prof. dr. julia c. arlinghaus

Interview mit
Prof. Dr. Julia C. Arlinghaus

Leiterin Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF

 

Wie sind Sie dazu gekommen, Leiterin eines Forschungsinstitutes zu werden?

Im Herzen bin ich Logistikerin und wir Logistiker schauen ganzheitlich auf Unternehmen und Systeme, analysieren Probleme mit ihren gesamten Wechselwirkungen und finden so die beste Lösung. Genau so arbeiten wir auch am Fraunhofer IFF: Wir erforschen, wie die Fabrik der Zukunft aussieht und wie sie funktionieren kann. Dabei betrachten wir Prozesse, Strukturen und Technologien gleichermaßen. Wir überlegen, wie ein Produktionsunternehmen an seinem Standort wettbewerbsfähig bleiben kann und zwar für die nächsten zehn, zwanzig oder dreißig Jahre. Bei unserer Forschung geht es immer auch um die großen Fragen: Wie können wir menschenwürdige Arbeitsplätze in Deutschland erhalten? Wie sichern wir Wohlstand und bekämpfen gleichzeitig Armut? Wie bewältigen wir den Klimawandel? Dafür müssen wir lose Fäden verknüpfen und Ideen zusammenführen, die auf den ersten Blick scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Kreativ und innovativ zu denken, etwas Neues zu schaffen und direkt in die Anwendung bei den Unternehmen zu bringen: Ich habe meinen Traumjob gefunden.

Welche Entscheidung war aus Ihrer Sicht wegweisend oder aus welcher haben Sie am meisten gelernt?

Sehr geprägt hat mich meine Zeit als Beraterin in einem Automobilkonzern. Hier konnte ich sehen, wie die Prozesse in einer Fabrik tatsächlich funktionieren und dass es selbst in modernen Produktionsabläufen große Einsparmöglichkeiten bei wertvollen Ressourcen wie Rohstoffen und Energie gibt. Auch die Frage, wie menschenwürdige Arbeitsplätze dauerhaft im Hochlohnland Deutschland gesichert werden können, hat mich nicht mehr losgelassen. Eine zukunftsfähige Produktion kann nur im Zusammenspiel von Wissenschaft und Unternehmen entstehen. Dazu brauchen wir möglichst enge Verbindungen von verschiedenen Forschungseinrichtungen mit den Unternehmen und in interdisziplinären Teams. Neben meiner Funktion als Institutsleiterin bin ich deshalb auch Professorin an der Universität Magdeburg.

Welche Botschaft möchten Sie anderen Wissenschaftlerinnen mitgeben?

Ähnlich wie Unternehmerinnen in die Wirtschaft, bringen Wissenschaftlerinnen andere Sichtweisen und neue Ideen in die Forschung ein. Frauen kommunizieren anders, das wirkt sich auf die Forschung aus und bereichert diese. Es eröffnet der Wissenschaft auch einen neuen Blick auf sich selbst, ihre Vorgehensweisen, ihre Methoden. Dieses Potenzial sollten Frauen für sich nutzen, Wissenschaftlerinnen sollten außerdem gezielt den Kontakt untereinander und zu Unternehmerinnen suchen und starke Netzwerke bilden. So können Frauen die Welt verändern.

Welche Bedeutung hat ein Forschungsinstitut wie das Fraunhofer IFF für den Mittelstand?

Ein Team aus Visionären, aus realistischen Planern und unternehmerischen Machern wird immer die besten Resultate erzielen, weshalb Grundlagenforschung, angewandte Forschung und Praxis eng zusammenarbeiten müssen. Fraunhofer-Institute befinden sich in einem synergetischen Verbund mit einer Hochschule oder Universität. Sie übersetzen die aktuellsten Erkenntnisse der Grundlagenforschung schnellstmöglich in industrielle Anwendungen. Wir lösen die Probleme unserer Kunden, für die es am Markt noch keine Lösungen gibt. Die größten Innovatoren und Marktführer in vielen Bereichen sind mittelständische Unternehmen. Wir schätzen die kurzen Entscheidungswege und den Willen der Unternehmen, neue Ideen schnell in die Tat umzusetzen. Wenn wir mit dem Geschäftsführer eines Mittelständlers und seinem Produktionsleiter am Tisch sitzen und gemeinsam nach Lösungen für ein individuelles Problem suchen, dann macht das richtig Spaß. Und wenn wir am Ende des Tages einen Beitrag dazu leisten konnten, dass ein Unternehmen besser für die Zukunft gerüstet ist, weil es effizienter, resilienter oder digitaler geworden ist, dann haben wir alles richtig gemacht.

Was schätzen Sie am Verband Der Mittelstand.BVMW besonders?

Der BVMW vernetzt Unternehmen miteinander und mit der Wissenschaft, sodass ein Wissens- und Erfahrungsaustausch stattfindet. Bei Zukunftsthemen wie der Digitalisierung sehen wir Industrieunternehmen an ganz unterschiedlichen Ausgangspositionen. Während die einen sich bereits um die Automatisierung und Vernetzung ihrer Produktionsanlagen kümmern, benötigen die anderen Unterstützung beim Verständnis, wie Daten erhoben und verwendet werden können. Hier holt der BVMW Partner wie das Fraunhofer IFF ins Boot, die Unternehmen auf ihren individuellen Wegen begleiten. So entstehen Netzwerke, die den Mittelstand als Ganzes stärken.

Über Julia Arlinghaus

Name: Prof. Dr. Julia C. Arlinghaus

Abschluss: Dr. oec. (HSG), Universität St. Gallen

Position: Leiterin Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF, Lehrstuhlinhaberin für Produktionssysteme und -automatisierung Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Über das Unternehmen

Name des Unternehmens: Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF Magdeburg (Fraunhofer IFF) 

Gründung: 1992

Branche: Forschung

Firmensitz: Magdeburg (Sachsen-Anhalt)

Mitarbeitende: ca. 200

www.iff.fraunhofer.de