"Austoben in physischen Grenzbereichen"

Der Schauspieler und Erfolgsautor Joachim Meyerhoff spricht im Interview über seinen Schlaganfall und seinen aktuellen Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet“.

DER Mittelstand.: In Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie darüber, wie Sie in Todesgefahr schwebten, nachdem Sie einen Schlaganfall hatten. Wie fühlen Sie sich heute, zwei Jahre danach?

Joachim Meyerhoff: Sehr gut. Ich empfinde eine große Dankbarkeit, dass alles so glimpflich ausgegangen ist. Ich kann meine linke Körperhälfte, die damals von einer Sekunde auf die andere gelähmt war, wieder bewegen. Manchmal schleicht sich von hinten eine Verunsicherung heran, so eine Art posttraumatisches Syndrom, dass der Moment des Umkippens wiederkommt. Aber auch das passiert immer seltener.

Sie schildern den Umgang mit Ihrer Krankheit teilweise so humorvoll, dass man beim Lesen lachen muss. Ist das in Ordnung für Sie?

Selbstverständlich! Ich betrachte die Komik als Schlupfloch aus der Unentrinnbarkeit der eigenen Hilflosigkeit. Und Humor ist immer ein Trostpflaster. Bestimmte Worte wie Schlaganfall, Krebs, Aids und andere dieser schlimmen Diagnosen haben eine enorme Bugwelle, und man muss sich sehr genau überlegen, was diese bewirkt. Ich habe mich für das Lachen entschieden, denn es ist eine hervorragende Möglichkeit, um überhaupt vom Leid erzählen zu können. Meine größte Sorge war von Anfang an, dass die Schilderung meines Erlebnisses in Betroffenheitsliteratur mündet – die Folge wäre Sorge und Mitleid bei meinen Leserinnen und Lesern, und genau das wollte ich vermeiden.

Hatten Sie als Patient das Gefühl, gegen den Schlaganfall kämpfen zu müssen?

Ich mag das Wort Kampf grundsätzlich nicht, vor allem in Bezug auf Krankheiten. Mir ist schon bewusst, dass es im Englischen bei Krebs to fight cancer heißt, dort gibt es sogar nur diese eine Formulierung, und daraus entsteht auch eine entsprechende Haltung gegenüber der Krankheit. Ich kann verstehen,
dass man das so beschreibt, aber mir selbst ist das nie als gangbarer Weg vorgekommen.

Warum nicht?

Ich hatte das Gefühl, dass es für mich besser ist, meine Krankheit anzunehmen und zu inkludieren. Ich bin ja nicht hier und der Schlaganfall dort. Wir sind eine Einheit, und dann hätte ich ja gegen mich selbst kämpfen müssen. Zweifellos braucht man nach so einer Diagnose viel Disziplin, und man muss sich durchbeißen, das strengt an. Aber von einem Kampf würde ich nie sprechen, auch im Theater nicht.

Dabei spielen Sie auch durchsetzungsstarke Figuren, die als Kämpfer wahrgenommen werden. Und Ihr physischer Einsatz auf der Bühne ist außerordentlich hoch.

Dennoch ist das kein Kampf. Eher eine Obsession, eine Lust, eine Besessenheit, vielleicht auch Fanatismus. Kampf beinhaltet immer einen Gegner, und wer sollte das sein? Ich bin besessen von meinem Text bei einer Vorstellung, überwältigt und erfüllt, aber nie gegen etwas. Im Gegenteil: Ich versuche mich immer in den Dienst einer Sache zu stellen, am liebsten mit psychischer und physischer Verausgabung. Ich würde sogar sagen, dass mein gesamter Erfolg darin bestand, mich in physischen Grenzbereichen auszutoben. Aber das ist ein eher kindliches Bild, dieses Toben. Etwas Spielerisches, keine Kampfmetapher.

In Ihren Büchern erzählen Sie detailliert von Erlebnissen, die oft Jahrzehnte zurückliegen. Haben sie eine sehr gut ausgeprägte Erinnerungsgabe oder eine sehr gute Fantasie?

Ich kann mich tatsächlich sehr gut erinnern und brauche für meine Bücher keine Recherche, keine alten Unterlagen. Faktische Dinge vergesse ich eher, aber ich habe so eine Art atmosphärische Erinnerung, die ganz stark ist. Ich weiß genau, wie sich bestimmte Situationen in ihrer Gesamtheit angefühlt haben.

Haben Sie eine Erklärung für dieses Talent?

Vielleicht liegt es am Theater: Dort mache ich seit 30 Jahren nichts anderes als mir immer wieder Situationen plausibel zu machen. Wieder und wieder, wie in einem Dauertraining, vergegenwärtige ich mir bestimmte Momente, mit Sprache und mit meinem Körper, sodass sie einen Sog entwickeln und in diesem einen Augenblick auf der Bühne stattfinden. In meinen Büchern läuft das ähnlich; es sind sehr physische Bücher und keine Weltreflexionen, in denen große Kenntnisse präsentiert werden. Sie funktionieren über das Situative. Ich weiß auch jetzt noch genau, wie es sich nach dem Schlaganfall im Krankenhaus anfühlte, mein Körper, meine Gedanken, meine Gefühle, das alles ist mir sehr nah.

Im Buch schreiben Sie: „Nach all der Aufregung genoss ich die Stille, ja auch die Geborgenheit, die eine Katastrophe auslösen kann, wenn man sich ihr ergibt.“ Hat der Schlaganfall Ihnen also auch positive Momente beschert, die Sie sonst nicht erlebt hätten?

Als die Todesangst weg war, sich die Türchen langsam wieder öffneten und ich merkte, dass es wohl doch gut ausgehen könnte, entstand tatsächlich eine fast sakrale Stimmung, eine Stille, die ich so noch nicht kannte. Das hatte etwas sehr Bewegendes. Es erinnerte mich ein bisschen an einen furchtbaren Hurricane, der über New York zog. Am Tag danach war dort eine unfassbare Stille; das hatte etwas Magisches.

Glauben Sie, dass etwas von dieser Stille in Ihrem Leben bleiben wird?

Ich hoffe sehr, dass ich bestimmte Erkenntnisse mitnehme. Aber der Alltag ist ein gefräßiges Monster, und er frisst ruhige Minuten als Leibspeise. Ich habe einen kleinen Sohn und zwei Töchter, und meistens das Gefühl, dass ununterbrochen etwas los ist – ich fürchte, das mit der Stille wird nicht einfach.
 

Visitenkarte

Mehr als 2,3 Millionen Mal haben sich Joachim Meyerhoffs Bücher inzwischen verkauft. In seinem sechsteiligen Romanzyklus „Alle Toten fliegen hoch“
erzählt der vielfach ausgezeichnete Schauspieler seit 2011 aus seinem Leben. Vor kurzem erschien der fünfte Band „Hamster im hinteren  Stromgebiet“ (Kiepenheuer & Witsch), in dem Meyerhoff davon berichtet, wie er mit seinem Schlaganfall umgegangen ist. Der 53-Jährige war vierzehn Jahre lang Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters und wechselte 2019 zur Berliner Schaubühne.

Das Interview führte der Journalist und Moderator Günter Keil.

 


Foto: © Ingo Pertramer; © DesignRage von www.shutterstock.com

 

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