Managerhaftung in der Krise

Aktuell bestehen für zwei von drei Geschäftsführern erhebliche persönliche Haftungsrisiken wegen verspäteter Insolvenzantragsstellungen in der Coronakrise.

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Ralf Venema, Director Turnaround Management von der Perpetuo GmbH aus Dortmund, spricht im Interview über den Ernst der Lage.

DER Mittelstand.: Ist es übertrieben zu sagen, dass sich zwei von drei Geschäftsführern wegen verspäteter Insolvenzantragsstellungen in der persönlichen Haftung befinden?

Ralf Venema: Zugegeben, dies ist eine provokante These. Im Übrigen kann derzeit niemand genau sagen, wie hoch der Anteil der Betroffenen tatsächlich ist. Nachvollziehbar ist jedoch, dass die wegen Corona ausgesetzte Pflicht zur Insolvenzanmeldung Zombieunternehmen hervorbringt. Creditreform schätzt ihre Zahl auf 550.000.

Was hat sich hinsichtlich der Zahlungsunfähigkeit verändert?

Grundsätzlich gilt, dass der Geschäftsführer einer juristischen Person bei Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung einen Insolvenzantrag stellen muss. Vor dem Hintergrund der coronabedingten Beschränkungen hat die Bundesregierung zur Abwendung einer Insolvenzwelle im März 2020 die Insolvenzantragspflicht zunächst bis zum 30. September 2020 ausgesetzt; dies wurde dann in Bezug auf den Überschuldungstatbestand aufgrund verzögerter Auszahlungen von November-/Dezemberhilfen erneut bis Ende April 2021 verlängert. Eine weitere Verlängerung bis Ende 2021 ist geplant. Jeder Geschäftsführer sollte eine Insolvenzantragspflicht genau prüfen. Rechtssicherheit gewährt die vorübergehende Aussetzung nicht.

Inwiefern haften Unternehmenslenker im Fall einer Insolvenz?

Fakt ist, dass Leitungsorgane grundsätzlich mit ihrem Privatvermögen für Zahlungen nach Eintritt der Insolvenzreife haften. Die Haftung tritt auch dann ein, wenn die Verantwortlichen die Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung vermeintlich oder fahrlässig verkannt haben. Wenn der Insolvenzverwalter feststellt, dass der Zeitpunkt der Insolvenzreife wesentlich vor dem Zeitpunkt der Antragstellung liegt, und dies hätte erkannt werden können oder müssen, kann der Unternehmenslenker für die Zahlungen in Regress genommen werden. Darüber hinaus hat es auch strafrechtliche Folgen, wenn der Insolvenzantrag nicht rechtzeitig gestellt wird.

Was sollten Unternehmensvertreter jetzt konkret tun?

Das Werkzeug für eine nachhaltige Rettung heißt: sanieren statt liquidieren. Der Sanierungsprozess ist dabei für alle Beteiligten planbar, transparent und kostengünstig. Das neue Gesetz über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen (StaRUG) soll Unternehmen in der Krise ab Eintritt der drohenden Zahlungsunfähigkeit erstmals einen gesetzlich geschützten Rahmen bieten, in dem sie sich finanzwirtschaftlich ohne gerichtliches Insolvenzverfahren sanieren können. Grundsätzlich sollte jeder Geschäftsführer sein persönliches Risiko und mögliche Insolvenzgründe regelmäßig prüfen beziehungsweise gesunde Sanierungsmaßnahmen festlegen.

 

Das Interview führte Klaus Goczol.

Gut zu wissen

StaRUG regelt den Ablauf einer Sanierungsmaßnahme. Dazu zählen:

■ Krisenfrüherkennung und Krisenmanagement

■ Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen

■ Sanierungsmoderation

■ Frühwarnsysteme

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