Russland sagt Gehältern im Briefumschlag den Kampf an

Nach offiziellen Angaben erhalten rund 30 bis 40 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung Russlands ein sogenanntes graues Einkommen. Das soll sich jetzt ändern.

Foto: IMAGO / ITAR-TASS (Gavriil Grigorov)

Als „graues Gehalt“ wird in Russland der Teil des Gesamtlohns bezeichnet, der an den Steuerbehörden vorbeifließt. In Zeiten der Krise schwillt dieser Strom mächtig an. Laut dem russischen Föderationsrat beträgt das jährliche Volumen der inoffiziellen Löhne derzeit rund zehn Billionen Rubel. Russische Medien berichten, dass immer mehr Unternehmen bereit seien, einen großen Teil der Gehälter in einem Kuvert an ihre Mitarbeiter zu übergeben.

Viele Arbeitnehmer werden sich darauf einlassen. Ob sie wollen oder nicht. In der Corona-Krise sind viele erst einmal daran interessiert, überhaupt eine Arbeitsstelle und ein Einkommen zu haben. Die Zahl der Arbeitslosen nahm in den letzten Monaten spürbar zu und damit auch die Angst der Übrigen, dass es auch sie treffen wird.

Für den russischen Staat ist die mangelnde Steuermoral bereits ein traditionelles Dilemma. Bereits in den 1990er-Jahren hatte die Schattenwirtschaft einen maßgeblichen Anteil des Geldflusses ausgemacht. Damals wie heute fließen 30 bis 40 Prozent aller Einkünfte der Russen inoffiziell. Allerdings will eine neue Gesetzesinitiative diese Zahlungen jetzt härter bestrafen und die Unternehmen so zur Zahlung von Steuern zwingen. Bisher gilt eine Obergrenze von 100.000 Rubel (rund 1.000 Euro), die als Vergütung in einem Briefumschlag unbestraft den Besitzer wechseln darf. Geht es nach dem russischen Föderationsrat, werden „graue“ Gehälter demnächst aber nach dem Strafgesetzbuch verfolgt. Bis zu zwei Jahre Haft sollen dann drohen. Und zwar nicht nur den Chefs der Unternehmen, sondern auch den Empfängern der Zahlungen.

Experten sind allerdings skeptisch. Sollten die grauen Zahlungen tatsächlich strafrechtlich verfolgt werden, könnte es für zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen den Bankrott bedeuten. „Einige Unternehmen machen vielleicht gleich zu oder fangen an sich zu verkleinern. Andere könnten zum Beispiel anfangen, am Urlaub der Mitarbeiter zu sparen. Und wiederum andere werden weiterhin `graue` Gehälter zahlen“, erklärt Ex-Wirtschaftsminister und Wirtschaftsexperte Andrey Nechaev im Interview mit dem Nachrichtenportal „sobesednik.ru“. Die Geschäftswelt arbeite nicht mit Verlust.

 

Dieser Artikel ist erstmals in der Ausgabe 09-2021 des e-Magazines RusslandInsider erschienen.