Das große Ziel: Impact-Kapitalismus

Startups wollen die Welt mit ihren digitalen Ideen ein wenig klimagerechter und nachhaltiger machen. Doch auch der Druck auf traditionelle Unternehmen steigt, denn die besten Fachkräfte fragen nach Klimaschutz und Purpose.

grüne brille neben laptop
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Wie nachhaltig ist mein Unternehmen? Auf diese Frage suchte Anna Alex eine Antwort. Die Gründerin des Personal-Shopping-Services Outfittery wollte den CO2-Fußabdruck ihres Unternehmens messen. „Ich habe festgestellt, dass das nicht so einfach ist.“ Und weil Alex darin eine Marktlücke erkannte, gründete sie Planetly. „Wir machen Klimaschutz einfach für Unternehmen. Wir ermöglichen ihnen, ihren CO2-Fußabdruck zu verstehen, die richtigen Hebel zur CO2-Reduktion zu identifizieren und all das auszugleichen, was nicht reduziert werden kann“, erklärt sie das Geschäftsmodell. Bei all dem hilft eine Software.

Arbeit erleichtern

Christophe Hocquet hat ebenfalls einen „Need“ erkannt. Er will Unternehmen helfen, nachhaltiger zu werden. Und auch er hat dazu ein Tech-Startup gegründet. Natif.ai will mit Künstlicher Intelligenz Firmen dabei unterstützen, sich zu automatisieren – und zwar bei der Dokumentenverarbeitung und -verwaltung. „Da ist ein riesiger Bedarf. Wir werden heute überflutet von E-Mails, PDFs & Co. Wir können das ganz schlecht verarbeiten. Menschen erledigen damit jeden Tag wiederkehrende, nervige Tätigkeiten, bei denen man nur Fehler begehen kann. Wir wollen mit unserer Arbeit diesen Menschen Raum für andere Aufgaben geben und die Fehlerquote auf null bringen“, sagt Hocquet. Sein Ziel: das papierlose Unternehmen.

Klimaschutz und Profit – geht das?

Planetly und Natif.ai: Zwei Startups, zweimal Nachhaltigkeit, zweimal wird dieses Ziel durch eine digitale Lösung erreicht. Für Hocquet ist das kein Zufall: „Der Chef des US-Softwarekonzerns Palantir hat vor Kurzem zwei Dinge gesagt: Erstens gibt es nur zwei Länder, die Software können – die Vereinigten Staaten und Deutschland. Und zweitens wird die Disruption von kleinen Teams ausgehen. Sehr begabte kleine Mannschaften können schneller bessere Software entwickeln als Konzerne.“ Zudem haben Startups einen größeren Willen zur Veränderung, meint Fabian Heilemann, Partner bei Earlybird, einer der führenden europäischen Venture-Capital-Firmen. Ihn beeindruckt die Einstellung, mit der viele junge Gründer an die Sache herangehen. „Ich würde sagen, etwa die Hälfte von ihnen denkt von vornherein mittlerweile die Frage mit: Welche auf die Gesellschaft oder Umwelt bezogenen Leistungsfaktoren will ich in die Erfolgsgleichung meines Unternehmens aufnehmen?“, so Heilemann. Vor diesem Hintergrund sagt Fabian Kienbaum, CEO der Beratung Kienbaum Consultants International: „Der Zeitgeist ändert sich.“ Das zeigt sich bei Alex, die das Geschäftsmodell von Planetly als „Purpose for profit“ beschreibt. Die Geschäftswelt klimaneutral gestalten – aber mit Profitorientierung: „Wir brauchen Purpose und Skalierbarkeit. Und: Ein Thema groß zu machen fällt eindeutig leichter, wenn man nicht wie Non-Profit-Organisationen jeden Euro fünfmal umdrehen muss.“

Eine neue Form des Kapitalismus

Auch fernab der Startup-Szene Unternehmen zu motivieren, sich Richtung Nachhaltigkeit zu entwickeln – das ist Heilemann wichtig: „Was mich als Investor und als Unternehmer umtreibt, ist die Idee der Weiterentwicklung des Finanzkapitalismus hin zu einem Impact-Kapitalismus. Das Unternehmen ist nicht nur dazu da, den Profit zu maximieren, sondern es muss Gesellschaft und Umwelt ernsthaft als Stakeholder anerkennen. Venture-Capital ist das Instrument, das ich beherrsche und einsetze, um diese Transformation voranzutreiben – einerseits dadurch, wie wir Kapital verteilen, andererseits dadurch, dass wir unsere Stimme in der Öffentlichkeit nutzen, um Investoren und Unternehmer in diesem Sinne zu beeinflussen.“ Klimaneutral zu werden – das lohne sich für Unternehmen, ist Alex überzeugt. Ursprünglich ging sie davon aus, dass viele Firmen damit ihre Marke aufwerten wollten. „Doch die Arbeitgebermarke ist die Motivation Nummer eins für alle Unternehmen, die mit uns zusammengearbeitet haben.“ Tatsächlich würden 70 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein Unternehmen bevorzugen, das eine Klimaschutzstrategie hat. Damit sei Nachhaltigkeit zum Geschäft geworden. „Wir sind nicht darauf angewiesen, dass in den Vorständen Menschen sitzen, die plötzlich morgens aufwachen und wahnsinnig intrinsisch motiviert sind, das Klima zu schützen. Es gibt eine extrinsische Motivation und rationale Gründe für Unternehmen, sich in diese Richtung zu bewegen“, so Alex.

Einer der rund 60 bisherigen Kunden von Planetly ist Kienbaum Consultants International. Auch hier gibt es gute Gründe, den Weg Richtung Klimaneutralität einzuschlagen – die Stärkung der Arbeitgebermarke ist einer davon. Wichtig sind aus Kienbaums Sicht vor allem zwei Bedingungen, die sich alle Unternehmer zum Beispiel nehmen sollten, wenn sie sich mit Nachhaltigkeit befassen:

● „Die Versprechen, die man nach außen abgibt, werden hoffentlich aus Überzeugung wirklich in der Organisation gelebt."

● "Wenn man sich des Themas Nachhaltigkeit annimmt, dann bitte aufrichtig. Ist man dafür eigentlich noch nicht bereit, sollte man das lieber klar sagen, statt sich der Aufgabe eher verhalten zu nähern.“

Auch wenn Kienbaum Alex recht gibt, dass sich Klimaschutz auszahlt, glaubt er dennoch, dass man einen langen Atem haben muss: „Nachhaltigkeitsinitiativen mögen sich in Jahr eins und zwei gegebenenfalls negativ auf die Profitabilität auswirken. Auf lange Sicht zahlen sie sich aber aus – sowohl unternehmerisch als auch gesellschaftlich.“

 

Madeline Sieland
Redaktionsleitung DUP UNTERNEHMER
www.dup-magazin.de

Gut zu wissen

Mehr im Video

Anna Alex, Fabian Heilemann und Christophe Hocquet waren zu Gast bei „CEO TALK: #WePowerment“, dem Videocast von Kienbaum und DUP UNTERNEHMER. Regelmäßig sprechen Fabian Kienbaum und DUP-Verleger Jens de Buhr mit Experten über moderne Leadershipkonzepte, die digitale und die Klimatransformation.

Sehen Sie alle Talks unter

DUP-magazin.de/#wepowerment-kienbaum

Der Beitrag von Madeline Sieland erschien im Magazin „DUP UNTERNEHMER“, Ausgabe April 2021.

Das DUP Unternehmer-Magazin („Deutsche Unternehmer Plattform“) hat eine Auflage von mehr als 270.000 Exemplaren. Der Schwerpunkt liegt auf den Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Die Plattform bietet eine Unternehmens-, Insolvenz-, Franchise- und Beraterbörse. Weitere Information unter www.dup-magazin.de

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