Betriebliches Eingliederungsmanagement - Vorteile für den Mittelstand

Immer mehr Menschen sind auf Maßnahmen des Betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM) durch die gesundheitlichen Folgen der Corona Pandemie angewiesen. Das BEM ist sowohl ein Gebot der Menschlichkeit als auch der wirtschaftlichen Vernunft.

Neben den Bausteinen Arbeitsschutz und Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) zählt das BEM zu den Teilbereichen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM). Thomas Heidenreich, Experte für Gesundheitsmanagement und CEO der Sanosense AG, spricht im Interview über die hohe Relevanz und vielfältige Potentiale des Eingliederungsmanagements für mittelständische Unternehmen.

 

Thomas Heidenreich, CEO der Sanosense AG

Was genau versteht man unter dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement und welche Personen betrifft es?
Das BEM dient dem Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit und ist ein Instrument, um den Folgen des demographischen Wandels wirksam zu begegnen. Gleichzeitig sichert das BEM durch frühzeitige Intervention die individuellen Chancen auf Arbeitsplatzerhalt.

Im Sozialgesetzbuch ist festgelegt, dass ein Arbeitgeber alle Beschäftigten, die innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig sind, eine BEM-Maßnahme anzubieten hat. Das bedeutet, dass der Arbeitgeber klären muss, "wie die Arbeitsunfähigkeit möglichst überwunden werden und mit welchen Leistungen oder Hilfen erneuter Arbeitsunfähigkeit vorgebeugt und der Arbeitsplatz erhalten werden kann."

Gesetzlich vorgegeben ist - bei Zustimmung des Betroffenen - die Beteiligung der zuständigen Interessenvertretung der Beschäftigten (Betriebs- oder Personalrat), bei schwerbehinderten Beschäftigten außerdem die Beteiligung der Schwerbehindertenvertretung. Weiter sollen der Werks- oder Betriebsarzt hinzugezogen werden, wenn dies erforderlich ist. Soweit für die Überwindung der Arbeitsunfähigkeit und der Vorbeugung erneuter Erkrankung Leistungen zur Teilhabe oder begleitende Hilfen im Arbeitsleben in Betracht kommen, werden vom Arbeitgeber die Rehabilitationsträger oder bei schwerbehinderten Beschäftigten das Integrationsamt hinzugezogen.

Das BEM ist integrativer Bestandteil des BGM. Wie lässt sich ein ganzheitlicher Ansatz verwirklichen?
Konsequent angewandt profitieren betroffene Mitarbeiter, weil BEM sie vor Arbeitslosigkeit oder Frühverrentung schützen kann, ebenso wie Firmen, die die sozialen und fachlichen Kompetenzen der Mitarbeiter im Unternehmen weiterhin nutzen können.

BEM kann nur in einem ganzheitlichen Ansatz eine positive Wirksamkeit erzielen. Als losgelöstes, alleiniges Instrument wird es in Unternehmen weder von Seiten der Mitarbeiter noch vom Unternehmen als etwas Positives erlebt. Dann wird es als lästige Pflicht angesehen.

Integriert in einen ganzheitlichen Ansatz des BGM bietet das BEM allen Beteiligten gute Chancen zu gewinnen. Die Voraussetzungen dafür und die entsprechenden, notwendigen (Rahmen-) Bedingungen schaffen Unternehmen, wenn diese

  1. eine Unternehmenskultur schaffen und leben, in der Menschen mit ihrer Arbeit einen Sinn sehen, sich als Teil einer Gemeinschaft erleben und Vertrauen herrscht,
  2. Führungskräfte ein echtes, ehrliches Interesse an ihren Mitarbeitern zeigen und es schaffen, dass es einen gegenseitigen Respekt füreinander gibt und die Mitarbeiter ihre Potenziale ausschöpfen können,
  3. den Mitarbeitern helfen, (Eigen-) Verantwortung zu übernehmen. Das schließt die Verantwortung für die eigene Gesundheit, Verantwortung für den Aufgabenbereich, für das Miteinander, die soziale Interaktion und für das eigene Leben mit ein.
     

Bricht eine dieser drei Säulen weg, ist es nicht mehr möglich, wirksame Lösungen in einem BEM-Verfahren zu finden. Misstrauen verhindert dann einen offenen, ehrlichen Dialog miteinander, wodurch weder die wahren Auslöser ermittelt werden können noch die Leistungsfähigkeit ehrlich bewertet werden kann oder auch die Folgen nicht abgeschätzt werden können. Oder es fehlt am Ende die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen.

Die Relevanz des Themas BEG hat sich insbesondere durch die Corona-Krise weiter verschärft. Wird es auch in Zukunft für Unternehmen ein prioritäres Thema bleiben?
Definitiv, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum einen hat es mit der längeren Lebenserwartung zu tun. Derzeit wird, daraus resultierend, bereits wieder über eine längere Lebensarbeitszeit (jetzt 68) gesprochen. Der demographische Wandel führt dazu, dass die Finanzierung der Rentenversicherungssysteme an einen späteren Renteneintritt gekoppelt wird. Dem gegenüber stehen jedoch gesundheitliche Risikofaktoren, die eine Leistungsfähigkeit in vielen Branchen und Berufsgruppen bis 68 gar nicht ermöglichen. Die Finanz- und Niedrigzinspolitik führt weiterhin dazu, dass viele Mitarbeiter sich die vorzeitige Altersrente, aufgrund der Abschläge, finanziell nicht mehr leisten können. Sie verweilen, mit geringer Leistungsfähigkeit und einer Zunahme von Fehltagen, im Unternehmen. Für Firmen entsteht, rein wirtschaftlich gesprochen, ein Missverhältnis zwischen Produktivität und Kosten. Hinzu kommen weitere zukünftige Risikofelder, die sich durch Corona ergeben oder weiter verstärkt haben. So ist derzeit nicht absehbar, wie sich „Long Covid“ auf die Leistungsfähigkeit und auf Fehlzeiten von Mitarbeitern auswirken. Des Weiteren ist ein Rückgang von sportlicher Aktivität in Vereinen zu verzeichnen, eine Zunahme von psychischen Belastungen und Beanspruchungen. Der Erhalt der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter, unter diesen Aspekten (alleine schon des demographischen Wandels) wird für Unternehmen eine sehr große Herausforderung und damit ein prioritäres Thema werden bzw. bleiben.

Was sind die zentralen Herausforderungen bei der Umsetzung des Betrieblichen Eingliederungsmanagements. Welche Rolle kommt dabei den Führungspersonen zu?
Die zentralen Herausforderungen stellen kulturelle Aspekte dar, denn für eine erfolgreiche Umsetzung ist das gegenseitige Vertrauensverhältnis essenziell. So müssen betroffene Mitarbeiter den Mut aufbringen, offen und ehrlich sowohl über ihre (Leistungs-) Einschränkungen als auch über die Auslöser und Folgen zu sprechen. In einer schlechten Unternehmenskultur, die von Angst und Misstrauen geprägt ist, werden Mitarbeiter hier taktische Antworten geben, die zwar ihre gesundheitliche Situation nicht verbessern, ihnen jedoch aus ihrer Sicht die größten Chancen auf den Fortbestand ihres Arbeitsverhältnisses geben.

Betroffene Mitarbeiter müssen das Gefühl haben, dass sie nicht als reiner Kostenblock gesehen werden, bei dem eine rein betriebswirtschaftliche Abwägung zwischen Kosten und Nutzen stattfindet, sondern als Mensch mit Potenzialen und als wertvoller Teil einer Gemeinschaft.

Gleichzeitig benötigt es Verständnis auf Seiten der Mitarbeiter, dass ein Unternehmen nicht jeden Auslöser und jede Situation verändern kann. Es erfordert Mut, Weitsicht und Verständnis auch selbst eigene Beiträge zu leisten, um mit seiner gesundheitlichen Situation weiterhin arbeitsfähig zu bleiben. Dazu gehört auch die Bereitschaft auf Verzicht, um z. B. durch eine Reduktion von Stunden und damit Entgelt seine gesundheitliche Situation zu erhalten oder zu verbessern.

Den Führungspersonen kommt dabei eine zentrale Rolle zu, denn diese prägen maßgeblich die Arbeitskultur und Umgebungsbedingungen im Unternehmen. Mitarbeiter orientieren sich in ihrem Verhalten und Handlungen an den Führungspersonen, die als Vorbild agieren. Gemeinsame Werte und Überzeugungen im Unternehmen, in Teams können nur miteinander geteilt werden, wenn die Führung diese Werte ebenfalls lebt, einfordert und verteidigt. Dadurch entstehen ein Gemeinschaftsgefühl und der Mut, sich auch im Unternehmen, im Team menschlich, verletzlich zu zeigen. Diese emotionale Sicherheit und psychologische Stabilität ist Voraussetzung dafür, dass sich Mitarbeiter auch in einem BEM-Verfahren öffnen. Nur durch einen transparenten und ehrlichen Austausch miteinander werden Auslöser und Auswirkungen sichtbar und damit lösbar. Durch Offenheit kann Verständnis erzeugt, Rücksicht genommen, Verantwortlichkeiten geklärt und Lösungen kreiert werden. Angst verhindert Lösungen.

Welchen Ratschlag möchten Sie Unternehmerinnen und Unternehmen für eine erfolgreiche Implementierung des BEM auf den Weg geben?
Setzen Sie bereits im Alltag an, um Auslöser für Fehlzeiten (Fluchtursachen) zu verhindern. Bauen Sie eine positive Unternehmenskultur, schaffen Sie gute Umgebungsbedingungen, in denen positive Energie herrscht. Vereinbaren Sie klare Werte miteinander, auf deren Grundlagen sie entscheiden, ihre Handlungen und Verhaltensweisen danach ausrichten. Interessieren Sie sich ehrlich für Ihre Mitarbeiter und geben diesen das Gefühl ein wichtiger Bestandteil einer Gemeinschaft zu sein. Sprechen Sie über den Sinn ihrer Arbeit und zeigen Sie den Mitarbeitern auf, wem diese mit ihrer Arbeit einen (Mehr-) Wert und Nutzen stiften.

Gehen Sie menschlich miteinander um und fördern Sie Verantwortungsbewusstsein bei Ihren Mitarbeitern. Auf dieser Grundlage hilft Ihnen das BEM beim Erhalt der Leistungsfähigkeit Ihrer Mitarbeiter   und ist nicht lediglich ein gesetzlich vorgeschriebenes Instrument.

Die Schlüsselfaktoren sind Verständnis, Vertrauen und Verantwortung. Versetzen Sie sich gegenseitig in die Position des Gegenübers. Machen Sie sich bewusst, dass BEM ein Lösungsinstrument ist, und vertrauen sie jeweils darauf, dass die Intension des BEM etwas Positives ist. Zu guter Letzt ist es wichtig zu verstehen, dass BEM keine Einbahnstraße darstellt, sondern vielmehr beide Seiten sich ihrer Verantwortung zum Erhalt oder Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit und Integration in den betrieblichen Ablauf bewusst sind und auch übernehmen. Das schließt auf der einen Seite die Fürsorgepflicht des Unternehmens gegenüber dem Mitarbeiter ein, auf der anderen Seite die Verantwortung für die eigene Gesundheit auf Seiten des Beschäftigten.

Ebenso wie ein Beschäftigungsverhältnis ein Chancenverhältnis ist, welches sich zwei Parteien (Arbeitnehmer und Arbeitgeber) geben, gemeinsam etwas erreichen zu können, stellt das BEM ein Angebot dar, dieses Chancenverhältnis zu erhalten.

Beim BEM wird oftmals im Laufe des Verfahrens eine angemessene Beschäftigungsmöglichkeit entdeckt und Hilfen ausfindig gemacht, mit denen die Arbeitsunfähigkeit überwunden und damit die (Weiter-) Beschäftigung gesichert werden kann. Zum BEM gezwungen werden die Beschäftigten nicht. Die Teilnahme ist immer freiwillig.

 

Thomas Heidenreich
CEO der sanosense AG
Kontakt: thomas.heidenreich@sanosense.de