Filmtipp: Beltracchi - Die Kunst der Fälschung

Er fälschte 300 Gemälde und narrte die ganze Kunstwelt: Wolfgang Beltracchi. Die Dokumentation zeigt, wie der größte Kunstskandal der letzten Jahrzehnte möglich wurde.

Begabter Fälscher: Wolfgang Beltracchi in seinem Atelier.

Ein Künstler rührt Farbpigmente an, mischt sie mit Öl, spachtelt intensive Farbmischungen auf die Palette – was beginnt wie das Portrait eines zeitgenössischen Malers, ist die Dokumentation über einen der genialsten Kunstfälscher dieses Jahrhunderts: Wolfgang Beltracchi und sei- ne Frau wurden 2011 wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt. Ermittler gehen von einem Betrugsgewinn zwischen 20 und 50 Millionen Euro aus.

Geniale Fälschungen und eine gute Geschichte

Die Dokumentation von Arne Birkenstock aus dem Jahr 2014 zeichnet die zweifelhafte Karriere Beltracchis in ruhigen, ästhetischen Bildern, gleichwohl spannend, nach. Dabei stehen der Fälscher und seine Frau Helene im Zentrum. Dies ist möglich, weil die beiden
die Strafe im offenen Vollzug verbüßen. Und so erleben wir einen grundsympathischen Verbrecher, einen verschmitzten Gentleman-Gauner, der offenbar mit sich und seinem „Werk“ im Reinen ist.
Schon als Kind wurde Beltracchi in die Grund- lagen der Malerei eingeführt. Und dabei blieb es: Geschichte, Materialen, Farbkunde, das ganze Handwerk – Kunst als solche wollte er nie schaffen. Aber als hochtalentierter Epigone kam ihm die Geschäftsidee: „In die Lücken der Kunstgeschichte hineinmalen“, also die biographischen Leerstellen großer Künstler ausnutzen und vermutete oder verschollene Werke in ihrem Stil malen. Der eigentliche Kunstgriff war eine gute Geschichte: Helenes Großvater, gerade verstorben, wurde postum zum Kunstsammler deklariert, dessen Fundus nun verkauft werden sollte. Helene posiert beim Fototermin als ihre eigene Großmutter, im Hintergrund hängen Beltracchis Bilder, das Foto wird geschickt gealtert. Mit diesem Märchen, das die gesamte Kunstwelt unbedingt glauben wollte, verdiente das Ehepaar Millionen. Am Ende stolpert Beltracchi über einen simplen Fehler: In einem seiner erfolgreichsten Fakes verwendet er Titanweiß aus einer gekauften Tube, statt die Farbe selbst herzustellen.

Nur Schaden?

Wolfgang Beltracchi hat vielen Menschen geschadet. Doch sein Oeuvre hat in den vergangenen Jahren durchaus auch Mehrwert geschaffen. Ein gefälschtes Bild ging 1985 für 25.000 Dollar über den Tisch, 24 Jah- re später wurde es in Basel für 2,2 Millionen angeboten. Während des Lockdowns in der Schweiz schuf Beltracchi 2020 ein großformatiges Werk für das neu eröffnete Hotel Felix in Zürich.
Offenbar gilt: Die Welt will betrogen werden, allemal von einem solchen Grundsympathen. Man kann Wolfgang Beltracchi hassen oder lieben,
sorgen muss man sich nicht um ihn.

 

BELTRACCHI – DIE KUNST DER FÄLSCHUNG
Dokumentation (D 2014)
FSK: keine Beschränkung

Drehbuch und Regie: Arne Birkenstock
Mit Wolfgang und Helene Beltracchi, Henrik Hanstein, James Roundell u. a.

Erhältlich als VOD bei Netflix

Bernd Ratmeyer
Journalist

mittelstand@bvmw.de

 


Foto: © Wild Bunch Germany

 

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