Medizintourismus „Made in Germany“

Die Russen sind bereit, viel Geld für gute medizinische Behandlung in die Hand zu nehmen. Lohnt sich deshalb die Lokalisierung deutscher Klinik-Modelle und des medizinisch-therapeutischen Know-how in Russland?

Krankenschwester der Moskauer Privatklinik K+31 City, April 2020 / imago images / ITAR-TASS

Die mittlerweile gut verdienende russische Mittelschicht ist es gewohnt, für viele medizinische Dienstleistungen und Behandlungen selbst zu bezahlen. Erleichtert wird das im eigenen Land durch eine freiwillige Zusatzkrankenversicherung, DMS genannt, die je nach Police diverse Leistungen abdeckt. In der Regel kommt das alles dem Geschäft der vielen russischen Privatkliniken zugute, die seit Jahren erfolgreich am Markt agieren. Andererseits führt das Bezahlsystem auch zur Bereitschaft der Patienten, sich im Ausland kostenpflichtig behandeln zu lassen, Therapien anzutreten oder einfach Vorsorgemaßnahmen in Sanatorien oder medizinisch orientierten Wellnesszentren zu buchen. 

Das Interesse der russischen Gesundheitstouristen erstreckt sich auf ganz Europa, ob Sanatorien im Baltikum, Thermalquellen in Tschechien oder Spezialbehandlungen in Deutschland und Österreich. Auch Südeuropa, u. a. Italien, steht mit auf der Wunschliste vieler Patienten. 

Der Markt für medizinische Dienstleistungen ist in der EU stark reguliert und kontrolliert. Für EU-Bürger gilt das Prinzip der Krankenversicherung. Darüber hinaus sind länderspezifisch diverse kostenpflichtige medizinische Dienstleistungen im Angebot. Grundsätzlich ist eine Behandlung von Nicht-EU-Ausländern in der EU und damit auch in Deutschland möglich. Allerdings sind (noch) nicht alle niedergelassenen Ärzte und Kliniken dazu bereit, was sicher nicht allein an den Sprachbarrieren liegt. 

Die Auswahl der möglichen Anbieter, wie Fachärzte, Kliniken und Krankenhäuser, kann schon über lokale Databases in den jeweiligen EU-Ländern per Internet abgefragt werden. 

Marketing noch ausbaufähig

Mittlerweile haben einige Länder diesen Gesundheitsmarkt für sich entdeckt und sehr gute lokale Angebote aufgebaut. Das reicht von Angeboten zur Beratung für die richtige Arztwahl, Übersetzungsdienstleistungen, Anbahnung der Kontakte zu den medizinischen Einrichtungen, Reiseplanung und -abwicklung, Unterbringung und Betreuung bis zu touristischen Rahmenprogrammen. Die Erschließung dieses Marktpotenzials ist bei Weitem noch nicht ausgereizt. Eine gezielte Ansprache und Marketing in Russland und weiteren osteuropäischen Ländern ist noch ausbaufähig. Das EU-Recht bietet außerdem einen entsprechenden Rahmen für die Patientenrechte, wozu u. a. Einsicht in die Krankenakte und die Möglichkeit für Beschwerden bei Behandlungsfehlern gehören. Das wiederum könnte im Rahmen von Marketing-Kampagnen als Qualitätsmerkmal sehr gut mitbeworben werden.

In Zeiten der Pandemie und des derzeit schwachen Rubels ist dieses medizin-touristische Geschäft leider stark eingeschränkt. Da der interessierte russische Tourist und Patient trotzdem bereit ist, für eine gute Behandlung Geld in die Hand zu nehmen, stellt sich die Frage nach der Lokalisierung deutscher Klinik-Modelle und medizinisch-therapeutischen Know-how in Russland. Neben den bestehenden und geplanten Clustern für Medizin bieten sich hier vor allem die ausgewiesenen Tourismus-Cluster in ganz Russland für eine Ansiedlung oder Kooperationen zum Ausbau der Möglichkeiten vor Ort an.

Derzeit beschränkt sich das Angebot in touristisch attraktiven Orten zu oft nur auf Sauna und Massagen in schicken und modernen SPA-Zentren. Auch für Lieferanten von erforderlichen medizintechnischen oder therapeutischen Ausrüstungen im weitesten Sinne ergeben sich zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten, Services und Schulungen bzw. Ausbildung eingeschlossen.

Thoralf Rassmann

 

Dieser Artikel ist erstmals in der Ausgabe 21-2020 des e-Magazines RusslandInsider erschienen.