Auf dem Weg zur nachhaltigen Energieversorgung

Die Europäische Kommission möchte der Kernenergie einen grünen Anstrich verleihen und sie als nachhaltig einstufen. Auch hierzulande fordern Befürworter eine neue Chance für die Kernkraft.

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Doch ist das für eine sichere und kostengünstige Energieversorgung überhaupt notwendig?

Das Argument klingt einfach: Kernenergie als Brücke in eine nachhaltige Zukunft. Sicher, kostengünstig und vor allem CO2-neutral soll sie uns auf den Weg zur Erreichung der Klimaziele führen. Was auf den ersten Blick als zukunftsweisende Lösung erscheint, hält einer genaueren Prüfung an vielen Stellen allerdings nicht stand.

Die Praxis zeigt, dass schon die Baukosten heutiger Kernkraftwerke kaum kalkulierbar sind, wie der Reaktor-Neubau im französischen Flamanville veranschaulicht. Im Jahr 2012 sollte der Reaktor fertiggestellt werden. Zehn Jahre später ist eine Inbetriebnahme noch immer nicht in Sicht, während die Kosten von geplanten 3,3 Milliarden auf 19 Milliarden Euro in die Höhe geschossen sind. Gleichzeitig wird es bei der nächsten Generation von Kernkraftwerken noch Jahre brauchen, bis sie zur Serienreife gebracht werden können, wobei die Kosten noch völlig unklar sind. Investitionen in die Kernkraft verschlingen so in ganz Europa Milliarden an Steuergeldern. Gelder, die für die Transformation der Wirtschaft dringend benötigt werden.

Doch nicht nur der Bau neuer Reaktoren, sondern vor allem auch der Betrieb bestehender Kraftwerke wird zu einem immer stärkeren Kostenfaktor. Zum Jahresende 2021 sah sich Frankreich gezwungen, mehrere Reaktoren aufgrund technischer Störungen oder anstehender Wartungsarbeiten vom Netz zu nehmen. In der Folge war das Land darauf angewiesen, in großen Mengen Strom aus den europäischen Nachbarländern zu importieren – mit preistreibenden Effekten für den gesamten Markt.

Auch die Versorgungssicherheit ist aus deutscher Perspektive kein Grund, an der Kernkraft festzuhalten. Eine aktuelle Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass weder durch die Abschaltung von drei der sechs verbleibenden Meiler zum Jahreswechsel noch durch das komplette Auslaufen der Kernkraft zum Jahresende 2022 negative energiewirtschaftliche Auswirkungen zu erwarten sind. Zwar führt die Abschaltung zu einem kurzzeitigen Anstieg der CO2-Emissionen, da einige der wegfallenden Kapazitäten auch durch fossile Brennstoffe aufgefangen werden, allerdings können diese Effekte durch einen beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren schnell korrigiert werden.

Richtig bleibt, dass Deutschland auch zukünftig auf einen flexibel einsetzbaren Kraftwerkspark angewiesen sein wird, um einen kontinuierlichen Ausgleich für den Anteil am Strombedarf zu gewährleisten, der nicht aus Erneuerbaren Energien gedeckt werden kann. Für diesen Bedarf steht mit hochmodernen Gaskraftwerken eine praktikable und zukunftssichere Lösung zur Verfügung. Denn während Atomkraftwerke nicht in ein modernes Stromsystem passen, da sie unter Idealbedingungen dauerhaft in Betrieb sein müssten, können flexible Gaskraftwerke hervorragend dazu dienen, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Gleichzeitig können sie zukünftig mit synthetischem Gas aus grünem Wasserstoff nachhaltig und emissionsfrei betrieben werden.

Frankreich und viele weitere Länder in der europäischen Union setzen heute auf die Atomkraft und werden dies auch auf absehbare Zeit weiter tun. Dies ist im Sinne der guten europäischen Nachbarschaft zu respektieren. Gleichwohl sollten wir uns nicht verleiten lassen zu glauben, die Kernkraft sei der allgegenwärtige Lösungsweg. Weltweit deckt sie weniger als 5 Prozent des Primärenergiebedarfs. Um einen wirksamen Effekt im Sinne des CO2-Ausstoßes zu haben, müsste dieser Anteil auf etwa 30 Prozent steigen – wofür der Neubau tausender Blöcke notwendig wäre. Deutschland sollte deshalb alles daran setzen unter Beweis zu stellen, dass ein modernes und klimaneutrales Energiesystem ganz ohne Atomkraft möglich ist. Die notwendigen Instrumente hierfür haben wir in der Hand – machen wir uns an die Arbeit!

 

Die Autoren:

Prof. Dr. Eicke R. Weber
Vorsitzender der Kommission für Energie und nachhaltiges Wirtschaften im BVMW

Guido Körber
Geschäftsführender Gesellschafter der Code Mercenaries GmbH, Vorstandsmitglied der Kommission für Energie und nachhaltiges Wirtschaften im BVMw

Andre Steffens
Geschäftsführer der Wi SOLAR GmbH, Vorstandsmitglied der Kommission für Energie und nachhaltiges Wirtschaften im BVMW

Alexander Stork
Referent für Energie, Nachhaltigkeit, Mobilität und Logistik

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