"Wir machen Technik sicher"

Die TÜV NORD GROUP versteht sich als Wissensunternehmen. Womit beschäftigt sich der TÜV genau? Was sind aktuelle Forschungsgebiete und Arbeitsfelder? Hierüber spricht der Vorstandsvorsitzende Dr. Dirk Stenkamp.

Foto: © TÜV NORD AG

Prof. Dr. Jo Groebel: Herr Dr. Stenkamp, was hat der Chef von TÜV NORD mit Nobelpreisträgern zu tun?

Dr. Dirk Stenkamp: Das mag zunächst erstaunen, steht aber im Zusammenhang mit meiner früheren naturwissenschaftlichen Tätigkeit. Als Physiker habe ich in Bereichen gearbeitet, in denen deutsche Träger dieser höchsten internationalen Forschungsauszeichnung aktiv waren und bis heute sind. So hatte ich die Ehre und das Vergnügen, mit den Professoren Klaus von Klitzing, Peter Grünberg und Stefan Hell zu kooperieren.

Das bringt uns bereits zum Kern dessen, womit sich Ihre Organisation befasst. Der Laie wird zunächst an die Sicherheitsüberprüfung von Kraftfahrzeugen denken.

TÜV NORD ist ein Wissensunternehmen, nicht zuletzt im Dienst der digitalen und technologischen Zukunft. Unsere Rolle ist, dafür zu sorgen, dass neue Technologien sicher, verantwortlich und nachhaltig eingesetzt werden können: Bleiben Algorithmen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz unter Kontrolle? Haben die regelmäßigen Hersteller-Updates der Kraftfahrzeug-Software Auswirkungen auf das Fahrverhalten? Wie können wir unseren Kunden mehr ortsunabhängige Prüfungen anbieten, um Reisekosten und CO2 zu vermeiden? Unsere Aufgabe ist, die Antworten zu entwickeln und die besten Prüfverfahren anzubieten. Dafür investieren wir Jahr für Jahr viele Millionen Euro.

TÜV NORD ist also nur zum Teil mit Fahrzeugsicherheit befasst.

Viele Aufgaben stammen aus ganz anderen Bereichen. Aktuell hat das Unternehmen in der Coronakrise wichtige Beiträge geleistet. Nicht erst durch Covid-19 gehört die Überprüfung von Atemschutzausrüstungen zum Kerngebiet unserer Tochter DMT, ehemals Deutsche Montan Technologie. Sie hat über Jahrzehnte wirkungsvolle Filter für die Schutzmasken der Bergleute unter Tage entwickelt. Auf diese Expertise und die vorhandenen Laborkapazitäten konnten wir in der Corona-Pandemie sofort aufbauen. Die Maske wird dabei auf einen Kopf aus Kunststoff gespannt und mit einer Art künstlicher Lunge verbunden. Dann prüfen wir die Partikel-Durchlässigkeit mit Aerosolen, die mit einer Größe von nur 0,2 Mikrometern für das menschliche Auge unsichtbar sind. FFP2-Masken absorbieren mehr als 94 Prozent der Partikel in der Umgebungsluft. Sie bieten wirkungsvollen Schutz gegen Corona-Aerosole, sofern die Maske abdichtend getragen wird. Die Prüfung und Zertifizierung von Schutzausrüstung und insbesondere Atemschutzmasken gehören heute zu unseren Kernaufgaben.

In Deutschland und Europa sind sie unter anderem durch die CE-Kennzeichnung sichtbar.

Ja, zuverlässige Atemschutzmasken tragen zudem hinter dem CE-Zeichen eine vierstellige Nummer. Diese gibt Auskunft über die Prüfstelle. Die Nutzer können so genau nachvollziehen, wer die Masken geprüft hat.

Aerosole sind während der Krise immer mehr in den Fokus geraten, auch im Zusammenhang mit den Masken. Aber Sie befassen sich ebenso mit Geräten zur Luftreinigung.

Das tun wir nicht nur in Bezug auf Coronaviren. Ein wichtiges Thema bei Klimageräten sind Legionellen. Gerade im Sommer können sie sich in Wasserkreisläufen bilden. Die Gefahr besteht hier im Einatmen von Legionellen-belasteten Aerosolen in Form von Wassertröpfchen, zum Beispiel beim Duschen. Das Trinken von mit Legionellen verseuchtem Wasser ist also gar nicht das primäre Problem, sie werden weitgehend von der Magensäure zerstört. Gesundheitsschädlich ist die Aufnahme über die Lunge beim Atmen.

Die Beispiele zeigen, wie wichtig in Ihrem Fall die Verbindung aus Wissenschaft und Management, aus physikalischer Forschung und Anwendung in der Praxis ist.

Diese Verbindung hat meinen beruflichen Weg von Anfang an gekennzeichnet, ob bei Carl Zeiss, später in der Solarindustrie und jetzt bei TÜV NORD. Über, auf und unter der Erde gibt es kaum einen Bereich, mit dem wir uns nicht in Bezug auf Analyse, Forschung, Bewertung und Sicherheit befassen. All das ist mit unserem Schutzauftrag verbunden: Wir tragen seit jeher dazu bei, dass Technik von Menschen für Menschen beherrschbar bleibt. Jetzt kommt im Zuge der digitalen Vernetzung der Schutzauftrag hinzu, lebenswichtige Infrastrukturen vor der Manipulation oder gar Zerstörung durch Cyberattacken und Hacker zu bewahren. Kurz: Wir müssen heute beides tun. Den Menschen vor Technikgefahren sowie die existenziell notwendige Digitaltechnik vor Angriffen schützen.

Sie verwenden auf Ihrer Website den Sammelbegriff der Ingenieurinnen, nicht etwa der Ingenieure. Dabei waren jedenfalls früher Frauen in dem Metier noch deutlich unterrepräsentiert. Hat sich das bei Ihnen schon geändert?

Der Anteil an Frauen liegt bei uns inzwischen insgesamt bei 30 Prozent, deutlich höher aber zum Beispiel bei der Lebensmittelzertifizierung, niedriger bei Bergbautechnologie oder Mining. Wir wollen mehr Frauen bei uns haben und forcieren dies durch gezielte Maßnahmen. Das fängt nicht erst im Bewerbungsgespräch an. Wir fördern zahlreiche Programme zur Entwicklung der MINT-Fächer in Schulen. Ein Beispiel ist unser Engagement in der Wissensfabrik, einem großen bundesweiten Verbund aus Forschung und Wirtschaft für eine noch bessere Ausbildung in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technologie. Wir versuchen, Mädchen und Frauen stärker an diese Felder heranzuführen und sie zu begeistern. Im TÜV NORD-Vorstand haben wir eine Physikerin. Sie setzt aktiv Impulse, damit wir noch mehr Frauen in unsere technischen Bereiche und auch in Führungspositionen bekommen.

Wie beurteilen Sie generell die Situation der MINT-Ausbildung in Deutschland?

Normalerweise, außerhalb der Coronakrise, reise ich viel und kenne die Gegebenheiten in sehr vielen Regionen dieser Welt. Nicht zuletzt, da wir in rund 100 Ländern aktiv sind. Entgegen der manchmal negativen Einschätzung der Ausbildungssituation in unserem Land sehe ich unser Duales System als Vorbild. Es verbindet praktische Tätigkeit und schulische Bildung. Und wird weltweit kopiert. Auch unsere wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland sind wegweisend, allen voran Organisationen wie die Fraunhofer- oder die Max-Planck-Institute. Das Niveau ist insgesamt sehr hoch, dennoch ist der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften inzwischen größer als das Angebot.

Wie wird der Teamgedanke der verschiedenen Fachkompetenzen bei Ihnen gepflegt und weiterentwickelt?

Ich nehme ein Beispiel: Für das Gelingen der Energiewende wird Wasserstoff in den kommenden Jahren eine entscheidende Rolle spielen. Für einen raschen Markthochlauf braucht es eine sichere, TÜV-geprüfte Wasserstoff-Produktion, eine kompatible Infrastruktur und ambitionierte Leuchtturmprojekte. Drei von sechs Geschäftsbereichen haben bei uns seit Langem damit zu tun. Alle zunächst spezialisiert. Unsere Kunden denken aber nicht fachspezifisch, sie erwarten zu Recht eine Gesamtlösung für ihre spezifische Problemstellung. Wir bilden dafür temporäre Teams und Plattformen und bündeln die Stärken der einzelnen Fachgebiete. Wie bei Wasserstoff entwickeln wir diese Hubs für viele weitere Dienstleistungen konsequent weiter, zum Beispiel für Energiespeichersysteme.

Zu dieser Dynamik passen die Kennzahlen Ihres erfolgreichen Unternehmens: 14.000 Mitarbeiter weltweit. Wie sind sie international verteilt? 

Rund 10.000 Kolleginnen und Kollegen davon arbeiten in Deutschland, und die TÜV NORD Familie wächst stetig weiter.

Bei einem Umsatz von mehr als 1,26 Milliarden Euro. Zu diesem Erfolg gehören neben den genannten Arbeitsstrukturen auch unternehmerische Leitlinien. Diese haben Sie nicht von oben nach unten festgesetzt, sondern als strategische Kernbereiche zusammen entwickelt. Neben IT-Security und Energie bleibt Mobilität ein Schwerpunkt.

In der Mobilität sehen wir in den letzten Jahren die stärksten Veränderungen, und dies wird sich weiter fortsetzen: neue Antriebsformen, E-Motoren, das Auslaufen des Verbrenners, komplett automatisiertes Fahren, Sensorik, cloudbasierte Navigation, digitalisierte Verkehrsleitsysteme. Bei diesen Neuerungen geht es immer um Sicherheit. In Berlin läuft gerade ein Modellversuch zur modernen Verkehrssteuerung über eine 5G-Infrastruktur, ein Schwerpunkt ist die Reduzierung von Fahrtzeit. In der Hauptstadt beträgt der Anteil der Parkplatzsuche 25 Prozent an der Gesamtfahrzeit. Durch intelligente Leitsysteme könnte dieser deutlich reduziert werden.

Da sehnt man sich nach digitalen Lösungen.

All dies hängt zusammen mit drängenden Fragen, wer künftig die anfallenden Fahrzeugdaten sammeln, verwalten und auswerten darf. IT-Security ist eine große Herausforderung. Sind die Bewegungsdaten der Fahrer jederzeit geschützt? Wie kann verhindert werden, dass sich Hacker des gesamten Fahrzeugs bemächtigen? All dies ist heute möglich. Als unabhängige Prüfunternehmen haben wir dafür Lösungen parat. Da sind wir wieder bei unserem Auftrag: Menschen vor Gefahren durch Technik zu schützen und Technik vor Cyberkriminellen und Hackern. Dies gilt mittlerweile für nahezu alle Lebensbereiche.

Und es passt zu Ihrem großen Thema Gateway Big Data, die Nutzung von Datenmengen zur Lösung komplexer unternehmerischer und gesellschaftlicher Herausforderungen.

Das ist in der Tat ein Feld, bei dem wir unsere hohe Expertise auch Politik und Verbänden anbieten. Die Themen müssen in der Öffentlichkeit und den Entscheidungsinstanzen noch präsenter werden. Nehmen wir die digitalen Schnittstellen bei modernen Kraftfahrzeugen als Beispiel. Auch kleinere Unternehmen und Startups sollten an diesen Daten teilhaben, um innovative Ideen und eigene Geschäftsmodelle verwirklichen zu können.

Meine Assoziation ist unter anderem Open Innovation …

... mit dem Fahrzeug als Datengenerator. Die Datenflüsse müssen einerseits für viele offengehalten werden, andererseits muss ihre Sicherheit immer gewährleistet sein. Deshalb ist eine maßvolle Regulierung unserer Meinung nach notwendig, dazu haben wir Konzepte entwickelt und der Politik vorgestellt.

Eines der wichtigsten Zukunftsthemen überhaupt. Und eine zentrale Rolle für den BVMW.

Absolut. Als TÜV-Verband unterstützen wir Konzepte, die dem Mittelstand und Startups Zugang zu Fahrzeugdaten ermöglichen. Für viele Unternehmen in Deutschland ist das für ihre Zukunftsfähigkeit von entscheidender Bedeutung. Deswegen freuen wir uns, dass sich auch der BVMW dafür starkmacht.

Auch dies passt zu den von Ihnen formulierten Kernprinzipien und Visionen. Dazu gehören Sicherheit und Erfolg durch Wissen, technologische Intelligenz und Exzellenz sowie der Fokus auf Kunden und Partner. All dies ist zukunftsgerichtet, ergibt sich aber auch aus der Geschichte des Unternehmens.

Wir haben vor über 150 Jahren begonnen, Dampfkessel zu überwachen. Mit den industriellen Revolutionen und deren technologischen Anforderungen konnten wir unser Wissen ständig erweitern. Heute befassen wir uns in einem Geschäftsbereich intensiv mit Raumfahrt- und Satellitentechnik. Teile des NASA-Mars Rovers, der zurzeit den Planeten Mars erkundet, wurden von unserer spanischen Tochterfirma ALTER TECHNOLOGY getestet. Auch deswegen verfolgen wir gespannt den Verlauf dieser Mission.

Ihr eigener Lebenslauf müsste mindestens noch einmal den gleichen Raum einnehmen. Gleichermaßen geprägt durch Führungspositionen in der Wissenschaft wie in der Wirtschaft, ob im Silicon Valley als Forscher oder als Gastprofessor an der Shanghai Maritime University, ob als Bereichsvorstand bei Carl Zeiss oder bei einem börsennotierten Unternehmen der Photovoltaik. Hinzu kommen viele Ehrenämter in Lenkungskreisen und Kommissionen. Bleibt da eigentlich noch Zeit für echte Entspannung?

Am besten entspanne ich mich durch Konzentration auf Dinge, für die ich eine Leidenschaft empfinde. Dazu gehört seit 50 Jahren der Modellflug, in jüngerer Zeit auch das Autofahren in anspruchsvollem Terrain. Beides erfordert eine gute mentale und körperliche Kondition, das Training dafür hält einen fit.

Ein sehr inspirierendes und informatives Gespräch. Ich danke Ihnen sehr.

 

Das Gespräch führte der Medienexperte Prof. Dr. Jo Groebel

VITA

Dr. Dirk Stenkamp, geboren 1962, ist seit Januar 2017 Vorsitzender des Vorstands der TÜV NORD AG. Er promovierte 1994 in Physik und forschte in mehreren wissenschaftlichen Positionen, unter anderem in den Lawrence Berkeley Laboratories, USA. Nach weiteren beruflichen Erfahrungen, unter anderem als Mitglied des Vorstands der Carl Zeiss SMT AG und Mitglied des Vorstands und Chief Operating Officer bei der centrotherm photovoltaics AG, wechselte Stenkamp 2013 in den Vorstand der TÜV NORD AG. Seit Mai 2020 ist er Vorsitzender des Präsidiums des TÜV-Verbandes und seit Januar 2021 im Präsidium des BDI vertreten. Stenkamp ist unter anderem Mitglied im Präsidium des Deutschen Instituts für Normung, im Kuratorium des Fraunhofer-Instituts für Keramische Technologien und Systeme sowie im Verwaltungsrat der British Chamber of Commerce in Germany e. V.

TÜV NORD AG

Rechtsform: AG
Gründung: 1869, Hamburg
Sitz: Hannover
Vorstand: Dr. Dirk Stenkamp (Vorsitzender), Jürgen Himmelsbach (Finanzen), Dr. Astrid Petersen (Personal und Arbeitsdirektorin)
Mitarbeiter: 14.182 (Stand Dezember 2020)
Umsatz: 1.265,6 Millionen Euro (2020)
Branche: Technische Dienstleistungen
Produkte: TICCET: Testing, Inspection, Certification, Consulting, Engineering, Training
Webseite: www.tuev-nord-group.com

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