„Da sterben Menschen indirekt“

Im Interview mit dem Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag macht Bundesgeschäftsführer Markus Jerger auf die schwere Situation der Mittelständler in der Corona-Pandemie aufmerksam und fordert Nachbesserungen bei den Hilfen.

Bürokratie, ausbleibende Hilfsgelder und das Homeoffice: Mittelständische Unternehmen haben mit vielen Themen zu kämpfen, die ihnen das Überleben in der Corona-Pandemie schwer machen. Lesen Sie hier das Interview mit Bundesgeschäftsführer Markus Jerger. 

Herr Jerger, Homeoffice ist die neue Realität. Glauben Sie, dass es ein ausgereiftes Konzept ist?

Homeoffice geht nur mit einer guten digitalen Infrastruktur. Deutschland ist noch ein digitales Entwicklungsland mit viel Potenzial. Vielleicht sollten wir mal in Afrika um Entwicklungshilfe bei der Digitalisierung bitten. Im Senegal hat man besseren Empfang als bei einigen Zugverbindungen in Deutschland. Wie soll man dann mobil arbeiten können? Das ganze Thema Homeoffice ist, wie mit einer Schrotflinte in den Wald zu schießen und zu hoffen, dass man einen Hasen trifft. Viele Branchen können gar nicht im Homeoffice arbeiten und die, die es können, müssen sich in vielen Regionen mit schlechtem Internet auseinandersetzen. Außerdem haben sie vielleicht noch Kinder zu Hause, die beschult werden müssen. Die Bereitschaft, aber auch die Fähigkeit ist teilweise einfach nicht gegeben. Das fängt ja schon dabei an zu klären, bei welchen Anschaffungen der Arbeitgeber seine Mitarbeiter unterstützen darf. Das ist alles nicht geklärt. Homeoffice ist kein Allheilmittel.

Der Lockdown wurde verlängert, damit aber auch die Überbrückungshilfen. Kann das Unternehmen retten?

Ja, wenn die Hilfen schnell und unbürokratisch bei den notleidenden Unternehmen ankommen. Daran hapert es momentan noch. Und es fehlt die Planungssicherheit für Unternehmen. Wir erwarten von der Bundesregierung einen verbindlichen Zeitplan, der an eine bestimmte Inzidenz gekoppelt ist und mindestens ein halbes Jahr abdeckt, also eine „Wenn… dann“- Regelung. Dadurch, dass momentan Steuervorauszahlungen geleistet werden müssen, zieht man die Liquidität aus angeschlagenen Unternehmen. Da sterben Menschen indirekt. Es geht die Hoffnung verloren, dass man seinen Familienbetrieb am Leben halten kann. Das, was wir jetzt brauchen, ist motivierende Hilfe.

Befürchten Sie Abrisse von Lieferketten beispielsweise durch den Brexit?

Absolut. Das kann besonders Schleswig-Holstein mit seinen Häfen hart treffen. Einige Regionen werden zusätzlich durch den Brexit leiden. Ich kann nur hoffen, dass wir beim Brexit die Tür ein Stück offenhalten können und das Band nicht endgültig zerschnitten ist. Wir müssen jetzt auf Bundes und Landesebene für die Unternehmen Anreize schaffen, in Innovation zu investieren. Was wir mit Sicherheit nicht brauchen, ist noch mehr Bürokratie oder ein nicht zu Ende gedachtes Lieferkettengesetz.

Was muss die Politik jetzt leisten?

Die Mehrheit der Unternehmen will glasklare Rahmenbedingungen. Unternehmen, Politik, Medien und die Gesellschaft müssen gerade jetzt zusammenstehen und Barrieren abbauen. Diese Verordnungen beispielsweise zum Homeoffice, das ist, wie einem Ertrinkenden gut zuzureden. Der braucht keine netten Worte, sondern einen Rettungsring. Das wichtigste muss jetzt sein, so schnell wie möglich an der Impflogistik zu arbeiten. Das Ziel müssen Impfungen rund um die Uhr sein.Wir sind doch keine Bananenrepublik. Viele Unternehmer gehen schon jetzt an ihre letzten Reserven, und die Hilfen lassen noch immer auf sich warten. Viele Unternehmen sind wie ein schwer verletzter Patient, der in die Notaufnahme kommt. Der Arzt, also die Regierung, verlangt von dem Schwerverletzten aber erst einmal, seine Zahlen von vor einem Jahr offen zu legen und seitenweise Dokumente auszufüllen, bevor er ihm hilft. Der Mittelstand braucht Hilfe – und zwar sofort.Jeder Politiker, der jetzt den Unternehmen hilft, ist unser Freund, egal welcher Partei er angehört.

Sprechen Sie dabei von zuviel Bürokratie?

Ja. Unternehmen müssen, bevor sie Hilfen kriegen, erst einmal Kassenbelege und Unterlagen zusammensuchen. Natürlich gibt es immer einzelne, die betrügen. Aber man darf nicht wegen einzelner schwarzer Schafe die Mehrheit der Unternehmen bestrafen. Es käme doch auch keiner auf die Idee, ein dreimonatiges allgemeines Autoverbot auszusprechen, weil jemand einen Unfall gebaut hat. Das ist eine Spirale nach unten: Weil die Hilfsgelder schneller in die Wirtschaft fließen sollen, wird jetzt noch mehr geprüft, und man muss noch mehr einreichen. Und um gegen diese Bürokratie zu demonstrieren, fehlt den Unternehmern die Zeit. Ich glaube im Übrigen nicht, dass jeder Demonstrant automatisch ein Corona-Leugner ist. Viele fühlen sich einfach im Stich gelassen und möchten gehört werden.

Lesen Sie hier das ganze Interview.

Heute schon wissen, was den Mittelstand morgen bewegt.


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