porträt friederike müller-friemauth

Interview mit
Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth

Co-Gründerin von Denken auf Vorrat


● Wie sind Sie dazu gekommen, Unternehmerin zu werden?

Wie bei anderen auch, gab es für diese Entscheidung mehrere Gründe. Bei mir waren das vor allem Berufserfahrungen und damit zusammenhängende Ärgernisse. Ich war mehrere Jahre in der Corporate Foresight eines deutschen Automobilkonzerns tätig. Die Lernkurve: Zukunfts-Know-how in solchen Kontexten ist konzernlastig, schwergängig, langwierig, oft komplex, häufig ein Fachdiskurs für Spezialfragen. Aus meiner Zeit an einem Markt- und Sozialforschungsinstitut, wo ich Trendforschung geleitet habe, kam etwas Entscheidendes hinzu: Zukunftsforschung geht auch empirisch! Wir verfügen über gute Anhaltspunkte für das, was kommt. Und: Niemals Trends von Irgendwoher einfach aufnehmen! Andere Kulturen denken anders als wir. US-Amerikaner bestücken damit ihren American Dream, China eine Diktatur des 21. Jahrhunderts. Was wollen wir Europäer aus den heutigen Möglichkeiten machen? Beides zusammen führte dann zur Entscheidung, solche Fragen selbst zu bearbeiten.

● Wenn Sie in der Zeit zurückgehen könnten, würden Sie den selben Weg nochmal gehen?

Ja, aber viel schneller. Ich reihe mich ein in die lange Schlange von Menschen vor mir, die bestätigen: Ich hätte schon viel früher diese Weggabelung einschlagen sollen. Bei mir lag das weniger an Vorbildern, geeigneten Situationen oder einem Mangel an »Traute«, sondern an etwas scheinbar ganz Simplem: einer fehlenden Klarheit im Urteil. Wenn wir einen Missstand sehen, dann behebt ihn vielleicht kein anderer, wenn wir das nicht selbst tun. Dieses Bewusstsein ist ausschlaggebend und fehlt hierzulande völlig. Viele haben sich angewöhnt, genau das Gegenteil zu glauben („auf mich kommt’s nicht an – wenn ich es nicht tu, tut’s halt ein anderer. Jeder ist ersetzbar“). Nein! Dann tut es niemand!

● Welche Entscheidung würden Sie für sich als die Wegweisendste bezeichnen oder auch die, aus der Sie am meisten gelernt haben?

Auch hier: Viele antworten ähnlich. Eingeleitet hat meinen Sinneswandel eine Rückkehr zu meinen wissenschaftlichen Wurzeln, eine „back to the roots“-Intuition. Wenn wir das tun, was unseres Tuns ist, folgt der Rest fast von selbst. Ich habe zwischendrin angefangen, wieder den Kontakt zu Hochschulen zu suchen. Diese Entscheidung stellte sich erst viel später als wegweisend heraus. Auch heute noch bin ich Teilzeit an einer Hochschule tätig. Es war auch und in hohem Maße diese strategische Forschungsflanke zu dem, was mein Mann und ich unternehmerisch praktizieren, die zu meinem heutigen Lebensentwurf geführt hat.

● Womit beschäftigen Sie sich derzeit besonders intensiv?

Mit den Auswirkungen der Pandemie. Dass die lediglich in mehr Homeoffice, Digitalisierung und Online-Handel bestehen, ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern auch nicht zu wünschen – und ein satter blinder Fleck. Aus Krisen gehen Menschen anders heraus als sie reingegangen sind. Man kann das tabuisieren, aber das hilft uns auch nicht weiter. Was bedeutet Corona für unsere Wirtschaft und Gesellschaft? Die Rede vom „New Normal“ verdeckt mehr, als sie hilft. Ist es tatsächlich klug, einfach mit den gleichen Themen weiterzumachen wie vor der Pandemie, Motto »Jetzt erst recht«? Ich bin der Ansicht, dass sich eine Menge verändern muss, und zwar intern, bei Führung und Kommunikation.

● Welche Botschaft möchten Sie anderen UnternehmerInnen mitgeben?

Höchstens subjektive Erfahrungen. Wenn man zum Beispiel erst einmal verstanden hat, dass alles, was man macht, Bälle im eigenen Lebensspiel sind, sieht man plötzlich die Verbindungen dazwischen. Sonst sieht man nur die Einzelteile, die scheinbar volles Licht und Aufmerksamkeit beanspruchen. Aber das sollten sie nicht bekommen: Aller Helligkeit wert ist das, was aus allem zusammen herauskommen kann!

● Was schätzen Sie am Verband Der Mittelstand. BVMW besonders?

Die Netzwerkkultur, Betriebsamkeit an der Basis, unbürokratische Kommunikation, kurze Wege. Es passiert eine Menge. Wer Impulse will, bekommt sie.

Infos zur Person/ zum Unternehmen

Friederike Müller-Friemauth ist Co-Gründerin von Denken auf Vorrat, einer Agentur für angewandte ökonomische Zukunftsforschung. Als Educator schreibt sie Bücher, hält Keynotes zur künftigen Arbeitswelt und leitet live und online Fort- und Ausbildungen zu Innovation und agiler Führung. An der FOM Hochschule in Köln hat sie eine Professur für Innovationsmanagement inne.

Zusammen mit Rainer Kühn (Ehemann) hat sie 2012 gegründet. Das Unternehmen arbeitet im Netzwerk mit Foresight-Expert:innen in unterschiedlichen Beratungs- und Bildungsfeldern. Ihr Unternehmen ist Associate der Berliner Denkbank.