„Wir sind überall zu wenig“

Politik trifft Wirtschaft: BVMW-Mitglieder im Gespräch mit Politikern zu Ausbildung und Fachkräftemangel sowie Challenge und Lösungsansätzen

Fachkräfte sichern Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Beschäftigung, Wohlstand und Lebensqualität. Angesichts der demografischen Entwicklung ist die Sicherung des Fachkräftebedarfs eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte für alle Akteure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Wie diese Herausforderungen gemeistert werden könnten, darüber unterhielten sich zahlreiche Vertreter aus der Politik und dem regionalen Mittelstand anlässlich einer Zusammenkunft, zu der Malu Schäfer, Repräsentantin des BVMW Region Wetterau, eingeladen hatte. Gastgeber dieser Veranstaltung war BVMW-Mitglied etimark in Florstadt. Zu Beginn der Veranstaltung lud Geschäftsführer Michael Unger zu einem kurzen Rundgang durch die hauseigene Etiketten-Produktion ein. Hauptthemen des anschließenden Vortrags von Jörn Reichel (RB Solutions, Ortenberg) und der gemeinsamen Diskussionsrunde waren die besonderen Herausforderungen, denen mittelständische Unternehmen aktuell im Bereich „Ausbildung und Fachkräftemangel“ gegenüberstehen. So wird es insbesondere im Bereich Produktion und Handwerk zunehmend schwerer; offene Stellen und Ausbildungsplätze zu besetzen. Das Ausbildungsangebot schrumpfe, es gebe zunehmend Abiturienten, die an einer Ausbildung wenig Interesse zeigten. Es sei denn, sie können die Firmen als Sprungbrett benutzen. Die Wirtschaft brauche aber Leute im produktiven Bereich. Als Gründe für diese Entwicklung wurden besonders der demografische Wandel und die fehlende gesellschaftliche Wertschätzung von Ausbildungsberufen herausgestellt. Unger sieht die Zukunft in der Mitarbeiterentwicklung im eigenen Betrieb. Der Nachwuchs müsse aus den eigenen Reihen kommen. Reichel bemängelte, dass – Stichwort Digitalisierung – die Ausbildung an Technikerschulen nicht mehr aktuell sei. Im Grunde müsse man den Lehrplan ändern, was auf die Schnelle nicht umzusetzen ist. „Wir haben künftig weniger Menschen im Arbeitsbetrieb, auf deren Schultern die Arbeit verteilt werden muss“, hat Jörg-Uwe Hahn als Grundproblem erkannt.

Seitens der Politik waren Kathrin Anders (Die Grünen, MdL), Lisa Gnadl (SPD, MdL), Jörg-Uwe Hahn (FDP Hessen), Peter Heidt (FDP, MdB) und Matthias Walther (CDU) anwesend. Komplettiert wurde die Runde durch Elke Ehlen von der IHK Gießen-Friedberg, Bernd-Uwe Domes von der Wirtschaftsförderung, Sebastian Dieckhoff vom Teichhaus Bad Nauheim sowie Isabel Salecker von Vorreiter-Reitsport in Friedberg.

Die Runde diskutierte verschiedene interessante Lösungsansätze, wie zum Beispiel die Teilnahme an Ausbildungsmessen, Speed-Datings für Studienabbrecher, interne Umschulungs- und Qualifizierungsangebote, Teilzeit- und Nebenjobangebote, länderübergreifende Ausbildungskampagnen und der weitere Ausbau der unternehmensinternen Digitalisierung. „Aber der demografische Wandel ist nicht rückgängig zu machen. Die ohnehin schwierige Fachkräftegewinnung ist durch die Corona-Pandemie zusätzlich komplizierter geworden. Deshalb hat die Landesregierung insgesamt 18,6 Millionen Euro zur Unterstützung von Ausbildungssuchenden und Azubis bereit gestellt“, stellte Kathrin Anders fest. „Es war sehr gut, im Gegensatz zu sonst üblichen Unternehmensbesuchen, stattdessen einmal mit mehreren Unternehmern an einem Thema zu diskutieren und in die Tiefe zu gehen“, brachte es Lisa Gnadl auf den Punkt. Die angeregte Diskussion über verschiede Möglichkeiten und Wege soll im kommenden Jahr fortgesetzt werden.


(Text und Bild Annette Windus, Redaktionsbüro Wortschatz)