Der Mittelstand muss weiblicher werden

Studien zeigen: In den meisten Chefetagen und Startups dominieren Männer. Dabei profitiert jedes Unternehmen von Frauen an der Spitze.

Zum deutschen Mittelstand zählen knapp vier Millionen kleine und mittlere Unternehmen. Eine Studie der Kreditanstalt für
Wiederaufbau (KfW) zeigt, dass im Jahr 2018 rund 613.000 dieser Unternehmen von einer Frau geführt wurden - das sind 16,1
Prozent, ein leichtes Plus von 33.000 gegenüber 2017. Überdurchschnittlich viele Frauen haben ein Unternehmen gegründet und wurden Chefin; der weibliche Anteil am Gründungsgeschehen stieg insgesamt auf 40 Prozent. Doch der Blick auf den aktuellen KfW- Gründungsmonitor ernüchtert: Schon ein Jahr später, 2019, geht der Anteil der Gründerinnen um 215.000 auf 36 Prozent zurück. In welchen Branchen kommen Frauen in der Chefetage an, und wo halten sich hartnäckig die Männer? Wie kann der deutsche Mittelstand insgesamt weiblicher werde


Frauen führen in bestimmten Branchen

Es sind ganz bestimmte Wirtschaftszweige, die 2018 den größten Zuwachs an Frauen in den oberen Etagen verzeichneten. Von den insgesamt 613.000 Chefinnen leiten 519.000 Unternehmen aus der Branche der „wissensintensiven Dienstleistungen“, wie etwa Architektur, Steuer- und Unternehmensberatung, Handel, Bildung, Pflege, Kultur sowie Gast- und Hotelgewerbe. In den Führungsetagen des verarbeitenden Gewerbes indes finden sich kaum Frauen.

"Von den insgesamt 613.000 Chefinnen leiten 519.000 Unternehmen aus der Branche der wissensintensiven Dienstleistungen."

Sie halten sich fern vom Maschinenbau, der Kfz-Industrie sowie Mess- und Regeltechnik; auch pharmazeutische Unternehmen werden selten von Frauen geführt. Von den 52.000 Betrieben dieser forschungs- und entwicklungsintensiven Branche werden 1.000 von Frauen geführt – enttäuschende zwei Prozent. Dabei liegt der Frauenanteil an Absolventen der MINT-Studiengänge bei etwa einem Drittel.


Auch familiengeführte Unternehmen haben Nachholbedarf


Die Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) hat zum Frauentag im März 2020 ihre eigene Untersuchung veröffentlicht  und kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Im Jahr 2019 betrug der Frauenanteil in mittelständischen Führungsetagen 15,6 Prozent – fast doppelt so hoch wie bei börsennotierten Konzernen. Elfriede Eckl von EY glaubt, dass KMU im harten Wettbewerb um Fachkräfte kreativer sein müssten, sie sprächen in der Personalaquise eher Frauen an. Zudem seien viele Mittelständler familiengeführt, immer mehr Töchter übernähmen das Unternehmen des Vaters.


Doch gerade der gesonderte Blick auf familiengeführte Unternehmen zeigt ein differenziertes Bild: Tatsächlich haben unter den 100 größten Familienunternehmen zehn von den 20 an der Börse notierten Firmen eine Frau in der Geschäftsführung. Das ergibt eine Studie die der AllBright Stiftung, die den Frauenanteil in den Chefetagen der deutschen Familienunternehmen von März 2019 bis März 2020 untersucht hat. Die höhere Transparenz und Erwartungshaltung, der Börsenunternehmen unterliegen, sorgen für diversere Kontrollorgane, die oftmals mit Führungskräften außerhalb des Familienkreises besetzt sind. Doch unter den nicht-börsennotierten Unternehmen haben nur 5,9 Prozent Frauen in der Führung; Familienunternehmen, die gänzlich in Familienbesitz sind, lediglich 4,8 Prozent. Insgesamt sind nur knapp sieben Prozent der Führungsmitglieder weiblich.
Wiebke Ankersen, Mitgeschäftsführerin der AllBright-Stiftung, macht dafür die längere Verweildauer der männlichen Führungskräfte verantwortlich. Das sorge für ein tradierte, starres Rekrutierungsverhalten.


Männernetzwerke und Geschlechterstereotype

Die Personaler aus den MINT-Branchen sehen eine andere Ursache für mangelnde weibliche Führung:
Es gibt sie schlicht nicht, die hochqualifizierte, führungsambitionierte Maschinenbauerin, Schiffsbauingeneurin, Mechatronikerin. Im Kraftfahrzeugbau berichten 51 Prozent der Unternehmen von Schwierigkeiten, überhaupt gut ausgebildete Frauen zu finden, in der Elektrotechnik klagen 49 Prozent über weiblichen Fachkräftemangel. Doch sind „typisch weibliche“ Neigungen die Ursache? Auch Elfriede Eckl ist sich sicher, dass gerade in diesen Branchen männliche informelle Karrierenetzwerke Frauen vom Aufstieg ausschließen. Und wie sollen Frauen in den MINT-Berufen reüssieren, wenn es schon Eltern, Schule und Universität nicht gelingt, Mädchen für Mathematik und Physik zu begeistern? Doch auch der Mittelstand selbst ist in der Pflicht, wie die Zahlen von Ernst & Young zeigen: Nur noch 19 Prozent der Mittelständler bieten aktive Frauenförderung an, 2018 waren es noch 22 Prozent. Modelle zur flexiblen Arbeitszeit sind für gerade mal 16 Prozent ein Thema, zwölf Prozent fördern Homeoffice und wollen den Gender Pay Gap einebnen.


Die Gleichberechtigung in der Chefetage kommt also nur langsam voran. Sie könnte aber zügig Fahrt aufnehmen. Forscher der Universität Erlangen fanden heraus: Je mehr Chefinnen ein Unternehmen hat, desto mehr kommen hinzu. Zudem sind Geschäftsführungen aus gemischten, inklusiven und jüngeren Teams innovativer, attraktiver für Fachkräfte, kundenorientierter, schaffen ein besseres Arbeitsklima und arbeiten letztlich profitabler. Die Frauenfrage in der Führungsetage ist kein Problem oder ein reines Zeitgeistphänomen, sondern eine reale wirtschaftliche Chance. Der deutsche Mittelstand sollte sie wahrnehmen.

 

Gut zu wissen

 

  • 16,1 % der KMU werden von einer Frau geführt, das sind 613.000 (2013: 19,4 %)
  • 85 % der Chefinnen leiten ein wissensbasiertes Dienstleistungsunternehmen
  • 33 % aller MINT-Absolventen sind weiblich, nur 2 % führen ein industrielles KMU
  • Insgesamt 7 % der 100 größten Familienunternehmen werden von einer Frau geführt, davon nur 4,8 % der Unternehmen, die zu 100 % in Familienbesitz sind
  • 19 % beträgt der Anteil der KMU, die 2019 gezielt Frauen förderten (2018: 22 %)
  • 9 % beträgt der weibliche Anteil in den Führungsetagen DAX-notierter Konzerne

 

 

 

Bernd Ratmeyer
Journalist
mittelstand@bvmw.de

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