Wagen Sie Reorganisation!

Die Innovationskraft des deutschen Mittelstandes ist geringer als oft angenommen. Trotz jährlicher Investitionen für Forschung und Entwicklung (FuE) von rund 170 Milliarden Euro kommen nur wenige echte Innovationen auf den Markt.

Unter Innovation verstehen viele Unternehmen vor allem die Entwicklung von neuen Produkten oder Dienstleistungen, die sich durch eine komplett andere Herangehensweise oder neue Technologie hervorheben, im Markt durchsetzen können und wirtschaftlichen Erfolg generieren.

Weiterentwickeln und optimieren reicht nicht

Alles andere wird oft nur als Erfindung ohne wirtschaftlichen Mehrwert oder aus der bestehenden Perspektive als Weiterentwicklung von vorhandenen Produkten oder Services gesehen, was aus gesamtwirtschaftlicher Sicht zunächst nicht negativ zu werten ist. Im Gegenteil, diese FuE-Leistungen sind für die deutsche Wirtschaft von enormer Bedeutung – liefern allerdings keine echten Innovationen. Aber genau diese werden dringend für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft gebraucht. Deutsche Unternehmen sind für Qualität, Beständigkeit und Effizienz bekannt. Das sind Merkmale, die seit der Nachkriegszeit gut funktioniert haben, die aber echten Innovationen eher entgegenstehen, dafür sind vielmehr Kreativität, Agilität und Iteration notwendig. Und dabei haben wir unsere Unternehmen in den letzten 40 Jahren komplett darauf ausgerichtet, effizient zu sein.

Beschleunigte Veränderung der Märkte

In den letzten 20 Jahren hat sich aber einiges getan. Die Geschwindigkeit, mit der heute neue Unternehmen entstehen und bestehende Märkte mit innovativen Geschäftskonzepten aufmischen, hat sich dramatisch erhöht. Beispiele wie Scout24, FreeNow, Flixbus und Streetscooter zeigen, dass sich der Zeitraum zwischen Gründung und dem Erreichen einer marktrelevanten (teilweise sogar marktdominierenden) Rolle auf vier bis sechs Jahre verkürzt hat. Etablierte Marktteilnehmer registrieren neue Wettbewerber oft erst nach zwei bis drei Jahren. Für die meisten Unternehmen ist es dann bereits zu spät. Sie können in der kurzen Zeit den Vorsprung kaum noch aufholen. Auffallend ist, dass Innovationen fast ausschließlich aus neuen Unternehmen hervorgehen. Innovationen aus bestehenden Organisationen gibt es zwar, aber in der Regel nur unter Einsatz großer Investitionen und langer Entwicklungszeiten.

Etablierte Strukturen behindern Innovationen

Vielen Unternehmen ist mittlerweile bewusst geworden, dass die eigene Organisationsstruktur durch ihre funktionale Aufbauorganisation nur bedingt innovationsfähig ist. Expertenwissen wird in der Regel in Abteilungen gebündelt, weil damit die fachliche Ausrichtung besser gesteuert und systematisiert werden kann. Die funktionsübergreifende Arbeit an Innovationen, parallel zum operativen Geschäft, wird dadurch signifikant erschwert. Je größer die Organisation ist, desto gravierender ist dieser Effekt. Was also aus fachlicher Sicht effizient ist, wird für Innovationen zum Hemmschuh. Es gibt aber Optionen, diesem Missstand zu entkommen: entweder durch die Schaffung dedizierter Projektorganisationen oder eigener Organisationseinheiten. Davor steht jedoch die notwendige Erkenntnis, dass die bestehende Organisation nicht innovativ ist.

Startups und Inkubatoren als Ausweg?

Immer mehr Unternehmen investieren enorme Summen in Inkubatoren oder Startups, also in autarke Einheiten, die sich gezielt mit der Entwicklung von Innovationen befassen sollen. Der Erfolg lässt dabei oft zu wünschen übrig, weil Geld allein noch nicht innovativ ist. Nur wenige Unternehmen wagen bisher den Schritt zu einer kompletten Reorganisation. Hierbei werden die etablierte Organisation auf den Kopf und die Produkte und Services in den Vordergrund gestellt und alles konsequent und konsistent darauf ausgerichtet. Die, die es wagen, werden mit einer kulturellen Veränderung und einem agileren Mindset belohnt. Echte Innovationen entstehen plötzlich aus der eigenen Organisation heraus, und der Fokus verschiebt sich von purer Kreativität hinzu lösungsorientiertem Mehrwert.

 

Michael Schneppensiefer
CEO/Managing Partner prosma GmbH & Co. KG
Mitglied des Lenkungskreises Beraternetzwerk
Mittelstand/Leiter des Arbeitskreises Business
Development und Innovation
BVMW-Mitglied
​​​​​​​www.prosma.de

Gut zu wissen

■ mittlere und größere Unternehmen (50 bis 3.000 Mitarbeiter) investieren sechsmal mehr als kleine Unternehmen

■ nur 4 % der Investitionen werden als erfolgreiche Innovation bewertet

■ 89 % der Ausgründungen werden vornehmlich durch Dienstleister unterstützt oder gar gesteuert

Heute schon wissen, was den Mittelstand morgen bewegt.


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