Starke Frauen, starker Mittelstand

Wie wird man Unternehmerin, welche Erfahrungen kennzeichnen diesen Weg, und was bedeutet zeitgemäße Führung? Über diese und andere Fragen sprach DER Mittelstand. mit Dr. Simone Burel, der Gesellschafterin & Geschäftsführerin der LUB GmbH.

DER Mittelstand.: Wie sind Sie dazu gekommen, Unternehmerin zu werden?


Dr. Simone Burel: Ich hatte eigentlich nie vor, ein Unternehmen zu gründen, aber wie so oft im Leben kam es dann doch anders: Ich habe erkannt, dass ich mit meiner Dissertation über die Sprache der DAX-30-Unternehmen auf eine Marktlücke gestoßen bin. Rund 80 Prozent der geschäftsrelevanten Daten in Unternehmen verbergen sich nämlich in Wörtern und nicht in Zahlen. Es ist also die Sprache, die eine Unternehmenskultur wesentlich determiniert und in der verborgene Wissensschätze liegen. Deshalb habe ich dann auf Basis meiner Dissertation mein Unternehmen LUB GmbH, die erste linguistische Unternehmensberatung Deutschlands, gegründet. Wir untersuchen Sprache in Unternehmen und können daraus Denkmuster, Wünsche, Emotionen oder die Stimmung in einer Organisation ablesen. So können wir wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Linguistik nutzen und mit Anwendungsproblemen aus der Praxis verbinden, um Unternehmen noch besser zu machen.


Wenn Sie in der Zeit zurückgehen könnten, würden Sie denselben Weg noch einmal gehen, oder würden Sie etwas anders machen?


Im Großen und Ganzen würde ich meinen Weg wieder genauso gehen. Ich habe glücklicherweise keine groben Fehler begangen und hatte aufgrund meiner Ersparnisse und Rücklagen gute Voraussetzungen.
Natürlich gibt es aber ein paar Kleinigkeiten, die ich jetzt im Rückblick anders machen würde. So habe ich beispielsweise schon
früh festgestellt, dass ich zu unkonventionell für die klassische Business-, aber auch für die Universitätswelt bin. Trotzdem habe ich nicht gleich den Schritt in die eigene Unternehmung gewagt, sondern zunächst eine Angestelltentätigkeit gesucht, um bei einem Finanzdienstleister als Kommunikationsleiterin zu arbeiten. Dort wurde ich aber überhaupt nicht glücklich und beendete diesen Job nach nur einigen Monaten. Auch eine Post-Doc-Stelle in der Wissenschaft habe ich nach zwei Jahren wieder aufgegeben.


Welche Entscheidung würden Sie für sich als die Wegweisendste bezeichnen oder die, aus der Sie am meisten gelernt haben?


Die Entscheidung, meine Ziele konsequent zu verfolgen und mich nicht von Zweiflerinnen und Zweiflern beziehungsweise meinen eigenen Zweifeln von meinem Weg abbringen zu lassen. So banal es klingt: Man(n) kann es nie allen recht machen und frau meistens noch viel weniger. Mit meiner Firma habe ich mir mein eigenes Universumgeschaffen. Hier kann ich meine
Werte und Visionen verwirklichen und diese an mein Team sowie unsere Kundinnen und Kunden weitergeben.
Ich bin immer den Weg des organischen Wachstums gegangen und habe mich nicht von der aufgeblasenen Startup-Welt beeinflussen lassen, die Dinge viel zu schnell über Fremdkapital regelt – das wollte ich nie, denn es bedeutet oft auch Entscheidungsmacht und Visionen abzugeben. Außerdem ist dieser Weg nicht immer nachhaltig, wenn sofort an Skalierung oder Internationalisierung gedacht wird. Für mich dagegen steht solides und nachhaltiges Wirtschaften im Vordergrund – die Firma ist wie meine Familie. Ich möchte zu allen Bereichen gute Beziehungen pflegen und sie nicht in fünf Jahren wieder abstoßen.


Womit beschäftigen Sie sich derzeit besonders intensiv?

 

Ein Thema, das mir schon immer am Herzen liegt und das wir aktuell besonders weit oben auf der Agenda haben, ist die Förderung
von Frauen. Ich habe hierzu zusammen mit meinem Team ein innovatives Blended-Learning-Programm, die digitale FATALE University, entwickelt. Hier bekommen Frauen in Modulen zu verschiedenen Themen das Wissen und die Tipps an die Hand, die sie für eine erfolgreiche Karriere brauchen: Damit wir in Zukunft mehr Frauen in Führungspositionen bekommen.


Sie haben ein Buch geschrieben zum Thema Female Leadership. Was macht aus Ihrer Perspektive Frauen in Führungspositionen aus?


Mit Führung werden im allgemeinen Männer assoziiert, und damit auch Eigenschaften, die typischerweise Männern zugeschrieben
werden wie Dominanz und Selbstsicherheit. Mit diesen Faktoren wird auch der Begriff Management assoziiert, während Leadership eher mit weichen Faktoren wie Kommunikation und Motivation in Verbindung gebracht wird. Mit zunehmender Diversität und Internationalität von Teams in der Arbeitswelt 4.0 werden diese weichen Faktoren immer wichtiger, und gerade weibliche Führungskräfte haben ein hohes Potenzial, die Koordination und den Zusammenhalt von Teams solide zu meistern. Allgemein neigen Frauen einer Studie zufolge zu einem ganzheitlichen und selbstkritischen Führungsstil.

Was sind Ihre Erkenntnisse zum Thema Führung aus den letzten Jahren? Was hat sich geändert, verbessert oder verschlechtert?


Es gibt inzwischen zahlreiche Ausdrücke, die auf verschiedene Führungsstile verweisen. Plural/Collective Leadership, Mixed Leadership, Co-Leadership, Distributed Leadership oder Shared Leadership deuten an, dass der Trend weg vom alleinigen Manager geht. Aber neue Muster setzen sich in Unternehmen erst langsam durch, und gerade (Geschlechter-)Stereotype halten sich in Führungsetagen hartnäckig, und Frauen werden immer noch zu wenig in der Rolle der Führungskraft gesehen. Darum müssen Frauen sprachlich in dieser Rolle sichtbar gemacht werden, und wir sprechen von „Female Leadership“, bis das Zeitalter der genderneutralen Führung beginnt und wir wieder nur von „Leadership“ sprechen können.


Haben Sie Tipps, die Sie anderen Unternehmen gern mitgeben möchten?


Zu viele Unternehmen setzen nach wie vor auf die immer gleiche Führungsriege aus Männern gleichen Alters, gleicher Herkunft, gleicher Ausbildung. Dadurch wird unsere vielfältige Gesellschaft nicht in den Positionen von EntscheidungsträgerInnen repräsentiert. Dabei haben Studien gezeigt, dass diverse Teams für mehr Erfolg und Innovationskraft sorgen – und damit sowohl gesellschaftlich als auch betriebswirtschaftlich unabdingbar sind. Unternehmen sollten daher gezielter Frauen ansprechen, zum Beispiel indem sie ihre Stellenausschreibungen dementsprechend anpassen. Auch weitere bislang unterrepräsentierte Gruppen müssen stärker berücksichtigt werden, wie People of Color, queere Personen oder Menschen mit Behinderung.


Das Interview führte Diana Scholl, BVMW Leiterin politische Netzwerke
und Strategie, stellvertretende Leiterin Volkswirtschaft.

Visitenkarte
Dr. Simone Burel ist Gesellschafterin und Geschäftsführerin der LUB GmbH, die sie 2015 auf Basis ihrer Dissertation über
die Sprache der DAX-30-Unternehmen gegründet hat. Für ihre Forschung und Praxisarbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet,
u. a. vom Karriereportal academics als eine der Top-Ten-WissenschaftlerInnen 2017, der Gesellschaft für Angewandte
Linguistik und mit dem höchstdotierten Wirtschaftsförderpreis der Stadt Mannheim.
www.lub-mannheim.de

Gut zu wissen
Dr. Simone Burel ist Fachbuchautorin
bei Springer Gabler, hier erschien aktuell ihr
Buch „Quick Guide Female Leadership –
Frauen in Führungspositionen in der Arbeitswelt
4.0“ (19,99 Euro)