Neue Ideen in Zeiten von Corona

Der deutsche Mittelstand zeigt sich in der Krise kreativ. Doch mündet diese Entwicklung in echte Innovationen? Ein Zwischenbericht inmitten der Pandemie.

Die Krise als Chance“, „Den Schwung mitnehmen“ – das war und ist zum Teil noch heute die Rhetorik, wenn über die Anstrengungen des deutschen Mittelstandes im Umgang mit der Pandemie geredet wird. In den vergangenen Monaten hat sich viel getan: verstärkte Digitalisierungsanstrengungen, mehr Flexibilität bei alternativen Arbeitsmodellen wie Homeoffice, Ausweitung des Onlineangebotes. Nicht selten knüpft sich daran die Hoffnung, dass KMU gestärkt aus der Krise hervorgehen und vermehrt das tun, was jeher als ihre Primärtugend gilt: Innovationen entwickeln, einführen, anbieten und Deutschland den Technologievorsprung sichern. Im Sommer 2020 hat die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zahlreiche Mittelständler befragt und festgestellt, dass es in den genannten Bereichen in der Tat zu schnellen Umsetzungen vor allem bei Digitalisierungsvorhaben kam.

"Das fatale Zusammenspiel von krisenbedingten Umsatzeinbußen und der Rückbau der Innovationsanstrengungen wird zu einer höheren Verschuldung führen."

Ein Trend setzt sich fort

Im September 2020 hat der Autor der KfW Research Dr. Volker Zimmermann eine nochmalige Befragung durchgeführt, deren Ergebnisse seit Ende Januar vorliegen. Es zeigt sich, dass die Krise wie ein Brennglas bereits bestehende Unwuchten innerhalb des Mittelstandes deutlich macht. Bereits im Februar 2020 vermeldete der „KfWInnovationsbericht Mittelstand 2019“ einen historischen Tiefstand der Innovatorenquote: Noch nie seit 2006 ist der Anteil der Innovatoren bei Mittelständlern aller Größenklassen und aller Branchen derart zurückgegangen. In der aktuellen Krise nun zeigt sich, dass einer kleinen Zahl von FuEintensiven KMU eine wachsende Zahl von Unternehmen entgegensteht, die ihre Innovationstätigkeiten eingestellt hat. Zimmermanns Erhebungen zeigen, dass „im Verlauf der Corona-Pandemie 25 Prozent der Mittelständler ihre Innovationsanstrengungen unter Corona zurückgefahren, während lediglich zehn Prozent sie gesteigert haben.“

Digitalisierung ist nicht gleich Innovation

Was viele Analysten, vielleicht auch Mittelständler selber, als Innovation wahrnehmen, sind zumeist Verbesserungen in der digitalen Aufstellung: der Ausbau von Homeoffice-Kapazitäten, die Anschaffung neuer Software etwa für virtuelle Meetings oder zur digitalen Abwicklung von Geschäftsprozessen sowie die Ausweitung des Online-Angebotes. Doch die Innovationsbilanz insgesamt zeigt ein Ungleichgewicht: Wo in digitale Vertriebswege und Arbeitsmodelle investiert wurde, blieben wirklich neue Produkte und Fertigungswege auf der Strecke. Unternehmen haben mit zunehmender Krisendauer „seltener neue Produkte und Services selbst entwickelt oder Produktionsprozesse unter Eigenleistung verbessert. Bei den zu Beginn der Krise umgesetzten Innovationsvorhaben handelte es sich vielmehr um welche, die ohne lange Entwicklungsarbeiten schnell umsetzbar waren“, sagt Zimmermann. Tatsächliche Innovationen oder Innovationsvorhaben, also nicht nur das Updaten auf den neuesten Stand der Digitalisierung, dürften angesichts angespannter finanzieller Lage verschoben, verringert oder aufgegeben worden sein. Insgesamt reduziert sich dadurch das gesamte Innovationsgeschehen im Mittelstand. Es wundert dabei nicht, dass „Vorreiterunternehmen“, die durch eigene FuE häufig Innovationen von hohem Neuigkeitsgrad hervorbringen, weniger stark von Umsatzeinbußen betroffen sind und ihre Innovationstätigkeit weniger stark zurückfahren als Unternehmen, die hohe Verluste hinnehmen müssen.

"Die steuerliche FuE-Förderung ist ein wichtiger Baustein bei der Adressierung von FuE-treibenden Unternehmen, der bislang in Deutschland gefehlt hat."

Anhaltender Zielkonflikt

Gleichwohl gilt für den Mittelstand, dass das fatale Zusammenspiel von krisenbedingten Umsatzeinbußen und der Rückbau der Innovationsanstrengungen zu einer höheren Verschuldung führen wird, die wie in einem Teufelskreis weiterhin Innovationen unterbindet. Zugleich wollen Unternehmen krisenresilienter werden und eher in prophylaktische Maßnahmen investieren – ein klassischer Zielkonflikt. Daher fordert Zimmermann staatliche Unterstützung, um das Wachstumspotenzial des deutschen Mittelstandes zu nutzen, zum Beispiel ein „breites Bündel an Maßnahmen, die sowohl bei der Digitalisierung als auch bei den Innovationen Vorreiter-Unternehmen und Nachzügler anspricht. Die steuerliche FuE-Förderung ist ein wichtiger Baustein bei der Adressierung von FuE-treibenden Unternehmen, der bislang in Deutschland gefehlt hat.“ Mittelständler, die ohnehin keine FuE betreiben, werden davon allerdings wenig profitieren. Die wesentlichen Maßnahmen zur Digitalisierung werden ohnehin selten in den Unternehmen entwickelt, sondern von außen eingekauft. Beides - Innovation und Digitalisierung - fördern, könnte „eine verstärkte Kombination von Förderkrediten und Zuschüssen sowie die Entwicklung neuer, den Verschuldungsgrad der Unternehmen ‚schonende‘ Finanzierungsinstrumente.“ Schlussendlich sollten auch Investoren auf dem Venture-Capital Markt ermutigt werden.

Ein trüber Horizont also mit nur wenigen Silberstreifen – und klare Ansagen an die Wirtschaftspolitik. Es bleibt zu hoffen, dass diese dort gehört werden. Angesichts der enormen Kosten und Belastungen, die sich im Nachgang der Krisenbewältigung zeigen werden (und die irgendjemand bezahlen muss) bleibt die Aussicht düster. Auch Zimmermann muss konstatieren: „Der vor Corona zu beobachtende Trend zu weniger Innovationen setzt sich unter Corona somit fort oder verstärkt sich sogar noch.“

Gut zu wissen

■ Nur 17 % der Unternehmen sind so innovativ wie vor der Krise, 10 % vermehren ihre Innovationen unter Corona, 25 % drosseln ihre Innovationen

■ 30 % halten ihre Digitalisierungsaktivitäten auf Vor-Corona-Niveau, 23 % steigern sie, 14 % reduzieren sie

■ 36 % der Unternehmen mit Umsatzeinbußen drosseln die Innovation, 19 % reduzieren ihre Digitalisierungsanstrengungen http://bvmw.info/KfW_Corona_belastet_Innovationen

 

Bernd Ratmeyer

Journalist

mittelstand@bvmw.de

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