Corona wirbelt den russischen Arbeitsmarkt

Für die Personalwirtschaft waren die letzten 24 Monate ein Segen. Die Corona-Pandemie hat den russischen Arbeitsmarkt kräftig durcheinandergewirbelt.

Foto: Michael Germershausen

Noch vor einigen Jahren verliefen Vertragsverhandlungen zur Auswahl eines Recruiting-Partners nach dem Schema: Wie teuer ist die Dienstleistung und wie viele Büros haben sie in der GUS-Region? Mit „nur“ fünf Niederlassungen von Sankt Petersburg über Moskau, Kiew bis nach Taschkent und Almaty  war oft die Schlussfolgerung: Leider hat man nicht genügend Präsenz vor Ort. Wir brauchen einen Partner mit mehr Vertretungen.

Mittlerweile erinnern sich immer weniger Experten an solche Verhandlungen. 70 Prozent der über 5.000 befragten Mitarbeiter in russischen und internationalen Firmen in Russland gaben im Mai 2021 an, dass sie schon mal ein Online-Interview hatten. Viele Manager haben mittlerweile Erfahrung mit der Einstellung von Kandidaten, die sie nie persönlich gesehen haben. Auch die Kündigung online geht heutzutage reibungslos.

Bei mehr als der Hälfte der befragten Arbeitgeber sind jetzt hybride Office-Formate eingeführt. 75 Prozent der weiblichen Bewerber und immerhin noch 60 Prozent ihrer männlichen Kollegen sehen die Möglichkeit, auch von zu Hause arbeiten zu können, als einen wichtigen Vorteil ihres jetzigen Arbeitgebers an. Nur noch ein Fünftel besteht darauf, ausschließlich im Büro zu arbeiten.

Nach vielen Monaten im Homeoffice gibt es aber auch viele weitere Veränderungen am Arbeitsmarkt zu beobachten. So ist der Anteil der Mitarbeiter, der aktiv nach einem Job sucht, gesunken. Gleichzeitig sind aber mehr Arbeitnehmer bereit, bei einem interessanten Angebot ein Gespräch mit dem Headhunter zu führen. Fast ein Drittel sind sogar bereit, zur direkten Konkurrenz zu wechseln. Sogenannte Wettbewerbsklauseln in Arbeitsverträgen sind in Russland nicht durchsetzbar und mit nur zwei Wochen Kündigungsfrist kann das ziemlich problematisch werden. Bei der Suche nach einer neuen Stelle geben immer weniger Kandidaten an, sich auf Jobboards zu beschränken. Seit Anfang 2021 hat das größte Jobboard in Russland sogar Einschränkungen für Arbeitgeber eingeführt, sodass Arbeitssuchende auf Alternativen zurückgreifen müssen, wenn sie möglichst einfach von potenziellen Arbeitgebern gefunden werden wollen.

Viele Mitarbeiter träumen davon, mal was anderes zu machen und zum Beispiel den Sektor oder die Position zu wechseln. So bietet zum Beispiel eine NGO an, für zwei Jahre die Regionen zu wechseln und dort als Lehrer zu arbeiten. Leider sind sehr viel weniger Arbeitgeber bereit, Kandidaten einzustellen, die aus einer anderen Branche stammen bzw. Erfahrungen aus einem anderen Job mitbringen. Nur 34 Prozent der befragten Arbeitgeber sind bereit, sich solche Kandidaten anzuschauen.

Im Bereich HR ist im Moment die Position eines sogenannten Comp & Ben Experten sehr gefragt. Diese Funktion ist dafür verantwortlich, dass der Arbeitgeber fair und marktgerecht bezahlt. Nach vielen Monaten der Pandemie, bestellen viele dieser Comp & Ben gerade Lohn- und Gehaltsstudien bei den Personalberatern.

Im Jahr 2021 haben mehr als 50 Prozent der befragten Angestellten angegeben, dass ihr Gehalt erhöht wurde. Im Schnitt erhielten die Mitarbeiter dabei zwischen vier und sechs Prozent mehr Geld. Auch Boni werden wieder gezahlt. Darüber hinaus ist zu beobachten, dass sich die Lohnnebenleistungen langsam ändern. Die Mitarbeiter wollen zum Beispiel flexiblere Arbeitszeiten oder Unterstützung bei der Bezahlung der Krankenversicherung für Familienmitglieder. Vor allen Dingen für Mitarbeiter unter 30 ist zudem sehr wichtig, dass die Firma Möglichkeiten zum Homeoffice anbietet.

Die große Nachfrage nach IT-Personal ist für Headhunter derzeit die größte Herausforderung. In Zeiten von Homeoffice konkurrieren russische Arbeitgeber dabei mit Firmen, die nicht einmal in Russland präsent sind und ihre Mitarbeiter permanent von zu Hause aus arbeiten lassen können.

Es bleibt also spannend.

Michael Germershausen
Managing Partner Russia and CIS, Antal

 

Dieser Artikel ist erstmals in der Ausgabe 14-2021 des e-Magazines RusslandInsider erschienen.