Stresssituation nicht allein
ausbalancieren kann, trägt Wut, Trauer und Frust mit sich herum. Das muss raus. Chefs müssen daher ihre Führungskräfte schulen, um Betroffene zu erkennen und anzusprechen.


Was sollen Führungskräfte beim Homeoffice beachten?


Sofern es das Infektionsgeschehen zulässt, müssen Vorgesetzte die Balance zwischen Online- und Präsenzphasen finden. Soziale Beziehungen gilt es aufrechtzuerhalten, egal, ob der Mitarbeiter im Nachbarbüro oder 30 Kilometer entfernt im heimischen Arbeitszimmer sitzt. Deswegen nochmals meine Empfehlung, Führungskräfte im Umgang mit Mitarbeitenden zu coachen.


Was möchten Sie Chefs abschließend raten?


Den Abbau von Kontrollambitionen. Diese Krise beschleunigt existenzielle Veränderungen in der Arbeitswelt. Chefs müssen die Eigenverantwortung von Mitarbeitern fördern, sowohl was die dienstlichen Aufgaben betrifft als auch bezogen auf deren Gesundheit. Führungskräfte müssen ihr Team darin bestärken, eigene Grenzen wahrzunehmen und auszudrücken.

 

Gut zu wissen

 

  • Unter Leitung der DPFA-Akademie für Arbeitsgesundheit nahmen in der ersten Lockdown- Phase (März bis Juli 2020) weltweit 1.500 Befragte, davon 400 in Deutschland, an der Studie „Corona & Psyche“ teil.
  • Tipps für Unternehmen, um die Mitarbeiterschaft bei der Krisenbewältigung zu unterstützen:
  • Mitarbeitenden Zeit und Räume für Austausch/Reflektion bieten
  • Mischung aus Präsenz- und Online- Veranstaltungen, um physischen Kontakt aufrechtzuerhalten
  • Führungskräfte-Coaching, um betroffene Mitarbeiter zu identifizieren
  • Angebot von körperbezogenen Entspannungsmethoden
  • Abbau von Kontrollmechanismen im Unternehmen zur Stärkung der Eigenverantwortung der Belegschaft
  • Angebote für Unternehmen unter: www.dpfa-arbeitsgesundheit.de


Das Interview führte Céline Nickol,
BVMW Referentin Bildung und Digitales

 

Foto: © Ines Escherich Fotografie

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